Fußball

"Ohne Ironie geht es nicht" Der FC Bayern ist sich selbst peinlich

Zehn starke Minuten nimmt der FC Bayern im Duell mit dem Fußball-Zweitligisten VfL Bochum für sich in Anspruch. Das reicht, um die heftig drohende Katastrophe in der zweiten Runde des DFB-Pokals zu verhindern. Die Münchener sind dennoch von der eigenen Leistung erschüttert.

Aus Freundlichkeit, so sagte Hasan Salihamidzic in der Interviewzone des Ruhrstadions, sei er noch einmal aus der Gästekabine gekommen, in die er, der Sportdirektor des FC Bayern, ein paar Minuten zuvor mit gesenktem Blick und zweimal tief durchatmend gegangen war. Als erster Vertreter der Münchener war er zuvor genervt in den Katakomben verschwunden an diesem Pokalabend beim kriselnden Fußball-Zweitligisten VfL Bochum, aus dem der Titelverteidiger heftig wankend als Sieger hervorgegangen war.

VfL Bochum - FC Bayern München 1:2 (1:0)

Bochum: Riemann - Celozzi, Decarli, Bella Kotchap, Soares - Losilla, Tesche - Zoller (78. Osei-Tutu), Blum - Lee (66. Wintzheimer), Ganvoula. Trainer: Reis
München: Neuer - Kimmich, Pavard, Boateng, Davies - Thiago - Perisic (46. Lewandowski), Tolisso (64. Müller), Goretzka (57. Coutinho), Coman - Gnabry. Trainer: Kovac
Schiedsrichter: Schröder
Tore: 1:0 Davies (36., Eigentor), 1:1 Gnabry (83.), 1:2 Müller (89.)
Gelbe Karten: Lee (30.), Losilla (50.) -
Rote Karte: Bella-Kotchap wegen Handspiels als letzter Mann (88.)
Zuschauer: 26.600 (ausverkauft)

Erst sehr spät drehten Serge Gnabry (83.) und Thomas Müller (89.) den Rückstand durch das Eigentor von Linksverteidiger Alphonso Davies (36.) noch zum 2:1 (0:1)-Zweitrundenerfolg des Goliaths gegen den leidenschaftlich kämpfenden David. "Das war ein Top-Abend, wirklich top. Das war ein Riesenspiel von uns", sagte Salihamidzic nun. Er sagte dann aber auch: "Ohne Ironie geht es heute nicht." Sarkasmus als Heilkraut für ein langes, peinliches, bayrisches Leiden. Denn nichts anderes war's. Zehn gute Minuten hatte der Sportdirektor gesehen und eben zwei Tore. Mehr inhaltliche Erkenntnisse gab's von ihm nicht in 120 kuriosen Interviewsekunden nicht. "Jetzt freuen wir uns auf den Bus."

Schnell weg und alles vergessen, was sich da vor 26.600 Zuschauern in Bochum ereignet hatte. Analysieren könne man das eh nicht, sagte Salihamidzic. Und auch Müller empfahl, sich nicht allzu lange mit dieser Leistung zu beschäftigen. Sie war ein überraschendes und erschreckendes Allerlei aus Fehlpässen, Laissez-faire und Einfallslosigkeit. Sie war ein Allerlei, das Trainer Niko Kovac in Dauerschleife verzweifeln ließ. Dass diese Nicht-Leistung nicht in der maximalen Peinlichkeit aufging, war am Ende jenen Momenten zu verdanken, die Kovac am Tag vor dem Spiel noch einmal mahnend beschworen hat. "Wenn man das Tempo forciert, gerade gegen unterklassige Mannschaften, dann ist unsere Qualität zu groß."

