Redelings Nachspielzeit

Muss das wirklich sein? Und plötzlich ist Neuer also ein Rassist

Manuel Neuer ist heftig in die Kritik geraten, weil er in seinem Urlaubsort dabei gefilmt wurde, wie er den Song eines umstrittenen kroatischen Liedermachers gesungen hat. Nun wird der Nationaltorwart in den sozialen Medien als Rassist beschimpft. Zu Recht?

Was ist geschehen? Nationalkeeper Manuel Neuer macht Urlaub. Offensichtlich in Kroatien. Er steht an einer Strandbar. Nicht alleine. Um ihn herum sitzen und stehen ungefähr 15 Männer. Jeden Alters, die meisten oben ohne. Einer spielt Akkordeon. Die Männer singen, Neuer auch. Der Mann hinter dem Tresen filmt. Dieses Video wird veröffentlicht. Es dauert knapp zwei Minuten. So gut, so schlecht.

Denn das Lied mit der eingängigen Melodie, das die Männer gemeinsam intonieren, wird zum Stein des Anstoßes. Genauer: Nicht das Lied selbst, sondern der eigentliche Sänger des Songs ist das Problem. Marko Perković gilt in Kroatien als Nationalist und Anhänger des kroatischen Faschismus. Ein Veteran des Krieges zwischen 1991 und 1995 im ehemaligen Jugoslawien, der seine Band nach dem Gewehr (Thompson) genannt hat, das er damals trug.

Es heißt, Manuel Neuer sei mit seinem Torwarttrainer und Freund Toni Tapalović, genau wie Neuer in Gelsenkirchen geboren, aber mit kroatischen Wurzeln, vor Ort. Das Management des Nationaltorhüters hat mittlerweile darauf hingewiesen, dass Neuer selbst wohl kein Kroatisch spreche. Das ist im Kern das, was wir wissen. Und nun beginnt die Erregung. Wie gewohnt heftig, fordernd und kompromisslos - ohne jede Form von biblischer Einsicht nach dem geflügelten Wort aus dem Johannesevangelium: "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein".

Warum muss es der Vorschlaghammer sein?

Es wird dem Keeper des FC Bayern München Rassismus vorgeworfen und zugleich bemängelt, dass dies (offenbar) nicht von allen Seiten mit voller Wucht und Intensität genauso getan wird - anders, so wird angeführt, als zum Beispiel im Jahr 2018, als Mesut Özil kurz vor der Weltmeisterschaft in Russland ein Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan veröffentlichte und ebenfalls ins Fadenkreuz der Kritik geriet.

Aber sind solche Vergleiche - unabhängig davon, ob man überhaupt die beiden Fälle miteinander in einen Kontext bringen kann, und sollte - tatsächlich hilfreich? Schließlich war damals auch schon die Özil-Debatte allen Seiten aufgrund der wieder einmal schier grenzenlosen Erregung, die sofort auf allen Kanälen losgebrochen war, entglitten. Was dazu führte, dass am Ende die emotionale Ebene die thematische im Erdboden versenkte - und schließlich nichts als verbrannte Erde und ein schales Gefühl übrig blieb. Man muss es offensichtlich noch einmal in aller Deutlichkeit so sagen: Was Mesut Özil damals widerfahren ist, verdient niemand!

Aber natürlich ist ein wachsames Auge und Kritik an sich nichts Schlechtes. Nein, es ist sogar häufig wichtig, den Finger in die Wunde zu legen und sich einzumischen. Da, wo im Alltag Dinge offensichtlich schieflaufen, sollte man sie auch anprangern (dürfen). Aber was treibt so viele dazu, in diesem speziellen Fall sofort mit dem Vorschlaghammer draufzuhauen?

Ist das nicht zu viel verlangt?

Ist es, weil Manuel Neuer als Person des öffentlichen Lebens immer und zu jeder Zeit seiner Vorbildfunktion gerecht werden sollte? Da muss die Gegenfrage erlaubt sein: Ist das nicht etwas zu viel von einem Menschen verlangt? Von einem Menschen, der sich im Urlaub mit einem Freund befindet? Und: Der nicht selbst dieses Video ins Netz gestellt hat, sondern der dabei gefilmt wurde, als er scheinbar glaubte, sich in einem für ihn geschützten Raum zu befinden?

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Natürlich kann man Manuel Neuer dafür kritisieren, was er getan hat. Und selbstverständlich kann man hinterfragen, ob er in vollem Umfang wusste, wessen Lied er da singt. Aber muss man ihn gleich als Rassisten abstempeln? Muss man wirklich sofort diese ganz spezielle Schublade aufmachen? Wird man so einem Menschen gerecht, in dem man ihn auf zwei Minuten seines Lebens reduziert? Diese Frage sollte sich jeder selbst mal stellen - und überlegen, ob man tatsächlich in jeder Sekunde seines eigenen Lebens mit stolzer Brust von sich sagen konnte: Ich habe stets das Richtige getan.

Denn genau wie damals bei Özil lösen Schubladen-Denken und (Vor-)Verurteilungen keine Probleme. Im Gegenteil. Sie zerstören am Ende mehr, als dass sie helfen. Auch Rassismus bekämpft man nicht damit, dass man vorschnell alles und jeden in eine Ecke stellt. Dazu ist das Thema viel zu wichtig.

Zum Schluss im Falle von Manuel Neuer vielleicht noch der Versuch einer Einordnung - ohne irgendetwas damit relativieren zu wollen. Aber es ist etwas, das der Keeper von sich aus in der Öffentlichkeit preisgegeben hat. Im Jahr 2016, in einem Interview mit der "MainPost" sagte Neuer: "Ein Beispiel aus meiner Kindheit: Ich habe mit vier Jahren angefangen, auf Schalke Fußball zu spielen. Als ich etwa sieben Jahre alt war, fragte ein Erwachsener, was für ein Landsmann mein Mitspieler denn sei. 'Das ist doch ein Ausländer!', sagte er. Da habe ich geantwortet: 'Nein, das ist kein Ausländer, der ist Schalker.' So wird man groß bei uns. Da gibt es keine Unterschiede." Aber auch das ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben des 34-jährigen Nationalkeepers Manuel Neuer.

Quelle: ntv.de