Fußball

Pandemie wirkt auf die Fans Die wackelige Normalität des Fußballs

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Das war die alte Normalität in den Stadien. Und wie sieht die neue aus?

(Foto: imago/Revierfoto)

Kaum ist die Europameisterschaft Geschichte, geht der Ligabetrieb wieder los. Und mit dem Start der Zweitliga-Saison kehrt auch ein bisschen Normalität zurück: Fans dürfen wieder ins Stadion. Wird nun alles, wie es einmal war? Zweifel sind angebracht.

Überraschend schnell geht's wieder los. Mit der beginnenden Spielzeit in der 2. Bundesliga meldet sich jener Fußball zurück, der vor fast anderthalb Jahren in die Knie ging und am Boden lag, weil er einem übermächtigen Gegner ausgeliefert war, der stärker war als alles, was es nicht nur im Sport bisher noch nicht gegeben hatte: Einer Pandemie, die beinahe das gesamte öffentliche Leben zum Erliegen brachte und ungeahnte Einschränkungen für die Menschen bedeutete.

Der sonst sinnstiftende Fußball mutierte quasi über Nacht zu einer Lebenslücke, die schonungslos aufdeckte, was den Fans urplötzlich genommen wurde: Die Begeisterung und unbändige Vorfreude auf das nächste Spiel, die explosionsartig ausbrechenden Emotionen im Stadion, der Jubel und die Glückseligkeit, die man mit Freunden ekstatisch zelebriert. Und natürlich der fachliche Austausch bei Bratwurst und Bier vor dem Spiel, die leidenschaftlichen Diskussionen nach dem Spiel, in denen sich jeder als professioneller Analyst versucht.

Genau aus diesen Gründen pilgern jedes Wochenende Hunderttausende in die Stadien. Familie hin oder her, gegen den Fußball kommt niemand an. Dachte man. Doch dann fegte Corona alles hinweg. Auf einmal war dort ein großes Loch, Leere, Entsetzen, Trauer. Fassungslos standen die Anhänger vor einem eigentlich unvorstellbaren Szenario, das eine große Schockstarre verursachte. Allerdings wurde genauso schnell klar und vielen bewusst, dass Fußball halt eben doch nur eine Nebensache ist, zu brutal riss diese Pandemie unzählige Existenzen an den Abgrund, zerstörte zigtausende von Jobs und kostete nicht weniger Menschen das Leben.

Wird jetzt alles einfach so wie früher?

Und die Wucht dieser Pandemie erzeugte einen immer stärker werdenden Strudel, der das bisherige Leben gewaltig durcheinander wirbelte. Mit verheerenden Folgen für die Gesellschaft. Schlagartig taumelte man durch das eigene, aus den Fugen gerissene Leben, was war da schon Fußball? Jetzt, im Sommer 2021, hat sich die Bedrohlichkeit der Pandemie gefühlt merklich reduziert, ist die Lage durch möglich gewordene Lockerungen erträglicher geworden, kommen die Menschen allmählich zurück zu einer Normalität, die vielleicht trotzdem nicht mehr dieselbe sein wird.

Und ganz langsam hält auch er wieder Einzug ins Leben: der Fußball. Noch nicht so wie man sich das herbeisehnt, aber er gibt wieder erste, schüchterne Lebenszeichen von sich. Auch wenn es bei der Europameisterschaft in diesem Sommer durchaus sehr fragwürdige, von der UEFA gestattete Signale waren: fast volle und volle Stadien, trotz grassierender, hochansteckender Virus-Mutationen. Und dennoch konnte man überall spüren, wie die ersten Fangesänge Balsam auf eine Seele waren, die schon lange nicht mehr nur durch Fußball gelitten hatte. Es tat extrem gut, alt bekannte Melodien zu hören, Fans beim inbrünstigen Singen der Nationalhymnen zu bewundern, während man sich selbst dabei ertappte, still und leise schon die Lieder des eigenen Vereins zu summen. Kurzum, der Fußball in seiner reinsten Form, ist er bereits jetzt auf dem Weg zum Comeback?

Die Richtung zumindest stimmt, auch wenn es noch einige Zeit brauchen wird, bis wieder Normalität zurückkehrt. Nicht nur deshalb, weil Corona immer noch nicht komplett besiegt ist und nach wie vor einen unübersehbaren Bestandteil des täglichen Lebens ausmacht, sondern auch, oder besonders gerade deswegen, weil mit dem Wüten der Pandemie Veränderungen eintraten und die Einstellung zum Thema Fußball bis heute auf einen Prüfstein stellen, die sehr viele Anhänger beschäftigt.

Die Fußballer hat's nicht so hart getroffen

Nachgefragt erfährt man häufig, dass vieles kritischer beäugt und der Blick auf das Millionengeschäft des Fußballs im gesamten geschärft wird, genauso wie die Funktionäre der großen Verbände DFB, UEFA und FIFA deutlich mehr als früher in den Fokus geraten. Nicht wirklich überraschend, stellen sich doch viele die Frage, ob es richtig war die Fußballkarawane (bleiben wir einmal in Deutschland) mit all den Privilegien auszustatten, Sonderflüge und Extra-Testungen zu genehmigen? Bekanntermaßen sind die Fußballer ja eine Berufsgruppe, die als eine der ganz wenigen nicht unter Corona leiden musste. Im Gegenteil, im Genuss dieses besonderen Status ließ es sich in den belastenden und schmerzhaften Monaten vorzüglich leben.

Das schafft nicht unbedingt Solidarität oder sorgt für Zustimmung. Und dennoch wünschen sich viele Fans wieder zurück in das so vermisste „Wohnzimmer“. Aber wird man es auch noch so gelassen und vorfreudig hinnehmen, wenn die Preise für Dauerkarten, die Stadionwurst, das Tribünen-Getränk oder das Trikot hart ansteigen, damit die Vereine ihre erlittenen Verluste auszugleichen versuchen? Bei vielen Menschen hat sich die Wirtschafts- und somit die Kaufkraft stark reduziert, rückt der geliebte Fußball nach hinten, wenn es darum geht, wie man die hart verdienten Euros ausgibt.

Schaut man sich dann auch an, mit welch fragwürdigem Maß die UEFA bei der EM in den Ländern geltende Corona-Bestimmungen ignoriert oder außer Kraft gesetzt hat, winken viele ernüchtert und resigniert ab. Fließe genug Geld, dann könne man scheinbar auch bei einem solchen Turnier über störende Randbedingungen wie einer weltweit wütenden Pandemie hinwegsehen, im Wohle des von der UEFA so vollmundig propagierten toleranten und weltoffenen Fußballs. Es geht alles wie immer weiter und der Fan muss erkennen, dass er nur bedingt wichtig ist für das große Fußballgeschäft.

Es stieß und stößt vielen Menschen sauer auf, dass der Fußball in solchen Zeiten gefühlt über Themen wie dem Testen in Kitas, der Versorgung der schulpflichtigen Kinder oder auch dem Impfen sämtlicher Bevölkerungsschichten steht. Die neue Saison wird nun zeigen, wie stabil die ersten, wackligen Schritte sein werden. Hoffnung auf eine Rückkehr „unseres Fußballs“ ist angebracht. Genauso wie ein gesunder Optimismus.

Quelle: ntv.de

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