Goretzkas Spaß-Appell verhallt im Ruhrstadion

Tatsächlich war es der sehr, sehr schnelle Kingsley Coman, der beide Treffer mit seinem Antritt gegen die sehr, sehr müde werdenden Bochumer vorbereitete. Die nach der Roten Karte gegen den erst 17-jährigen Innenverteidiger Armel Bella Kotchap (88.) auch noch dezimiert waren. Erst legte der Außenstürmer nach Zuspiel des eingewechselten Robert Lewandowski für Gnabry auf, der am langen Pfosten wartend völlig gegenspielerbefreit war. Dann spielte er nach einer überragend gechippten Flanke aus dem Zentrum des ebenfalls eingewechselten Philippe Coutinho den mitgelaufenen Joshua Kimmich am Fünfmeterraum frei, der den Ball zu Müller - auch der wurde eingewechselt - und schließlich zur Entscheidung brachte.

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Wusste um die Atmosphäre an alter Wirkungsstätte: Leon Goretzka (r.).

(Foto: dpa)

So ein spätes Tor, befand Luxus-Joker Müller schließlich, "setzt Emotionen und Glücksgefühle frei." Sie waren gar immens - womöglich, weil sie beim FC Bayern rar waren im Ruhrstadion. Leon Goretzka, gebürtiger Bochumer, langjähriger VfLer und seit anderthalb Jahren bei den Münchenern angestellt, vermisste bei seiner Mannschaft gar gänzlich den Spaß am Spiel. Und das von Beginn an. Dabei hatte er seine Mitspieler in der Kabine noch einmal explizit darauf hingewiesen, wie viele Freude es doch eigentlich machen sollte, in so einer leidenschaftlichen Atmosphäre zu spielen.

"Unfassbare Fehler im Passspiel"

Diese Atmosphäre - enges Stadion, Flutlicht, kollektives Hoffen auf ein Wunder - behagte dem FC Bayern aber nicht. Schon nach einer Minute hätte es 1:0 für Bochum stehen müssen, als Simon Zoller aus elf Metern freistehend kläglich verzog. Die Reaktion der Gäste: fahrig, schuldig, uninspiriert. Gute Chancen wurden entweder schlecht abgeschlossen, zum Beispiel durch Coman in der 15. Minute, oder noch schlechter zu Ende gespielt, zum Beispiel durch den freien Gnabry (60.). "Wir haben unfassbare Fehler im Passspiel gehabt", analysierte Goretzka. "Und wir haben die Härte im Zweikampf vermissen lassen." Ein sehr schlapper Auftritt sei das gewesen. Einer, den man so vom FC Bayern nicht gewohnt sei.

So ganz richtig ist das nicht. Seit Wochen, die Ausnahme war das phänomenale 7:2 in der Champions League bei aberwitzig schlechten Tottenham Hotspurs, muss sich die Mannschaft von Coach Kovac Kritik anhören, dass ihr die Leichtigkeit fehle, dass ihr das Besondere abgehe, dass ihr eine Spielidee fehle, dass die Siege nicht dominant erzwungen werden. "Ich würde gerne etwas anderes erzählen", sagte Kapitän Manuel Neuer, der sich am Wochenende beim Bundesligaduell gegen den 1. FC Union Berlin bereits mit einem Wutanfall gegen die Unzulänglichkeiten im Bayernspiel positioniert hatte, nun, "aber warum soll ich lügen?" Die Leistung gegen Bochum, den angeschlagenen Tabellen-16. der 2. Bundesliga, "war nicht das, was man vom FC Bayern erwarten kann." Auch charakterlich nicht.

Gerade über die erste Halbzeit war Neuer "enttäuscht und traurig". Er habe nicht den Eindruck gehabt, erzählte er später in Katakomben, dass seine Mannschaft unbedingt eine Runde weiterkommen wolle. Erst am Ende sei das gut korrigiert worden, "aber das ist trotzdem viel zu wenig. Wir müssen wirklich darüber nachdenken, wir uns präsentieren." Jeder Einzelne müsse sich hinterfrage, ob er der Beste gewesen sei, der er sein konnte. Die Antworten dürften Manuel Neuer nicht gefallen.

Quelle: ntv.de

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