Fußball

Zum Karriereende von Pizarro Der "Schlawiner" der Liga macht Schluss

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Pizarros schelmisches Grinsen wird der Liga fehlen.

(Foto: imago images/Michael Matthey)

Vor 21 Jahren wechselt ein völlig unbekannter Claudio Pizarro zu Werder Bremen. Der damals 21-Jährige setzt sich schnell durch, fesselt die Fußball-Bundesliga, wechselt zum FC Bayern und wieder Retour. Fünfmal führt sein Weg an die Weser. Bis ihm jetzt ein ganz bitteres Karriereende droht.

Nach diesem 34. Spieltag der Fußball-Bundesliga ist Schluss: Claudio Pizarro beendet seine Karriere. Es ist ein bitteres Aus, denn nach dem letzten Spiel steht der Abstieg für Werder Bremen. Oder doch nicht? Es würde zur Karriere des Peruaners passen, wenn sie noch einmal eine Verlängerung bekommt: in Form von Relegationsspielen. Nach 21 Jahren, nach so einer unfassbar langen Karriere in der Bundesliga, wäre ein Nachschlag wünschenswert. Diese Extrarunde erreicht sein Klub allerdings nur mit allerlei Bedingungen: Konkurrent Fortuna Düsseldorf darf nicht gewinnen - und Bremen muss gleichzeitig den 1. FC Köln besiegen. Und das mit vier Toren Differenz (wenn Düsseldorf Unentschieden spielt).

Im vermeintlich letzten Spiel geht es also gegen eben jenen Verein, mit dem Pizarro im Jahr 2018 bereits die Liga verlassen musste. Schon zu diesem Zeitpunkt legten ihm einige nahe, seine Karriere zu beenden. Stattdessen wechselte er zum fünften Mal an die Weser. Und wurde dafür erneut gefeiert. Derartige Jubelstürme löst der Transfer eines damals 39-Jährige nur höchst selten aus. Pizarro ist eine Legende in Bremen, mit 109 Treffern der Rekordtorschütze des Klubs.

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Fast hätte Pizarro den Bayern die Meisterschaft verwehrt.

(Foto: gumzmedia/nordphoto)

Er wird aber für mehr verehrt als für seine Tore und Vorbereitungen. Von denen er in dieser Saison übrigens noch keins erzielt hat - ihm droht tatsächlich die erste Bundesliga-Spielzeit ohne Torbeteiligung. Bremens Trainer Florian Kohfeldt sagte daher vor dem alles entscheidenden Spiel gegen Köln, er solle am besten noch mindestens drei Tore schießen, "dann hätte er die 200 Bundesliga-Tore voll. Und er könnte sich so verabschieden, wie es seiner Karriere entsprechen würde: würdig, in der Ersten Liga und auf dem Platz." Einen Platz im Kader garantiert er seinem Oldie - zumindest als Joker für die letzten Minuten.

Er liebt das "pure Spiel"

Es wäre der letzte Geniestreich, in 489 Bundesliga-Spielen schoss er bislang 197 Tore. Eins wäre fast am 32. Spieltag hinzugekommen. Ausgerechnet gegen den FC Bayern hätte er in der 90. Minute beinahe den Ausgleich zum 1:1 geschossen, rutschte nur Millimeter am Ball vorbei. Er hätte damit nicht nur die Meisterschaft der Bayern verschoben, seine Bremer hätten jetzt einen Punkt mehr auf dem Konto. Wer weiß, was dieser nach dem 34. Spieltag wert wäre.

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Mit den FC Bayern holte er alle seine Titel.

Er ist das "Schlitzohr", er selbst nannte sich in einer NDR-Dokumentation einen "Schlawiner", der Sympathieträger, der Immer-Gutgelaunte. Der "wichtigste Spieler" der 120-jährigen Werder-Geschichte, wie der frühere Vorstandsvorsitzende Jürgen Born dem "Spiegel" sagte. Einer, der "das pure Spiel liebt und sich daran selbst begeistern konnte", wie Ex-Trainer Thomas Schaaf dem Magazin erklärte. Eben einer, bei dem sich Klub-Verantwortliche und Fans gleichermaßen freuen, wenn er nach 1999, 2008, 2009 und 2015 auch 2018 noch einmal an die Weser wechselt.

Pizarro ist einer, der sogar eine Affäre um die Spielerberatungsagentur seines Managers Carlos Delgado ohne Imageschaden übersteht. Dabei geht es 2009 um Steuerhinterziehung und Geldwäsche. Mit seinem Schalk und seinem Können, macht er einfach weiter - und das erfolgreich. So erfolgreich, dass er wie in Bremen auch beim FC Bayern geliebt und hofiert wird. Spielen soll er für den Serien-Meister freilich nicht mehr, aber den Job als Markenbotschafter wollen sie ihm gern offerieren. Eine Option, die der mittlerweile 41-Jährige "sehr interessant" nennt.

