Fußball

Sogar Hoeneß ist sprachlos Ein ganz schlimmer Abend für den FC Bayern

Die Granden des FC Bayern hoffen auf eine erfolgreiche Jahreshauptversammlung. Sie scheinen sogar damit gerechnet zu haben. Doch es kommt ganz anders, wegen Katar. Am Ende verlässt sogar der Klubpatron schockiert von der Eskalation die Halle.

Der FC Bayern ist ein großartiger Verein. Tischtennisspieler, Kegler, Basketballer: Läuft alles. Die ausgegliederte Fußball-AG? Wahnsinn, was da geleistet wird. All die Pokale, die Erfolge, das Geld. Die tollen Typen und das solide Wirtschaften in schwierigen Zeiten? Vorbildlich. Die Frauen machen viel Spaß und der Nachwuchs wird immer besser. Die Basketballer übrigens führten in ihrem Europapokal-Spiel bei ZSKA Moskau lange, zur Halbzeit mit immerhin 7 Punkten. Vieles deutet an diesem Donnerstagabend auf einen guten Abend für den Verein hin.

"Ihr habt uns gefehlt, ihr wart bei uns im Herzen, ihr seid die wahren Champions des FC Bayern", schmeichelte Präsident Herbert Hainer und gab das Versprechen ab, "dass der FC Bayern niemals ein kickender Konzern werden wird." Die Jahreshauptversammlung verläuft drei Stunden lang nach Drehbuch. Emotional beim Gedenken an die verstorbene Klublegende Gerd Müller, bisweilen launig. Aber der Abend endet im Desaster. Uli Hoeneß, der Klubheilige, spricht am Ende unter Schock von der "schlimmsten Veranstaltung, die ich beim FC Bayern je erlebt habe". Es ist ein Kollaps mit Ansage.

"Es geht hier nicht um Demokratie"

Beim FC Bayern, wo man mit großem Recht stolz ist auf Erfolge und Zahlen, ist man nämlich erstaunlich dünnhäutig in der Katar-Frage. Unsouverän auch. Und totalitär werden Kritiker offenbar schnell als Nestbeschmutzer wahrgenommen. Das war schon vor zwei Jahren so, bei der vorigen Jahreshauptversammlung, als der aus der Verantwortung scheidende Uli Hoeneß verdiente Huldigungen für sein Lebenswerk FC Bayern entgegennahm. "Chaos" sei bei den Wortmeldungen wieder ausgebrochen, man müsse sich "da mal was überlegen" polterte es aus Hoeneß ohne jegliche Provokation heraus. "Von ein paar Krakeelern lässt man sich hier die Sache beschädigen", er sei kurz davor gewesen, auf die Bühne zu gehen. "Unter dem Deckmantel Demokratie und freie Meinungsäußerung kommen Fragen und Vorwürfe, die so hanebüchen sind."

Damals ging es vor allem um Kritik an Transfers und Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Diesmal ging es vor allem um die Katar-Frage, die Teile des Vereins und dem Vernehmen nach auch der Mannschaft angezündet hatten. Worum es am Abend nicht ging: Demokratie. Das entfuhr Vizepräsidenten Dieter Mayer tatsächlich zu vorgerückter Stunde. Da hatte ein Redner seinen Beitrag mit den Worten "Also Demokratie geht anders" eingeleitet, Mayer verkündete, im Saal deutlich hörbar: "Es geht hier nicht um Demokratie". Unglücklich, denn genau darum geht es ja im Komplex Katar.

Die Katar-Problematik beschäftigt den Verein und die Fußball-AG auf vielen Ebenen. Im Stadion durch Protestaktionen, rund um die Jahreshauptversammlung auf vereinsrechtlicher Ebene und wie die "Bild"-Zeitung berichtete, sollen auch prominente Teile der Mannschaft mit kritischen Nachfragen zum umstrittenen Deal mit dem Emirat beim Vorstand vorstellig geworden sein. Erst am Nachmittag war der Antrag von Mitglied Michael Ott auf eine Satzungsänderung vom Landgericht München kassiert worden. Um "eine Ergänzung der Tagesordnung hinsichtlich des Sponsorings durch Qatar Airways" ging es darin. Im Laufe des Abends wollte Ott dann einen Spontanantrag gleichen Inhalts stellen.

