Fußball

Union-Sensation im Schnellcheck Die Rückkehr des Punkrock

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Den Gelbstich weggewischt: das rote Meer an der Alten Försterei.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Der 1. FC Union Berlin kommt in der Fußball-Bundesliga an, Borussia Dortmund ist die Leidtragende. Die Partie an diesem dritten Spieltag produziert neue Helden, feiert einen alten - und ist die 90-minütige Götterdämmerung für einen Weltmeister.

Was ist da eigentlich passiert in der Alten Försterei?

In der Alten Försterei wurde Bundesligageschichte geschrieben. Gut, das wird noch einige Male in dieser ersten Saison der Hauptstädter passieren. Wir warten weiter auf den ersten Bundesligaplatzverweis, den ersten Elfmeter, den ersten Besuch des Bundestrainers, das erste dies, das erste das. Was die Liga aber jetzt weiß: Wie es sich anhört, wenn Union Berlin ein Heimtor erzielt. Vermutlich werden sie beim Landratsamt Dahme-Spreewald gegen 18.53 Uhr aufgeschreckt sein im Glauben, dass auf dem daueruneröffneten Hauptstadtflughafen BER gerade auch ohne Genehmigung die ersten schweren Maschinen starten. Es war dann aber doch nur die explodierende Alte Försterei, die Marius Bülters 1:0 gegen Borussia Dortmund quittierte. Und jetzt stellen Sie sich vor, was beim 2:1 los war, als Bülter sich gleich auch noch als erster Doppeltorschütze in die Geschichtsbücher schoss.

Die Treffer waren aber auch besondere für die Gäste: drittes Spiel, dritter Rückstand für den Vizemeister. Zweimal hat es noch zu Siegen gereicht, diesmal nicht mehr. Beim 3:1 war da dann nur noch Hysterie. "Wir sind sehr weit davon entfernt, Signale an die Liga zu senden", sagte Union-Trainer Urs Fischer nach dem Spiel - und freute sich im Gegensatz zu Fans und Spielern eher leise über den "nicht budgetierten Sieg".

Hier gehts zum Spielbericht.

Teams & Tore

Tore: 1:0 Bülter (22.), 1:1 Paco Alcacer (25.), 2:1 Bülter (50.), 3:1 Andersson (75.)
Berlin:
Gikiewicz - Trimmel, Subotic, Friedrich, Lenz - Schmiedebach (62. Gentner), Andrich - Becker, Bülter (76. Mees) - Ujah (80. Kroos), Andersson. - Trainer: Fischer
Dortmund: Bürki - Piszczek, Akanji, Hummels, Hakimi - Weigl (76. Guerreiro), Delaney (46. Dahoud) - Brandt (85. Bruun Larsen), Reus, Sancho - Paco Alcacer. - Trainer: Favre
Schiedsrichter: Felix Brych (München) - Zuschauer: 22.467 (ausverkauft)

Was war gut?

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Bundesliga an der Alten Försterei: Das ist endlich nochmal Punkrock.

(Foto: dpa)

Kennen Sie diese Leute, die auf die Frage nach ihrem Musikgeschmack antworten "Charts" oder "R'n'B"? Das ist natürlich kein Geschmack, sondern eine Ausrede dafür, dass man eigentlich keine Meinung hat. In der Alten Försterei sind sie meinungsstark - und verwandeln ihre "Pre-Game-Show", wie es heute wohl richtig schön falsch heißen muss, in eine Feierstunde für Punkrock-Connaisseure. New Model Army anstatt "Charts", Nina Hagen statt Miley Cyrus.

Natürlich, nicht jeder steht auf Oi!-Perlen aus der rauchigen Kehle eines Kerls namens "Sporti" - aber wer mag eigentlich Oliver Pocher außerhalb des Kosmos von #diemannschaft? Überraschend wenig Punkrock war dann nach der Ouvertüre der Auftritt des Aufsteigers. Nach dem bitteren 0:4 zum Ligaauftakt, als man sich völlig chancenlos und bisweilen arg aufgeregt präsentiert hatte, waren Sorgen durchaus angebracht bei allen, die es mit dem Neuling halten. Stattdessen ist Union aber stakkatoartig schnell in der Bundesliga angekommen. Anstatt sich wie noch gegen Leipzig permanent am eigenen Strafraum selbst in Schwierigkeiten zu bringen, kamen die Köpenicker zu vielen Ballgewinnen in der Dortmunder Hälfte. Der Zugriff im Pressing wurde immer größer, "wir waren eklig, wir hatten ein hohes Laufpensum, wir waren sehr effizient und kamen immer wieder ins Umschaltspiel", freute sich Fischer. Und BVB-Trainer Lucien Favre lobte: "Union hat gut gespielt bei eigenen Ballgewinnen, bei den Kontern". Mut, Zutrauen und eine große Effektivität brachten den historischen Sieg.

Was war nicht gut?

*Datenschutz

Mats Hummels verzichtet inzwischen nahezu vollständig auf den Einsatz der Innenseiten seiner Füße, zumindest wenn es um Tiefenpässe geht. Stattdessen beckenbauert der große, alte Mann der deutschen Innenverteidigung seine Spieleröffnungen bevorzugt per Außenrist in Richtung Julian Brandt, Marco Reus oder Jadon Sancho. Mitte der zweiten Halbzeit waren die Flugbälle des besten deutschen Verteidigers (wie sie in Dortmund sagen) in den ganz freien Raum dann das Symbol der fehlenden Dortmunder Genauigkeit.

