Fußball

Favre leidet, Brandt erlöst sich Der BVB taumelt mit Schmerzen aus der Krise

Borussia Dortmund trotzt der sich anbahnenden Krise im DFB-Pokal gegen Mönchengladbach durch zwei späte Tore von Fußball-Nationalspieler Julian Brandt. Der in die Kritik geratene Trainer Lucien Favre kann durchatmen. Aber nur vorerst.

Wer die Szene in der zweiten Halbzeit des DFB-Pokal-Zweitrundenduells links am Mönchengladbacher Strafraum beobachtete, dem konnte wirklich angst und bange werden um die Borussia aus Dortmund: Deutschlands Fußball-Nationalspieler Nico Schulz hatte den Ball in der Vorwärtsbewegung vertändelt, doch statt zurückzueilen und das Missgeschick auszubügeln, blieb er einfach stehen und beobachtete den gegnerischen Konter. Lukasz Piszczek half dem verweigernden Kollegen und eroberte das Spielgerät, doch anstatt die Situation zu klären, dribbelte der Pole ins Aus und verursachte einen Eckball.

Es lief wenig bis nichts zusammen beim BVB – wie so oft in den letzten Wochen, in denen die Borussia mehr schlecht als recht durch drei Wettbewerbe taumelte. Als kurz darauf auch noch der Führungstreffer für die ersatzgeschwächte Borussia vom Niederrhein fiel – Marcus Thuram war nach einer Flanke von Oscar Wendt mutterseelenallein zum Kopfball gekommen (71.) – schien sich die sich seit Längerem anbahnende Dortmunder Krise endgültig zu manifestieren. Doch siehe da, das Team des in die Kritik geratenen Trainers Lucien Favre lebt noch. Der Gastgeber schüttelte sich und drehte eine verrückte Partie. Mit einem Blitz-Doppelpack stellte DFB-Spieler Julian Brandt (77./80. Minute) von 0:1 auf 2:1 und damit auf Achtelfinaleinzug.

Borussia Dortmund - Borussia Mönchengladbach 2:1 (0:0)

Tore: 0:1 Thuram (71.), 1:1 Brandt (77.), 2:1 Brandt (80.)
Dortmund:
Hitz - Piszczek, Akanji, Zagadou, Schulz (77. Mario Götze) - Witsel, Weigl - Sancho, Brandt, Hazard - Bruun Larsen (63. Hakimi); Trainer: Favre
Mönchengladbach: Sommer - Beyer, Zakaria, Elvedi - Lainer, Benes (80. Herrmann), Bensebaini (30. Wendt) - Neuhaus, Hofmann (87. Makridis) - Thuram, Stindl; Trainer: Rose.
Schiedsrichter: Cortus (Röthenbach)
Zuschauer: 79.800 '
Rote Karte: Rose (Mönchengladbach) wegen unsportlichen Verhaltens (90.+1)

Favre brachte die Geschehnisse eines über weite Strecken niveauarmen aber am Ende turbulenten Kicks auf den Punkt: "Ruhig bleiben und eine Reaktion zeigen. Das haben die Spieler sehr gut gemacht. Spiel gedreht, fertig!" Der 61-jährige Schweizer fasste sich bei seinem für seine Verhältnisse ausufernden Jubel nach dem Siegtreffer an den linken Oberschenkel. Er habe sich zwei Tage zuvor während des Trainings einen Muskelfaserriss zugezogen, "aber das habe ich in dem Moment total vergessen".

Bis zum Ausgleich gelingt Brandt fast nichts

Wer den Auftritt der zunächst durch die Nacht schwächelnden und dann jubelnden Borussia aus dem Revier auf einen Protagonisten verdichten wollte, war bei Brandt genau an der richtigen Adresse. Seit der Nationalspieler von Bayer Leverkusen zum börsenorientierten Fußballunternehmen aus dem Ruhrgebiet transferiert wurde, fremdelt der Offensivspieler sichtlich. Brandt, der bei seinem ehemaligen Arbeitgeber eine brillante Rückrunde hingelegt hatte, agierte bislang mit wesentlich mehr Schatten als Licht.

Das änderte sich auch bei diesem Pokalspiel unter Flutlicht zunächst nicht. Bevor Brandt in der 77. Spielminute mit einem abgefälschten Flachschuss der zu diesem Zeitpunkt äußerst schmeichelhafte Ausgleich gelang, hatte er fast keinen Ball zum Nebenmann gebracht. Auch der Rest der im Sommer mit vielen Millionen Euro gepimpten Dortmunder Offensive taumelte weitgehend orientierungslos über den Rasen. Sie hatte in Mailand, auf Schalke und nun gegen Gladbach sage und schreibe 260 Minuten lang keinen einzigen Treffer zustande gebracht.

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Julian Brandt findet: "Am Ende haben wir es gut gemacht."

(Foto: dpa)

Doch nach dem Rückstand zeigte sich der BVB wehrhaft und brachte die Tugend in die Partie, über die sie in Dortmund gar nicht gerne sprechen: Mentalität. Innerhalb von vier Minuten drehte Brandt die Partie und sorgte dafür, dass die Stimmungslage elementar in den positiven Bereich herüberschwenkte. "Am Ende haben wir es gut gemacht", gab der Matchwinner zu Protokoll, "aber wir hatten Phasen, in denen wir schludrig agiert haben. Aber in diesem Stadion ist alles möglich."

Zuschauerrekord im DFB-Pokal

Apropos Stadion: 79.800 Besucher sahen die Partie, es war eine historische Marke. So viele Zuschauer hat es in der Geschichte des DFB-Pokals bei einer Zweitrundenbegegnung noch nie gegeben. Das Gros der Fans konnte den Heimweg fröhlich antreten, weil ihre Borussia noch so gerade eben die Kurve bekommen hatte. Solch späte Glücksgefühle nach einem Rückstand bekommen im Fußball das Prädikat "besonders wertvoll". Das sah auch Brandt so: "Du musst dir mit Erfolgen das Selbstbewusstsein und die Sicherheit zurückholen. Solche Siege wie heute, wo du die Zähne zusammenbeißen musst, tun einfach nur gut."

Bei Borussia Dortmund können sie einige Tage durchatmen und alle Diskussionen um den Trainer hintenan stellen. Am Samstag kommt der VfL Wolfsburg, der im Pokal gegen Leipzig zwar eine herbe Klatsche hinnehmen musste, in der Liga aber noch ungeschlagen ist. Wie man es schafft, in turbulenten Zeiten die Ruhe zu bewahren und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, erläuterte Piszczek: "Ich lese keine Zeitung und kriege nichts mit. Ich mache das, was ich am besten kann: Fußball spielen." Wohl dem, der es schafft, seinem Beruf so relaxt nachzugehen.

Da hat Marco Rose ein ganz anderes Erregungspotenzial. Gladbachs Trainer sah in der Schlussphase die rote Karte, weil er nach einer Entscheidung auf Eckball für den BVB so vehement protestierte, dass ihn Schiedsrichter Benjamin Cortus vom Platz verwies. Er habe "wahrscheinlich ein bisschen überreagiert und Worte gefunden, die wohl nicht die richtigen waren", räumte Rose ein. Es war nicht das erste Mal, dass der impulsive Übungsleiter überreagierte. Nun muss er mit Konsequenzen rechnen. Es scheint, als habe die Bundesliga einen neuen "Kloppo". Dortmunds ehemaliger Trainer Jürgen Klopp war während seiner Zeit im Ruhrgebiet regelmäßig über das Ziel hinausgeschossen und war immer wieder zu beträchtlichen Geldstrafen verdonnert worden.

Quelle: ntv.de