Fußball

Pokal-Krimis: Antwort auf Kovac "Druck beim Elfmeter kann man simulieren"

imago38697664h.jpg

Hoffnungstyp: Paco Alcácer, Borussia Dortmund.

(Foto: imago/Team 2)

Niko Kovac hält nicht viel von Elfmetertraining. "Das kann man gar nicht simulieren. Es sei, man sagt pro Fehlschuss 50.000 Euro", sagte der Trainer des FC Bayern München vor dem Achtelfinale im DFB-Pokal bei der Hertha in Berlin am heutigen Mittwoch (ab 20.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de). Die nervliche Belastung zwischen Spiel und Training sei nicht zu vergleichen. "Im Training macht man jeden rein, aber wenn 40.000 oder 50.000 pfeifen ...", sagte der 47-Jährige. Sportwissenschaftler Daniel Memmert von der Deutschen Sport-Hochschule Köln weiß es besser, wie er im Interview mit n-tv.de belegt. Ein Gespräch über Faktoren, die das Elfmeterschießen beeinflussen und die vielen Möglichkeiten, wie man Strafstöße doch trainieren kann.

n-tv.de: Borussia Dortmund hatte am Dienstag im Elfmeterschießen gegen Bremen das Nachsehen. Welche Erklärungen gibt es dafür auf Grundlage Ihrer Forschung?

Memmert.jpg

Prof. Daniel Memmert: Ein Punkt ist: Paco Alcácer und Maximilian Philipp, die vergeben haben, sind beides Stürmer, sogenannte Hoffnungstypen. Unsere Studien zeigen, dass Pflichttypen - oft Abwehrspieler oder defensive Mittelfeldspieler, auch Torhüter - signifikant häufiger treffen, weil Elfmeterschießen eine Pflichtaufgabe ist.

Bei Bremen haben nur Offensivspieler geschossen und alle getroffen.

Alles über Elfmeter

Prof. Daniel Memmert von der Deutschen Sport-Hochschule Köln hat gemeinsam mit Benjamin Noel das Buch "Elfmeter: Psychologie des Strafstoßs" veröffentlicht und darin über 130 Studien zum Thema zusammengeführt.

Neben der Persönlichkeit eines Spielers ist Technik die zweite große Komponente beim Elfmeterschießen. Davy Klaassen etwa hat den Ball in den Winkel geschossen - dank Technik und Training. Die Bremer haben generell platzierter, technisch besser geschossen und wirkten besser vorbereitet.

Welchen Einfluss hat die Körpersprache?

Bremens Keeper Jiri Pavlenka hat eine starke, entschlossene Körpersprache gezeigt. Maximilian Philipp hat man angemerkt, dass er die Situation schnell hinter sich bringen wollte. Unsere ausgewerteten Ergebnisse zeigen, dass die Körpersprache Einfluss hat: Brust raus, Schultern nach hinten, langsam zurückgehen, ohne sich umzudrehen, den Blicken des Torhüters standhalten, nach dem Pfiff nicht gleich loslaufen, sondern nochmals durchatmen, um der Situation standzuhalten. Maximilian Philipp hat sich sichtlich nicht wohlgefühlt und ist sehr schnell nach dem Pfiff gestartet.

Der erste Schütze Alcácer musste sehr lange warten, bis der Ball freigegeben war, weil der BVB-Torhüter noch einmal quer übers Spielfeld auf die andere Seite des Strafraums laufen musste. Ein Faktor?

Ja. Die Fehlerquote ist bei längerer Wartezeit auf die Freigabe durch den Schiedsrichter tendenziell höher als bei kürzerer Wartezeit. Es bleibt einfach mehr Zeit für Gedanken über die Stresssituation oder wohin der Schütze zielen will.

Welche Rolle spielt es, dass die Bremer das letzte Tor in der Verlängerung geschossen hatten?

Das ist in der Tat ein statistisch erwiesener Vorteil. Die Mannschaft, die das letzte Tor vor dem Elfmeterschießen erzielt, gewinnt zu 57 Prozent.

imago38678445h.jpg

"Ich würde gern mal mit Niko Kovac und dem FC Bayern eine Studie machen."

(Foto: imago/Laci Perenyi)

Bayerns Trainer Niko Kovac sagte vor dem Pokalspiel in Berlin an diesem Mittwochabend, dass man Elfmeterschießen im Training höchstens simulieren könne, wenn er jeden Fehlschuss mit 50.000 Euro sanktionieren würde.

