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Bundesliga-Check: Gladbach Der Fohlenflüsterer drückt den Reset-Knopf

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Hecking muss zeigen, dass er eine Borussen-Revolution schaffen kann.

(Foto: imago/DeFodi)

Zweimal Platz neun in der Fußball-Bundesliga. Zweimal nicht in Europa dabei. Das ist nichts, was sie bei Borussia Mönchengladbach glücklich macht. Trainer Dieter Hecking steht vor seinem dritten Jahr unter Druck - und verändert vieles.

Ein Verein für Fußballvisionäre ist Borussia Mönchengladbach nicht. Beim Traditionsklub dürfen sich jene zu Hause fühlen, die sich mit Veränderungen schwertun. Während Thomas Tuchel, Lucien Favre und Josep Guardiola den Fußball bis ins kleinste Nanometerchen durchdenken, Peter Bosz jegliche gängige Ordnungsszenarien außer Dienst stellt und Jürgen Klopp Fußball zu kraftraubenden, offensiven Krawallfeten inszeniert, setzt Dieter Hecking beharrlich auf ein klassisches 4-4-2. Das klingt so langweilig wie durchschnittlich erfolgreich - zweimal Platz neun, zweimal Europokal von der Couch. Braucht kein Mensch. Und erst recht nicht Hecking. Der muss in seiner dritten Saison die auf Mittelmaß gestutzte Borussia wieder anschieben, sonst war's das wohl als Fohlenflüsterer. Schließlich hat Sportdirektor Max Eberl die in Aussicht gestellte Vertragsverlängerung ausgesetzt. Während also die Republik darüber rätselt, wie Bundestrainer Joachim Löw die peinliche WM-Pleite zu erklären gedenkt, zerbrechen sie sich am Niederrhein den Kopf über ganz andere Dinge. Nämlich darüber, wie sich der Klub selbstoptimieren kann. Und ein bisschen wohl auch, ob Hecking der richtige Mann dafür ist.

Was gibt's Neues?

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Mit Alassane Pléa setzt die Borussia wieder auf einen echten Mittelstürmer.

(Foto: imago/Eibner)

Einen Stürmer, ein System und die Erkenntnis, dass es weniger beliebig werden muss. Vizepräsident Rainer Bonhof resümierte die vergangene Saison in der "Westfalenpost" so: "Irgendwie war also alles in Ordnung. Irgendwie könnte es aber auch besser werden." Irgendwie fehlt ein bisschen die Entschlossenheit? Das soll sich mithilfe der systemischen Mini-Revolution ändern. Freunde des Gladbacher Komfortzonen-Fußballs müssen sich umgewöhnen, nach Jahren der unumstößlichen 4-4-2-Ausrichtung stehen die Zeichen auf Veränderung. 4-3-3, 4-4-2, "es ist so einiges möglich". Das ehemalige Murmeltier Hecking will seine Startelf zum Erfolg rotieren. Variabel ist das neue konservativ. Möglich dank der "Ideallösung" (Eberl) im Sturm, Alassane Pléa, der für 23 Millionen Euro vom OGC Nizza losgeeist wurde. Ein Rekordeinkauf für die Fohlen, die sich mehr Wucht im Sturm erhoffen: "Wenn man einen Stoßstürmer holt, dann weiß man, dass damit auch ein Systemwechsel einhergehen kann", kündigte Hecking im "Kicker" an. Die Verpflichtung von Pléa, sie ist in personeller Hinsicht die entscheidende Komponente im System-Reset. Und der Ansatz klingt erfolgsversprechend.

Die Zugänge der Borussia

Keanan Bennetts (Tottenham Hotspur, 500.000 Euro), Louis Jordan Beyer (kommt aus der eigenen U19), Michael Lang (FC Basel, 2.8 Millionen Euro), Florian Mayer (kommt aus der eigenen U23), Torben Müsel (1. FC Kaiserslautern, ablösefrei), Florian Neuhaus (war an Fortuna Düsseldorf ausgeliehen), Alassane Plea (OGC Nizza, 23 Millionen Euro), Andreas Poulsen (FC Midtjylland, 4,5 Millionen Euro)

Zuletzt war es immer leichter geworden, gegen den Klub vom Niederrhein zu spielen, da schließen wir uns der Meinung der "Kicker"-Kollegen an. "In der vergangenen Saison haben wir gemerkt, dass wir ausrechenbar geworden sind", sagt auch der Sportdirektor Eberl. Und weil die Gladbacher zudem viele Langzeitverletzte hatten, gehörte die Hennes-Weisweiler-Allee 1 für die meisten Klubs zu den angenehmeren Reisezielen der Liga. Auch hier wurde nachgearbeitet: Ein neuer festangestellter Mannschaftsarzt und ein verändertes Funktionsteam sollen die Spieler fit machen - und vor allem halten. Denn ohne Leistungsträger wie Lars Stindl (Syndesmoseriss), Ibrahima Traoré (Muskelfaserriss) und Neuzugang Michael Lang vom FC Basel (Teilriss des Außenbandes im Knie) bleiben die Flutlichter im Borussiapark auch im kommenden Jahr unter der Woche aus.

Auf wen kommt's an?