Ein Markenbotschafter ist immer auch ein Menschenfänger. Ein solcher ist Pizarro. Einer, der sich für Witze auf eigene Kosten nicht zu schade ist. Auf die Frage eines Reporters, wie es sich anfühle, Claudio Pizarro zu sein, antwortete: "Jeder möchte Claudio Pizarro sein. Selbst ich." Ein Markenbotschafter ist einer, der Lebenserfahrung haben sollte. Nun, Kohfeldt erklärte auf die Frage, wo er denn gewesen sei, als Pizarro angefangen hat für Werder zu spielen: "In der 11. Klasse." Und ein Markenbotschafter ist einer, der Expertise haben sollte. Ansgar Brinkmann sagte einst: "Wenn ich die Karriere von Claudio Pizarro mit meiner vergleiche, dann hatte ich keine."

Seine Heimat ist längst Deutschland

Ist er also wie gemacht für den Job? Als Serientäter wäre es seine dritte Rückkehr nach München. Dorthin, wo er die erfolgreichsten Zeiten verbracht hat. In seiner Karriere wird er sechsmal Deutscher Meister, sechsmal DFB-Pokal-Sieger, Champions-League-Sieger, Fifa-Klub-Weltmeister und Weltpokalsieger. Eine Laufbahn, die keine Wünsche offen lässt. Oder doch, wenn man in Peru nachfragt. In seinem Heimatland behaupten sie bis heute, dass er sich ruhig mehr für die Nationalmannschaft hätte einsetzen können.

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Der Peruaner hat ein eigenes Gestüt.

(Foto: imago sportfotodienst)

In 85 Spielen für das Nationalteam gelangen ihm 20 Tore. Sein Verhältnis zu Peru ist nach wie vor schwierig, wie er in der NDR-Doku "Claudio Pizarro - Alles außer gewöhnlich" bekennt. Sein Vater sagte "transfermarkt.de" im vergangenen Jahr: "In Peru tun sich die Leute sehr schwer zu erkennen, was Claudio für das Land getan hat. Man sollte hier viel dankbarer sein." Zwar ist der Sohn Besitzer eines Gestüts in Peru, leben will er dort aber nicht mehr. Seine Heimat ist längst Deutschland geworden, wo auch seine drei Kinder geboren sind.

1999 holten ihn die Bremer von Alianza Lima, den damals 21-Jährigen. Sein erstes Spiel absolvierte er am 28. August bei Hertha BSC, beim 1:1 durfte er 32 Minuten ran. Der Stürmer überzeugte und spielte ab sofort meist die volle Zeit. Er brachte seine Liebe zum Spiel mit, die Leichtigkeit des Sports und des Lebens - und belebte damit auch Werder. Er bildete ein kongeniales Duo mit Ailton, begeisterte mit spektakulären Hackentoren. Er war so gut, dass er nach zwei Spielzeiten gen München weiterzog. Eine erste Amtszeit, die aber nicht durch Weltklasse, sondern eher durch zu viel Lockerheit und zu wenig Disziplin geprägt war, wie sein damaliger Trainer Ottmar Hitzfeld im "Spiegel" urteilte.

"Einer der besten Stürmer"

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Gegen Hertha BSC absolvierte Pizarro sein erstes Bundesliga-Spiel.

(Foto: imago/Team 2)

Er heuerte 2007 beim FC Chelsea, kehrte nach Bremen zurück, dann wieder nach London und erneut nach Bremen, wurde wieder Münchner, wieder Bremer. Abgänge und Niederlagen lächelte er gekonnt weg, die Fans trauerten, waren aber nie im Groll, er nahm sich selbst nie zu ernst. Seine Treffer waren so sehenswert, dass sie 2001, 2008, 2010 und 2014 als Tor des Monats ausgezeichnet wurden. Und auch seine Liebenswürdigkeit zählte sicherlich mit ins Votum der ARD-Zuschauer. Trainer Josep Guardiola, der ihn in seiner Bayern-Zeit trainierte, sagte neulich über ihn: "Ich hätte ihn gerne getroffen, als er 24, 25 oder 26 Jahre alt war. Er ist einer der besten Stürmer, die ich je gesehen habe."

Der beste Angreifer der Liga ist er nicht mehr, nicht einmal mehr in den Geschichtsbüchern. Als bester ausländischer Torjäger hat ihn Robert Lewandowski abgelöst. Den Legendenstatus aber hat Pizarro nicht verloren, auch wenn es für ihn seit einiger Zeit nur noch für die Rolle des Jokers reicht. Guardiola sagte weiter: "Der Fußball verdient Menschen wie Claudio. Hoffentlich kehrt er irgendwann als Trainer zurück." Nun, mit 41 Jahren ist also erstmal als Profi Schluss. Ob nun am Samstag oder nach der Relegation - was anschließend passiert, bleibt offen. Womöglich hört er ja auf Guardiola.

Quelle: ntv.de