Natürlich gibt es nicht den einen Verursacher für die erste Dortmunder Saisonniederlage, aber so platt, so ungenau, so unaufmerksam wie gegen Union hat man den 2014er-Weltmeister lange nicht mehr gesehen. Und manch ein nostalgiebegabter Dortmunder wird sich vielleicht im Stillen gewünscht haben, den einst aussortierten Neven Subotic zurückgeholt zu haben statt des einst aus freien Stücken gewechselten Großverdieners. Fragen zur Qualität seiner Abwehr moderierte Favre in der Pressekonferenz unter dem üblichen Hinweis auf das gemeinsam notwendige Verteidigungsverhalten des kompletten Teams ab. Die wackelige Vorstellung seines Unterschiedspielers Hummels dürfte er dennoch auch individuell kritisch gesehen haben.

Spieler des Spiels

Man fragt sich ja manchmal, wie sehr einem Neven Subotic die Auseinandersetzung mit den Begleiterscheinungen seines Jobs auf die Nerven gehen muss. All diese oberflächlichen Pressetermine, Sponsorengestreichel, der Social-Media-Quatsch der Mitspieler, die Befindlichkeiten der Jungstars zwischen Hype und Hybris. Subotic baut in seiner Freizeit lieber Brunnen als gewaltige Followerschaften auf. Liest man Interviews mit dem einstigen US-Junioren- und serbischen A-Nationalspieler, hat das so gar nichts mit dem üblichen Herbeten der altbekannten Phrasen zu tun, an das man sich viel zu sehr gewöhnt hat. Nach dem ersten Bundesligaspieltag der Union-Vereinsgeschichte fuhr der zweifache deutsche Meister mit der S-Bahn heim, wo mancher Jungmillionär wohl schon an der Auseinandersetzung mit dem Fahrplan verzweifeln dürfte.

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Da lacht er, der Neven.

(Foto: imago images / MIS)

Subotic ist kein kickender Influencer, sondern ein Innenverteidiger, der seinen Einfluss sinnvoll geltend macht. Für eben jenen "besonderen" Profi schloss sich am Samstagabend ein kleiner Kreis, denn dem notorischen Publikumsliebling war in Dortmund im Winter 2017 nach neun Jahren, zwei deutschen Meisterschaften und einem Pokalsieg in Dortmund recht deutlich klargemacht worden, dass er fortan nicht mehr gebraucht würde. Das war aus Sicht des Klubs nachvollziehbar, wenn auch maximal unromantisch. Gegen seinen Ex-Klub zeigte der Serbe, warum er nicht mehr in den Planfußball eines Champions-League-Dauergastes passt - dafür aber umso besser zum Aufsteiger: Befreiungsschlag statt Außenrist, Herz statt Kopf. Es ist übrigens zu unterstellen, dass Subotic sich nur an den Kopf fassen würde, wenn er diese Zeilen lesen würde. Womit sich diese Schreiberlinge so alles beschäftigen, anstatt sinnvolle Dinge zu tun. Ist doch nur Fußball. Am Ende wird Subotic von allen gefeiert, von den Berlinern wie von den Dortmundern. Ja, es gibt wichtigere Dinge als Fußball.

So war es im Stadion

Musste bei Unions Bundesligadebüt gegen RB Leipzig noch die Geschichte vom Klassenkampf erzählt werden, in den sich die Punkrocktruppe aus Köpenick euphorisch, aber aussichtslos werfen wollte, ist die Stimmung heute eine andere. Feierte man sich vor zwei Wochen noch selbst, bekam die Liga nun einen Eindruck, dass dieses Stadion, diese Atmosphäre auch Punkte gewinnen kann. Der Bratwurstduft, der sonst durch die Alte Försterei zieht, wurde weitgehend weggeweht; der Radau, der beständige Tonwall, gegen den die Gäste anrennen mussten, ließ sich jedoch nicht vertreiben. Die schiere Lautstärke, das Liedgut zwischen Milieustolz und Nostalgie nivellierte Unterschiede zwischen Meisterschaftskandidat und Herausforderer. Und am Ende wirkten die immerhin rastlosen Dortmunder doch einigermaßen beeindruckt.

Und während sie in der Wuhlheide noch feiern, beginnt beim DFB, den Schatzmeistern der beteiligten Vereine und diversen gemeinnützigen Einrichtungen schon das große Rechnen: Setzt man den üblichen DFB-Satz von 1000 Euro pro abgebranntem pyrotechnischen Gerät an, war es für die Gäste eine auch finanziell bittere Reise in die Hauptstadt: Immer wieder erhellten rote Fackeln den gelb-schwarzen Block, während sich die Hausherren auf ein kurzes Feuerwerk zu Beginn der zweiten Halbzeit beschränkten. Aber nur optisch. Das Dach hob schon vor dem Ende des Spiels trotzdem ab. Fußball, wie er sein soll.

Quelle: n-tv.de

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