Fußball

Wohin mit Corentin Tolisso? Der unglückliche Weltmeister des FC Bayern

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Corentin Tolisso ist mit seiner Reservistenrolle beim FC Bayern nicht zufrieden. Er lauert aber auf seine nächste Chance und will die dann nutzen.

(Foto: imago images/MIS)

In der Vorbereitung auf die neue Saison spielt sich Corentin Tolisso beim FC Bayern wieder in den Vordergrund. Doch wenn es ernst wird, ist der französische Weltmeister meist außen vor. Glücklich ist er über seine Reservistenrolle nicht, aber noch will er geduldig bleiben.

Während der FC Bayern zum Abschied des euphorischen Präsidenten Uli Hoeneß über Borussia Dortmund hinwegdonnert, macht sich Corentin Tolisso warm. Der französische Weltmeister ist in bester Gesellschaft. An seiner Seite laufen und dehnen sich auch Thiago, der spanische Freigeist mit dem Hang zum Laissez-faire, Philippe Coutinho, der brasilianische Künstler, und Ivan Perisic, der kroatische Vizeweltmeister mit der unbändigen Dynamik. Auch die beiden Talente Mickaël Cuisance und Lars Lukas Mai absolvieren das Programm neben dem Tor von Manuel Neuer. Mit 2:0 führen die Münchener an diesem 11. Spieltag der Fußball-Bundesliga (Endstand 4:0) gegen den überforderten und teilnahmslosen BVB. Nichts deutet auf ein Comeback der Gäste hin, erst recht nicht, nachdem Stürmer Paco Alcacer die einzige Chance (69.), eine phänomenale, spektakulär vergeben hatte.

Hansi Flick, Bayerns Interimstrainer, der seine Mannschaft für die A-Note zunächst dynamisch und robust aufgestellt hatte, tut nun ab der 70. Minute etwas fürs Herz, fürs Auge, für die Kunst. Erst wechselt er Coutinho ein. Zwei Minuten später folgt Thiago. Und noch mal vier Minuten danach kommt Perisic. Das Wechselkontingent ist ausgeschöpft. Mai und Cuisance eilen zurück zur Bank. Tolisso trabt mit reichlich Abstand hinterher, den Kopf gesenkt. Wieder einmal ist der Franzose außen vor. Bei der wilden Tanzparty vor der Fankurve ist er später nicht dabei, durch die Katakomben der Arena in Fröttmaning schleicht er emotionslos. Unbeachtet. Keine Freude. Aber auch keine Wut.

Das sagt Tolisso zum Schwächeanfall

Am 20. Oktober erlitt Corentin Tolisso im Training des FC Bayern einen Schwächeanfall. Offenbar waren es nur Schwindelgefühle, hieß es damals. Niko Kovac brach für die Einheit dennoch ab. Der Vorfall sei jedoch "falsch interpretiert" worden, sagt Tolisso. Herzprobleme seien nämlich nicht der Auslöser gewesen. "Ich war müde. Ich setzte mich auf den Rasen. Ich spürte, wie mein Herz schneller wurde. Reflexartig legte ich meine Hand auf meine Brust", erklärte er nun im Interview. Die Tests, die Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt dann unmittelbar durchführte, hätten ihn sofort beruhigt.

In 13 Pflichtspielen in dieser Saison stand der 25-Jährige bereits auf dem Rasen. Das klingt nicht wenig. Und dennoch wirkt der Franzose beim FC Bayern außen vor. Für drei Einsätze über 90 Minuten reichte es in der Bundesliga bislang nur. In den letzten vier Spielen wurde er dreimal gar nicht eingesetzt, beim sehr mühsamen 2:1-Erfolg gegen Union Berlin spielte er lediglich 14 Minuten. Im letzten Champions-League-Spiel gegen Olympiakos Piräus bekam er von Flick gerade acht Minuten Einsatzzeit. Viel Werbung für sich konnte Tolisso ohnehin nicht machen. Nach "Kicker"-Noten ist er der zweitschlechteste Spieler der Münchener - nur ausgerechnet Thiago (!) bekam noch schlechtere Bewertungen.