Monetäre Reize kennen wir in der Forschung tatsächlich auch. Doch ich weiß gar nicht, ob das für Robert Lewandowski & Co. so eine dramatische Drucksituation wäre. Aber ich würde gern mal mit Niko Kovac und dem FC Bayern eine Studie machen, um das auszuprobieren. Er müsste natürlich das Probandengeld zahlen (lacht). Im Ernst: Es gibt verschiedene Arten, Elfmeterschießen zu trainieren und auch Druck zu simulieren.

Wie?

Druck ist sehr individuell. Dementsprechend müsste eine solche Drucksimulation auch für die vier, fünf Schützen einer Mannschaft individuell geschehen. In einer Mannschaft herrscht aber immer auch sozialer Druck, gerade wenn Publikum oder Öffentlichkeit im Spiel sind. Man stelle sich also vor, Bayern München würde nach dem Training veröffentlichen, wie die Elfmeterbilanz der einzelnen Schützen war. Dadurch würde Druck oder auch Wettspielcharakter entstehen. Sozialen Druck innerhalb der Mannschaft kann man auch durch kreative Strafen für die Schützen herstellen, die verschossen haben und dann zum Beispiel die Kollegen beim Mittagessen bedienen müssten.

Welche Rolle spielen äußere Reize, die man simulieren kann?

Das machen die Amerikaner total gut, vor allen in den Hallensportarten im Basketball oder Volleyball. Dann wird zum Beispiel bei Freiwurfsituationen nicht nur Lärm zugeschaltet, sondern auch Videos einer Zuschauermenge auf die Tribünen projiziert.

Wie wichtig ist mentales Training, etwa Visualisierung?

Sehr wichtig. Man spricht von sogenannten Routinen, die man durch Training erwirbt. Es gibt wissenschaftliche Belege, dass dieses Automatisierungstraining mit den immer gleichen Knotenpunkten leistungsfördernd und stressreduzierend ist. Daran können sich Sportler gerade bei stark standardisierten Situationen wie bei einem Elfmeter Sicherheit holen.

Sollten die Schützen dann die Atmosphäre im Stadion ausblenden, um sich nur auf seine Aktion zu konzentrieren, oder gibt es Typen, die das Getöse aufsaugen?

imago38697608h.jpg

Kurz vor dem Schuss noch durch den Strafraum: Dortmunds Torhüter Eric Oelschlägel.

(Foto: imago/Kolvenbach)

Es geht darum, sich zu fokussieren, ein kleines Aufmerksamkeitsfenster zu haben und sich auf die gelernten Knotenpunkte zu konzentrieren. Alle irrelevanten Dinge, die keinen Effekt haben auf die ausgeführte Handlung, sollten ausgeblendet werden - wenn beispielsweise Dortmunds Torhüter Eric Oelschlägel noch kurz vor dem Schuss durch den Strafraum läuft. Auch dafür gibt es Tests, wie wenig oder stark sich jemand von unwichtigen Wahrnehmungsreizen ablenken lässt. Auch das wäre spannend für Elfmetertraining.

Was verringert die Erfolgswahrscheinlichkeit?

Interessant sind dabei folgende Studienergebnisse: Je bekannter der Schütze ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er verschießt. Wer also mehr medial im Rampenlicht steht, mehr Fans und mehr externen Erwartungsdruck hat, hat in einer Analyse von 37 Elfmeterschießen nur zu 65 Prozent getroffen. Spieler hingegen, die zum Zeitpunkt des Elfmeterschießens noch keine Superstars waren, dann aber später welche wurden, zu 88 Prozent. Das zeigt schön, wie individuell Druck ist und wie sehr das in der Elfmetersituation beeinflusst.

Und was erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit?

Heimvorteil hat wohl keinen Einfluss. Linksschützen sind erfolgreicher. Und Bälle, die so hart wie möglich in alle Ecken -– vor allem hoch und platziert - geschossen werden, sind häufiger im Tor. Ebenso die Strategie des Schützen, sich vor dem Schuss eine Ecke auszusuchen. Und das führt mich wieder zu meinem Punkt und zu Niko Kovac: Das kann man trainieren. Es gibt 130 Studien, die wir alle ausgewertet haben, die mir da recht geben.

Wie viel Trainingszeit empfehlen Sie auf Elfmeterschießen zu verwenden?

Die Gruppe der Elfmeterschützen sollte individuell genau wie bei Freistoßtraining nach der Teameinheit trainiert werden, ähnlich spezialisiert wie im amerikanischen Sport - technisch, ebenso wie mental und bei Drucksituationen.

Mit Daniel Memmert sprach Ullrich Kroemer

Quelle: ntv.de