Fußball

Wo die Toten Spiele schauen Warum der 1. FC Union dennoch gewinnt

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Sie dachten an die, die beim ersten Bundesligaspiel der Vereinsgeschichte nicht dabei sein konnten: Fans des 1. FC Union Berlin.

(Foto: imago images / Contrast)

Der 1. FC Union Berlin unterliegt in seinem ersten Spiel in der Fußball-Bundesliga dem etablierten Projekt RB Leipzig, und das deutlich. Trainer Julian Nagelsmann und sein Team stehen auf Platz zwei, die Köpenicker ganz unten. Sie gewinnen trotzdem und feiern einen vergessenen Fußball.

Bevor die Alte Försterei sich hinter dem Wald zeigt, riecht man sie. Sie riecht nach Bratwurst, nach Bier und nach Zigaretten. Die Alte Försterei im Berliner Stadtteil Köpenick zählt zu den engsten Stadien Deutschlands. Auf drei Seiten stehen die Zuschauer, die Fans haben geholfen, es aufzubauen. Es ist eine Geschichte, die immer wieder und gerne erzählt wird. Es ist die Geschichte eines Ost-Vereins, es ist aber auch die Geschichte der Fußball-Romantik. Eine, die längst auserzählt schien. Wie wir wissen, kam es anders.

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Und dann gleich gegen RB Leipzig.

(Foto: imago images / Picture Point LE)

Die Relegation gegen den VfB Stuttgart spülte Union in die Bundesliga und hinein in die große Aufgeregtheit. Jede Nachricht bekam nun eine andere Bedeutung. Alles wurde verstärkt. Als Hertha BSC laut über ein Derby zum Jubiläum des Mauerfalls nachdachte, antwortete Unions Präsident Dirk Zingler und rief den Klassenkampf aus. In der aufgeregten Welt des Bundesligafußballs wurde das kurz diskutiert.Hertha bekam das Derby nicht, Union jedoch sein Auftaktspiel zu Hause. Gegen RB Leipzig. Diese Spitze erlaubte sich die DFL. Unser Fußball, unsere Regeln. Deswegen noch so ein Klassenkampf.

Diesmal sogar ein echter. Union will für Mitbestimmung, Treue, Stehplätze, Emotionen, Financial Fairplay, Tradition, Transparenz, Leidenschaft, Geschichten, Unabhängigkeit und Ehrenamt stehen. Sie stehen auch für Gedenken. So befanden sich unter den 22.467 Zuschauern an diesem frühen Sonntagabend etwa 500 verstorbene Fans. Menschen, denen es nicht vergönnt war, das erste Bundesligaspiel der Geschichte zu sehen. Das Stadion hielt Plakate mit ihren Gesichtern hoch. Das Stadion brüllte: "Wir werden ewig leben!"

"Haltung bewahren!"

Der Gegner aus Leipzig ist nicht durch diese Werte an die Spitze des deutschen Ligensystems gespült worden. Finanziert vom österreichischen Marketing-Giganten Red Bull sehen sich die Leipziger nach einigen Jahren in der Liga immer weniger Anfeindungen, immer weniger Kritik ausgesetzt. Union wollte das ändern. Die Fans kündigten einen Stimmungsboykott an. Wie schon 2014, als man in der zweiten Liga auf Leipzig traf. Sie kommunizierten es offensiv, in der Mannschaft kam es kurz zu Unstimmigkeiten, doch Präsident Zingler gab die Linie vor und auf dem Platz erklärte Einpeitscher, Stadion- und Pressesprecher Christian Arbeit noch einmal, worum es ging.

"Haltung bewahren!", zitierte er die Fangruppierung Wuhlesyndikat. Und lud jeden Besucher ein, in den ersten 15 Minuten laut zu schweigen. Um zu erfahren, wie laut das dann klingen kann, musste man 15 Minuten warten. Direkt nachdem Nina Hagens Vereinslied von den Eisernen verklungen war, die beeindruckenden Gedenktafeln eingepackt und das Spiel angepfiffen war, blieb es … nicht still, sondern der normale Sound eines normalen Fußballspiels in einem normalen Stadion war zu vernehmen. Aber das hier war die Alte Försterei, die man Kilometer vorher riechen kann. Das hier war kein normales Stadion.