Auf den neuen Mann im puristisch gestalteten Trikot, den Franzosen Pléa. Der war in Nizza in der luxuriösen Situation, gleich zwei Ex-Borussen zum Bundesligisten befragen zu können, den Brasilianer Dante und den Trainer, der mittlerweile in Dortmund ist. "Lucien Favre hat mir gesagt, Gladbach sei ein Superklub", sagte Pléa. Das hört sein neuer Arbeitgeber sicher gerne. Noch mehr Freude dürfte Eberl und Co. die Torstatistik des 25-Jährigen machen. 16 Treffer erzielte er in der abgelaufenen Saison der Ligue 1, seit der Spielzeit 2014/15 waren es in 135 Spielen 44 Treffer, garniert mit 23 Assists. Pléa soll dem Stil der Borussia einen frischen Anstrich verleihen, soll als klassischer Neuner integriert werden. Neu ist die Idee nicht - nur waren die Versuche mit dem Schweizer Josep Drmić und dem Niederländer Luuk de Jong gescheitert.

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Christoph Kramer überzeugte zuletzt vor allem abseits des Fußballplatzes.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Spannend ist die Frage, wie sich Christoph Kramer schlägt. Der Weltmeister von 2014 gehörte als Experte für das ZDF zu den Entdeckungen der WM, mit seinen Anekdoten und der unaufgeregten Art war der 27-Jährige für viele Zuschauer das Erfrischendste, was das Öffentlich-Rechtliche beim Turnier zu bieten hatte. Über das Urteil der "Süddeutschen Zeitung", Kramer sei der beste Deutsche bei der WM gewesen, kichern wir immer noch. Der Ferienjob in Baden-Baden hat ihm viel Anerkennung beschert - den Nachweis, dass er auf dem Platz zu den Leistungsträgern zählt, muss er nach mittelmäßiger Saison nachreichen. Zumal auch die Konkurrenz im Mittelfeld den Sommer genutzt hat. Denis Zakaria begeisterte beim 3:0 gegen den FC Southampton aus der Premier League. Der Gewinner der Vorbereitung aber war der Düsseldorfer Aufstiegsheld Florian Neuhaus. Nach seiner Rückkehr ins 30 Kilometer entfernte Mönchengladbach darf er - wie Jonas Hofmann - auf einen Stammplatz hoffen. Im Mittelfeld hat Trainer Hecking die Wahl. Das sei "ein wahnsinnig gutes Gefühl". Er erwartet "ein echtes Hauen und Stechen um die Plätze". Mittelfristig soll sich der Konkurrenzkampf auf die Flügel ausweiten. Mit dem 18-jährigen Dänen Andreas Poulsen kam ein Außenverteidiger vom FC Midtjylland, der schon bald eine gute Rendite abwerfen, zuvor aber den 32-jährigen Oscar Wendt auf der rechten Seite unter Druck setzen soll.

Was fehlt?

Ein Innenverteidiger. Mal eben so 23 Millionen Euro zu bezahlen, kann sich Mönchengladbach nicht leisten. Aufgegangen ist die Rechnung mit Pléa, weil der Transfer mit dem Verkauf von Jannik Vestergaard an den FC Southampton finanziert wurde. Der hochgewachsene und solide Abwehrspieler fehlt nun. Ob die Kollegen um Matthias Ginter das kompensieren können, ist fraglich. Glücklich ist auch die Konstellation auf der Bank nicht, wenngleich Hecking das Gegenteil beteuert. Er tritt sein letztes Vertragsjahr in dem Wissen an, dass die Resultate bis zur Winterpause über seine berufliche Zukunft entscheiden. Im schlimmsten Fall ist schon nach der Vergabe der Herbstmeisterschaft Schluss. Ist die Borussia aber zum Bergfest auf Europakurs, spricht nichts gegen die vorzeitige Verlängerung. Hecking gibt sich pragmatisch wie realistisch: "Wenn Max Eberl meint, der richtige Zeitpunkt zur Verlängerung sei gekommen, aber auch, wenn er mir sagt, wir machen nicht weiter, dann ist das eben so, das ist das tägliche Brot eines Trainers - aber ich glaube schon, dass wir erfolgreich sein werden."

Wie lautet das Saisonziel?

Spaß haben will die Borussia - und sollte dabei ein Ticket nach Europa rausspringen, meckert in der Geschäftszentrale auch keiner. Sie wollen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, wie Hecking im Interview mit dem "Kicker" sagte: "Zur letzten Saison sind wir mit unseren Zielen sehr offensiv umgegangen. Darunter haben wir ein bisschen gelitten." Damit sei keineswegs die Erwartungshaltung von außen gemeint, sondern die eigene. Der Königsweg soll von nun an der Mittelweg sein, Stimmungsschwankungen zwischen Euphorie und Niedergeschlagenheit sollen der Vergangenheit angehören. Vizepräsident Bonhof präzisiert dann immerhin ein wenig: Die Spielzeit solle möglichst besser werden als die letzte, aber: "Jetzt müssen wir erst mal in die Pötte kommen."

Die Prognose von n-tv.de

Fällt bei so unklaren Zielsetzungen erstmal schwer. Wären wir hauptberuflich Motivationscoach, würden wir vermutlich auf die fehlende Anreizsetzung verweisen und anprangern, dass die Erfolgsdefinition zur Annahme verleitet, dass auch ein Fohlen nur so hoch springt, wie es gerade muss. Alles ab Platz acht wäre ja quasi super. Für die Fans könnte das zu wenig sein, ist der Hunger auf das internationale Geschäft doch gewaltig. Ein erneutes Verpassen der Europaliga wäre eine Enttäuschung. Hecking muss es schaffen, Impulse zu setzen, die Zugänge zu integrieren und die Langzeitverletzten wieder einzugliedern. Dann mischt die Borussia oben mit. Fans zufrieden, Job gerettet.

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Quelle: n-tv.de

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