Fußball

Unumstritten, aber verzichtbar? Die kuriose Situation des Jérôme Boateng

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Das bayrische Bollwerk steht: David Alaba und Jérôme Boateng haben in der Rückrunde vollends überzeugt.

(Foto: dpa)

Dass Jérôme Boateng beim FC Bayern noch einmal zu den Unverzichtbaren gehören würde, hatte im vergangenen Sommer wohl niemand erwartet. Erst recht nicht Uli Hoeneß, der einen Wechsel dringend anriet. Nun könnte der Weltmeister tatsächlich wechseln - obwohl er wieder wichtig ist.

Und wieder war es das Pokalfinale in Berlin, das Jérôme Boateng zu seiner Bühne machte. Doch das Stück, das er am 4. Juli 2020 aufspielte, war ein ganz anderes als jenes vom 25. Mai des Vorjahres. Statt des liebevollen Vaters (oder des apathischen Titelträgers, suchen Sie es sich aus) schlüpfte der Innenverteidiger des FC Bayern vor zwei Wochen in seine beste Rolle, die des Heldengrätschers. Als der Leverkusener Kai Havertz, eine der größten Attraktionen im deutschen Fußball, einen Pass auf Leon Bailey spielte, der dann wahrscheinlich ein Tor geschossen hätte, rauschte Boateng wuchtig dazwischen und lenkt den Ball neben das Gehäuse von Manuel Neuer.

Der würde, wenn er denn derzeit reden täte, womöglich klar und deutlich widersprechen und sagen, dass er den Einschlag auch selbst hätte verhindern können. Denn niemand, das ist eine Lehre der Saison, kratzt ungeschoren an der Unverzichtbarkeit des Torwarts. Aber Manuel Neuer schweigt in diesen Tagen lieber, nicht wegen dieser Szene, nein, sondern wegen seiner heftigst diskutierten Gesangseinlage im Urlaub in Kroatien. Boateng schweigt auch - zu seiner Zukunft. Die könnte in München liegen, oder auch nicht. Es ist ein Klassiker der Gerüchteküche (ebenso wie das Interesse von Paris). Nur diesmal mit leicht veränderter Rezeptur.

Tatsächlich wabern die Abwanderungsgeschichtchen um den ehemaligen DFB-Spieler nun bereits in die vierte Transferperiode. Aber erstmals ranken sich die Meldungen um einen Wechsel nicht um einen traurigen oder frustrierten Abwehrspieler, sondern um einen, der sich mit der Amtsübernahme von Trainer Hansi Flick wieder zu einem unumstrittenen Stammspieler gemacht hat, bisweilen sogar unverzichtbar. Dass die Münchener nur so zu ihrer achten Meisterschaft in Serie rauschten, haben sie eben nicht bloß Torjäger Robert Lewandowski zu verdanken, der seine eigenen Superlative noch mal superlativierte, sondern auch der Abwehr, die lediglich zehn Gegentreffer in der bemerkenswerten Rückrunde zuließ. Mit dem Block Boateng und David Alaba.

Selbst Hoeneß kann nicht meckern

Vermutlich niemand (außer den Spielern, die im Moment Reservist sind natürlich) in München hätte etwas dagegen, wenn der Hüne (Boateng) und der erfolgreich vom Linksverteidiger zum Abwehrchef umgeschulte Mini-Hüne (Alaba) auch kommende Saison das eigene Tor bewachen würden. Nicht mal Ex-Präsident und Noch-immer-Patron Uli Hoeneß, der dem "Fremdkörper" Boateng nach dessen arg provokant zur Schau gestellten Lustlosigkeit am 25. Mai 2019 dringend zum Wechsel riet. Der nicht mehr an dessen sportliche Relevanz für den Klub glaubte.

Und am allerwenigsten wohl Coach Flick. "Wenn man solche Spieler hat, die erfahren sind, die enorme Qualität haben, die auf einem guten Niveau sind, dann möchte man solche Spieler natürlich gerne in den eigenen Reihen haben", hatte er gerade erst über Boateng gesagt, der nicht nur seine Stärke und Souveränität in Stellungsspiel und Duell zurückgewonnen hatte, sondern auch immer mal wieder mit seiner kaiserlichen Diagonalballeröffnung glänzte. Und Alaba, der ja intensiv von Manchester City umworben werden soll, nannte er sogar das "Herzstück".

In einem Worst-Case-Szenario (wobei worst case eine aus Sicht vieler anderer Klubs doch eher unpassende Beschreibung ist) müsste der Coach seine Innenverteidigung in der kommenden Spielzeit mit Niklas Süle, der eigentliche Abwehrchef der Münchner (und auch der Nationalmannschaft), und Weltmeister Lucas Hernández besetzen. Angesichts der Verletzungshistorie der 24-Jährigen - und den damit verbundenen Rhythmusproblemen könnte das indes durchaus ein Wagnis sein. Im besten Fall aber auch eins, das die Bayern in eine neue Heldengrätscher-Ära führt, in eine wie es sie mit Mats Hummels und eben Boateng zuletzt gab.

Könnte eng werden im Abwehrzentrum

Boateng, der den Spaß am Fußball zwischenzeitlich völlig verloren zu haben schien, auch weil Ex-Coach Niko Kovac kaum Fan von ihm war, will seinen (Stamm)-Platz aber vorerst nicht räumen. Laut der "Münchner Abendzeitung" könnte der 31-Jährige sich einen Verbleib mittlerweile wieder "gut vorstellen". Dieser sei sogar wahrscheinlich, hieß es. Der "Kicker", der diese Option ebenfalls nennt, geht dennoch eher davon aus, dass eine Trennung bei einem gut dotierten Angebot im Spätsommer, nach dem Finalturnier der Champions League, durchaus noch über die Bühne gehen könnte. Zumal der Klub dann noch eine Ablöse kassieren könnte - eine Verlängerung des im Sommer 2021 auslaufenden Vertrags sei nicht vorgesehen.

Passend dazu platziert der "Kicker" noch die Meldung, dass die Münchner bereits einen neuen Mann für das Zentrum scouten. So soll Diego Carlos vom FC Sevilla der Kandidat der Wahl sein. Der Brasilianer steht bei den Spaniern noch bis 2024 unter Vertrag. Die Münchner hatten zuletzt außerdem das Verteidiger-Talent Tanguy Nianzou von Paris Saint-Germain verpflichtet. Zum Unmut von PSG-Coach Thomas Tuchel. Der 18 Jahre alte französische Junioren-Nationalspieler erhielt einen Vertrag bis zum 30. Juni 2024.

Es wird also eng im Zentrum. Und so könnte die Ära Boateng in München, die am 14. Juli 2011 begann, im Spätsommer 2020 tatsächlich auf äußerst kuriose Weise enden: als unumstrittene Stammkraft, als Heldengrätscher, als Triple-Sieger.

Quelle: ntv.de

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