Keine Zeit für schlechte Nachrichten

Doch auch diesen Spontanantrag schmetterte das Präsidium, vertreten durch Vizepräsident Mayer, ab: "Ich werde hier nicht zulassen, dass wir hier über rechtswidrige Anträge abstimmen. Das Landgericht München hat heute entschieden, dass die Mitgliederversammlung heute nicht zuständig ist." Außerdem seien die wegen der Pandemie nur 780 anwesenden Mitglieder (von insgesamt mehr als 290.000) nicht aussagekräftig genug. "Sie können gerne in einem Gerichtsverfahren angreifen, dass dieser Antrag heute nicht zugelassen worden ist", warf der Vizepräsident hinterher. Und provozierte neuen Tumult, der Saal tobte. "Wollen Sie, dass wir am Ende auch über Audi abstimmen oder ob wir im blau-weißen Trikot spielen", ätzte Mayer noch. Es wirkte, als sei die Vereinsführung damit überfordert, dass Mitglieder ihre Mitgliedsrechte tatsächlich wahrnehmen. Man gab sich auch reichlich wenig Mühe, das zu überspielen.

Dabei hatte man sich im Sinne der guten Laune doch im Verlaufe des Abends manches Taschenspielertricks bedient: Da freute sich Hainer darüber, dass mit Josip Stanisic und Jamal Musiala wieder zwei aus dem eigenen Nachwuchs den Sprung zu den Profis geschafft hätten und vergaß zu erwähnen, dass Verteidiger Stanisic zwar immerhin zwei Jahre in der Bayern-Jugend ausgebildet wurde, aber sechs beim Lokalrivalen 1860. Und Musiala? Den hatte man nach acht Jahren Ausbildung in London fertig vom FC Chelsea übernommen, in Bayerns U-Mannschaften spielte er aufgrund der verkürzten Pandemie-Saisons und seiner schieren Qualität nur eine Handvoll Male.

"Wir stellen uns jedem Diskurs"

Und während man die Drittliga-Meisterschaft der eigenen Zweitvertretung gebührend feierte und mit einem Seitenhieb gegen den Lokalrivalen genüsslich und dezent populistisch garnierte, fand der sang- und klanglose Abstieg im Folgejahr keinen Platz in den Ausführungen des Präsidenten. Wohlgesetzte Spitzen gegen die nationale wie internationale Konkurrenz und der stetige Verweis auf die Titel, das "Mia san Mia" und die Beteuerung, dass man stolz sein könne, Mitglied dieses großartigen Vereins zu sein. Von diesem Gefühl war am Ende wenig übrig geblieben, die Inszenierung der heilen, erfolgreichen, einzigartigen Bayern-Welt, die losgelöst vom Außenrum funktioniert, verfing nicht.

Dass es im Tagesordnungspunkt 9 - "Anträge" - zu Stunk kommen würde, war nicht überraschend, das stand seit Wochen fest. Überraschend war, wie sich die Bayern-Bosse reihenweise schlimme Blößen gaben. Mayer rang immer wieder um Fassung und Präsident Herbert Hainer führte derart unsouverän durch die Veranstaltung, dass auf Twitter mehrfach die Frage gestellt wurde, wie der Präsident 15 Jahre den Weltkonzern Adidas führen konnte. "Wir als Verein stellen uns jedem Diskurs."

Natürlich dürfe auch Kritik sein, hatte er zu Beginn des Abends gesagt. "Aber die Kritik soll immer sachlich und auf nüchterner Basis erfolgen", sagte er. "Pfui" und "Buh" riefen viele, es gab Pfiffe. Hainer fragte ins Plenum: "Sind Sie denn gegen einen sachlichen und fachlichen Dialog?" Das fragte er als Chef des Klubs, der Otts Antrag über Wochen nicht bearbeitet hatte, weshalb sich der Antragsteller genötigt sah, andere Wege (vergeblich) zu beschreiten, um sein Anliegen auf die Tagesordnung setzen zu lassen.

Das Mitglied Robin Feinauer leitete schließlich die Eskalation ein - weil er unter ständiger Ermahnung von Hainer und Mayer vom Verein forderte, sich, wie in seiner Satzung verankert, "für die Achtung der Menschenrechte einsetzen" und sich zugleich für die Umsetzung der Uno-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte verpflichten müsse. "Der Verein muss sich kritischer mit autokratischen Herrschaftsstrukturen auseinandersetzen", erklärte Feinauer, "lassen Sie uns festhalten, dass wir nicht mehr mit autokratischen Herrschern oder Menschenrechtsverletzern in Verbindung gebracht werden".

Applaus für mächtige Klatsche

Der FC Bayern hatte sich anderthalb Jahre lang, so sagte es Mayer, mit seiner Satzung auseinander gesetzt und wollte sich in einem eigenen Änderungsvorschlag zu den Menschenrechten "bekennen". Mit nur 268 Ja- und 503 Nein-Stimmen wurde der Antrag des Präsidiums kolossal abgelehnt, die anwesenden Mitglieder bejubelten die Klatsche wie ein spätes 2:1. Während der Abstimmungsperiode herrschte eine Stimmung im Saal, unter der wohl auch ein Antrag des Vorstands auf Freibier für das Plenum gnadenlos abgeschmettert worden wäre. Als hätten die Fans erkannt, dass die Dialogvorschläge des Vereins mehr der Besänftigung als dem ernsthaften Willen zur Annäherung geschuldet zu sein schienen.

