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Mia san mia - oder nicht mehr? Der FC Bayern sucht sein Selbstverständnis

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Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß haben den FC Bayern geprägt. Aber sie haben in den vergangenen Monaten auch überraschend viele Fehler gemacht.

(Foto: imago/Laci Perenyi)

Der FC Bayern München wird erneut Deutscher Fußballmeister. Für mehr aber reicht es nicht - weil der Klub sein Selbstverständnis verloren hat. Viele Entwicklungen der vergangenen Monate machen sehr nachdenklich. Vieles wirkt seltsam unverständlich.

Super-Bayern, Rekordmeister, La Bestia Negra, Triplesieger - wer ein Synonym für den FC Bayern sucht, der kommt nur selten ohne etwas Superlativisches aus. Doch so richtig mag das nicht mehr passen. Wenn man sich die Außenwirkung des Vereins in den vergangenen Wochen und Monaten anschaut, dann wirkt die mitschwingende Ehrfurcht vor dem erfolgreichsten deutschen Fußballverein wie ein Lichtjahre entferntes Relikt. Zu vieles, was in München passiert, wirkt seltsam fremd. Und seltsam unverständlich.

Zum Beispiel die Position des Trainers. Das Double aus Bundesliga-Meisterschaft - trotz zeitweise sehr großem Rückstand auf Herausforderer Borussia Dortmund und DFB-Pokal in der vergangenen Saison - war vor allem ein Erfolg für Trainer Niko Kovac. Es war womöglich elementar für seine Weiterbeschäftigung. Er ist trotz der nicht enden wollenden Kritik von außen, aber auch gegen fehlenden Rückhalt von innen ruhig geblieben, stets sachlich und stets zielgerichtet. Und trotz dieser Qualitäten scheint klar: Eine ähnliche Krise wie nach dem wilden 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf im vergangenen November überlebt Kovac nicht.

Dabei ist sein Erfolg geradezu existenziell abhängig von der Einkaufspolitik des Vereins, und die war und ist passiv und viel zu zögerlich. Die Abgänge von Arjen Robben, Franck Ribéry und James Rodriguez standen lange fest, Dennoch hat der Verein offensichtlich wieder auf sein jahrelang erfolgreich praktiziertes Zögern im Werben um Stars gesetzt - eine Fehleinschätzung des Marktes. Früher hat man Stars anderer Bundesligavereine gekauft, sich selbst so gestärkt und den Konkurrenten geschwächt. Aber die einstige Strahlkraft des FC Bayern ist verblasst. Erst recht, wenn man sich die Gehälter und Ablösen vor allem auf dem englischen Markt anschaut. Da kann oder will der FC Bayern nicht mithalten. So bleibt nur dieses Fazit: Auf Europas Fußballlandkarte ist München längst keine Hauptstadt mehr.

Das wilde Werben um Sané hat Bayern blockiert

Der Fall Leroy Sané ist das beste Beispiel: Monatelanges Buhlen und Werben um den deutschen Nationalspieler führten nur dazu, dass das Verhandeln um Ablöse, Handgeld und Jahresgehalt schwerer und schwerer wurde. Gleichzeitig blockierte das "Theater dieses Sommers", wie Trainerlegende Ottmar Hitzfeld das Gerangel um Sané gegenüber n-tv bezeichnete, andere Transfers. Einen Hakim Ziyech von Ajax Amsterdam hätte man ebenso haben können wie Leipzigs Timo Werner oder Steven Bergwjin vom PSV Eindhoven.

Jetzt ist es Ivan Perisic geworden. Der Kroate ist mit seiner Erfahrung und seiner Einstellung ein Gewinn für die Bayern, erst recht zu dem Preis. Aber dass eine 30-jährige Leihgabe neben dem gehypten Sané wie eine B-Lösung wirken muss, kann man keinem Bayern-Fan verübeln. So hat das Theater um Deutschlands begehrtesten Offensivspieler am Ende nur Verlierer - allen voran er selbst.

Monatelang hielt er die Bayern hin. Jetzt ist er verletzt und muss mindestens sechs Monate pausieren. Und ob er dann zu alter Stärke zurückfindet, ist offen. Auch Manchester City verliert an Ansehen, insbesondere Josep Guardiola. Einen Spieler einzusetzen, der sich in fortgeschrittenen Transferverhandlungen befindet, ist ein ungeschriebenes "No-Go" in der Szene. Aber auch die Bayern verlieren. An internationalem Ansehen und an Attraktivität für künftige Stars. Stars, die sie gerade jetzt aber dringend brauchen. Denn nicht nur die Meisterschaft und der Pokal sind das Ziel. Der Klub "lechzt" nach der Champions League. Ein Erdbeben für den Verein ging im ganzen Sané-Drama beinahe unter: das Ende der Ära von Uli Hoeneß.

Im November bei der Jahreshauptversammlung wird der 67-Jährige voraussichtlich nicht mehr zur Wiederwahl als Präsident antreten. Eben dort war Hoeneß im vergangenen Jahr erstmals ins Grübeln gekommen, die Pfiffe und allzu deutliche Unmutsbekundungen der Fans waren der Anfang von seinem Ende. Mit seiner patriarchalischen Art, den Verein zu führen, hatte er vier Jahrzehnte lang großen Erfolg. Aber die Zeit der kritiklosen Huldigungen seitens der Fans für ihren Allvater sind vorbei - auch das passt irgendwie in das Gesamtbild.

Nur auf die Gefahr hin, dass das alles viel zu negativ klingt: Favorit auf den Meistertitel bleiben die Bayern auch in der 57. Spielzeit. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Und auch allen Dortmunder Transferbemühungen zum Trotz. Für mehr aber wird es nicht reichen. Dafür haben sie in München einfach zu viele Fehler gemacht.

Marc Gabel ist Leitender Redakteur im Landesstudio Süd von RTL und n-tv in München. Seit 2008 ist er hauptverantwortlich für den Sport. Genauso lange begleitet er den FC Bayern als Reporter und Autor.

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Quelle: n-tv.de

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