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Klare Ansage; Christian Arbeit.

(Foto: imago images / Matthias Koch)

So blieb es in den ersten Minuten bei einem Raunen hier, einem Raunen da. Einige Gesänge der angereisten, mit einer Choreographie nach Aufmerksamkeit heischenden Leipziger Fans. Und sonst nichts. Als der Countdown runterläuft, der Berliner Vorsänger auf der Waldseite sich bei allen Fans für ihre Haltung bedankt hat, kommt Union in der Bundesliga an. Die Alte Försterei zählt von 10 runter, Arme fliegen in die Luft, Keeper Rafal Gikiewicz läuft zum Abstoß an und das Stadion singt von der Zeit, die nun gekommen ist. Weniger als 60 Sekunden später ist die Zeit gekommen. Während die Alte Försterei noch feiert, trifft Marcel Halstenberg zum 1:0 für die Gäste. Niemand nimmt es wahr. Nicht jetzt, nicht dieses Tor, wird die Euphorie über die ersten echten Bundesliga-Minuten jetzt trüben.

Sportlich am Rande eines Debakels

Sie sangen weiter. Sportlich bewegte sich der 56. Bundesligist in der ersten Halbzeit am Rande eines Debakels. Halstenberg, Marcel Sabitzer und Timo Werner erzielten die Treffer. Die Führung hätte deutlicher höher ausfallen müssen. Yussuf Poulsen setzte einen Heber auf die Latte. Schiedsrichter Markus Schmidt erkannte einen weiteren Treffer nach kurzer Diskussion mit dem Kölner Keller ab. Handspiel vor Lukas Klostermanns Tor in der 23. Minute. Ermöglicht wurde diese Dominanz auch durch viele Fehler im Aufbauspiel. Der Neuling war nervös, Leipzig spielte es routiniert runter. Nahm Tempo auf, wenn sie es mussten und traf das Tor, wenn sich die Möglichkeit ergab. Sie dominierten das Spiel nach Belieben. In der zweiten Halbzeit traf noch Neuzugang Christopher Nkunku, eines von vielen Talenten, die Paris Saint-Germain in die Liga gespült hat.

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Rein sportlich war die Sache eine klare Angelegenheit.

(Foto: imago images / Contrast)

Den Eisernen auf den Tribünen war es egal. Sie erhoben sich weit vor Abpfiff und feierten ihre Mannschaft, feierten aber vor allen Dingen sich und ihren Verein. So standen sie da, sangen und das Spiel, längst unwichtig geworden, plätscherte vor sich hin. Die Leipziger kamen noch zu einigen Chancen, Union bewegte sich manchmal sogar in Richtung Gästestrafraum, zu einem richtigen Abschluss kamen sie nicht. Leipzig gewann, Berlin sang.

Nach dem Spiel zeigten sich die Berliner ernüchtert. "Das hatten wir uns alle anders vorgestellt", richtete Mittelfeldspieler Grischa Prömel den Fokus auf die sportlichen Dinge. "Eine 0:4 Klatsche im ersten Spiel. Wer weiß, wozu es gut ist. Leipzig ist eiskalt da vorne." Kapitän Christopher Trimmel sagte: "Es wird Phasen geben, in denen du nicht die Punkte holst. Da müssen wir ruhig bleiben. Die Fans werden in jeder Phase hinter uns stehen. Das haben sie vorher auch so kommuniziert."

In dieser Saison ist der alte Fußball zu Besuch in der Bundesliga und sogar Leipzigs Trainer Nagelsmann zeigte sich begeistert vom Stadion, von der Stimmung. "Zumindest sind wir angekommen", sagte Trainer Urs Fischer. "Ich glaube aber auf dem Boden." Es wird eine lange Saison und wer den alten Fußball sehen will, wer sehen will, dass es mehr als Sieg und Niederlage gibt, der sollte sich auf den Weg nach Köpenick machen. Dort, wo man die Bratwurst riecht und wo die Toten Spiele besuchen.

Quelle: n-tv.de

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