Nicht "glücklich", aber "gelassen"

Bei der Fast-Blamage im DFB-Pokal, als er zum bislang letzten Mal in der Startelf stand, erwischte er einen ganz schlimmen Tag. Dreimal scheiterte er beim Abschluss, hinzu kamen unfassbare Abspielfehler. Nun waren die meisten seiner Teamkollegen an diesem Abend auch nicht besser. Hinzu kamen zuletzt aber auch krasse Patzer, die beim aberwitzigen 7:2 gegen Tottenham und - spielentscheidend - beim 1:2 gegen Hoffenheim zu Gegentoren führten. Dass er nun aber erst mal außen vor ist, mache ihn zwar nicht "glücklich", wie er der Zeitung "Le Parisien" erzählte, aber er wolle "gelassen" bleiben. Im Mittelfeld kommt er aktuell nicht an den gesetzten und dynamischen Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Thomas Müller vorbei. "Manchmal muss man sich in solchen Zeiten ein wenig zurücknehmen und dann die richtige Einstellung zeigen, wenn man die Möglichkeit bekommt." Nicht immer war Tolisso so positiv.

So habe er nach seinem Kreuzbandriss im September 2018 immer wieder die Unsicherheit gespürt, wie es für ihn weitergehe. "Ich habe mich gefragt, ob mein Knie wieder wie früher wird und ob ich wieder genau so leistungsfähig werde. Es gab Zweifel, aber auch den Willen, stärker zurückzukehren." Seit drei Jahren spielt Tolisso nun in München. Als bis dahin teuerster Transfer der Klubhistorie kam er im Sommer 2017 für 41,5 Millionen Euro von Olympique Lyon zum FC Bayern. Und in seiner ersten Saison deutete er wieder und wieder an, warum für ihn so viel Geld ausgegeben wurde: 40 Pflichtspiele, zehn Tore und sieben Vorlagen. Für einen zentralen Mittelfeldspieler sind das gute Werte. Sie lobten auch seine große Laufbereitschaft und Zweikampfstärke. Mit dem WM-Titel dekoriert, wollte Tolisso sich dann weiter steigern, eine prominente Rolle beim Deutschen Meister einnehmen - es kam der Kreuzbandriss.

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In der französischen Nationalmannschaft läuft's für Tolisso. Zuletzt durfte er viermal über 90 Minuten ran.

(Foto: imago images/PanoramiC)

Fast eine ganze Saison verpasste er. Dann der Neustart in der Vorbereitung auf diese Saison. Es war eine gute Vorbereitung. Nach dem überzeugenden Testspielsieg gegen Real Madrid schwärmte Niko Kovac, da noch Bayern-Trainer: "Heute hat man gesehen, welche Fähigkeiten er am Ball hat, welche Ruhe er am Ball hat, dass er ein sehr guter Positionsspieler ist, eine sehr gute Übersicht hat und natürlich auch torgefährlich ist. Das hat er schon vor zwei Jahren, als gesund war, bewiesen beim FC Bayern München. Und das erhoffe ich mir auch dieses Jahr von ihm." Es kam anders.

Anders als beim FC Bayern ist der 25-Jährige in der französischen Nationalmannschaft derzeit gesetzt. Das liegt allerdings auch am Ausfall des extrovertierten ManUnited-Gestalters Paul Pogba. In den letzten vier Spielen durfte Tolisso jeweils über die vollen 90 Minuten ran. Er wisse natürlich, dass Chelseas Stratege N'Golo Kante und eben auch Pogba in der Stammhierarchie der "Equipe Tricolore" vor ihm stünden, den Stammplatz traut er sich dennoch zu: "Das ist mein Ziel." Sicher auch beim FC Bayern.

Quelle: n-tv.de