Am Ende eines langen Abends hielt Gregor Weinreich, lange Vorsitzender des Dachverbandes der FC-Bayern-Fanklubs, eine Rede, die den Vereins- und AG-Oberen eigentlich hätte unangenehm sein müssen. Es war eine verspätete Replik auf Hainers Wunsch nach Dialog. Weinreich zählte auf, dass der FC Bayern Veranstaltungen der Fans nicht besucht und das Versprechen auf Dialog nicht eingehalten habe, obwohl immer vom Dialog die Rede sei. Der Einwurf Kahns, dass "ein Round Table eine gute Idee" wäre, provozierte hämisches Gelächter. Verhöhnt im eigenen Haus. Das mögen sie nirgendwo und schon gar nicht der FC Bayern. Das Wort Katar hatte Kahn während seiner Rede nicht in den Mund genommen, aber: "Wir begrüßen und teilen das, dieses immer stärker werdende Engagement der Fans, für gesellschaftliche Themen einzutreten." Nur zu nah ans Innere des Fußball-Konzerns sollte es dann wohl doch nicht gehen. Oder wie es aus dem Plenum hallte: "Das Problem ist, dass Ihnen die Menschenrechte scheißegal sind."

Dass der FC Bayern sehr, sehr viel Geld aus Katar für vergleichsweise wenig Sichtbarkeit bekomme, mache ihm Sorgen, sagte Weinreich. Die unausgesprochene Angst: Der Wüstenstaat mit problematischem Verhältnis zu proklamierten Werten des Vereins erhofft sich von seinem Investment möglicherweise mehr als nur einen Platz auf den Trikotärmeln. Weinreich erhielt den längsten Applaus des Abends. Länger als Vorstandsboss Oliver Kahn, der Stunden zuvor in seiner ersten Rede als Bayern-Boss versprochen hatte, man kämpfe "an vorderster Front, dass es nicht sein kann, dass Investoren unbegrenzt Geld in Klubs pumpen können". Beim FC Bayern "bestimmt keine Investorengruppe oder ein Multimillionär", betonte Kahn, der den Mitgliedern versprach: "Wir werden auch weiter unseren eigenen Bayern-Weg gehen." Es ging beinahe unter, dass Hainer noch verkündete, man habe "bei Weitem nicht entschieden, dass wir mit Katar weitermachen. Noch hat Katar entschieden, mit uns weiterzumachen. Natürlich werden wir den Vertrag, den der FC Bayern eingegangen ist, erfüllen." Hainer warb für den Dialog. Das sei besser als ausgrenzen und ausschließen. Es ging dabei wohlgemerkt um die Beziehung zu Katar. Nicht um die mit den eigenen Mitgliedern.

"Wir sind die Fans, die ihr nicht wollt"

Unter lauten Pfiffen im Saal beendete Hainer die Veranstaltung dann kurz nach Mitternacht abrupt. Zum völligen Unverständnis der anwesenden Mitglieder, die dann beinahe auf die Barrikaden gegangen wären. Alles ausgetauscht und alles geklärt? Mitnichten. Weitere Wortmeldungen waren angemeldet. Katar-Antragsteller Michael Ott twitterte am Morgen danach, dass einige seiner Anträge auf Redebeiträge einfach abgelehnt worden seien. Und fragte stellvertretend für viele Beobachter des Abends: "Sieht so eine gesunde Diskussionskultur aus?"

Der Rassismus-Skandal, der für mehrere Mitarbeiter aus dem Nachwuchsbereich des Klubs Konsequenzen hatte, bekam während der Veranstaltung übrigens überhaupt keinen Raum, obwohl offenbar ein Mitglied dazu noch gerne gesprochen hätte. Stattdessen stellte sich der Mann auf einen Stuhl und hielt seine Rede ohne Mikrofon. Die Mitglieder, die sich um ihn geschart hatten, jubelten. Sie sangen: "Wir sind Bayern - und ihr nicht." Und: "Wir sind die Fans, die ihr nicht wollt." Zu guter Letzt, und das gab es noch nie, rief ein Großteil der Mitglieder: "Hainer raus! Hainer raus!" In den wilden Jahren der Bundesliga hätte es möglicherweise Gewalt gegeben. Gut, dass das nur noch Fußball-Folklore ist.

Zu klären haben sie beim FC Bayern dennoch eine ganze Menge. Uli Hoeneß war am Ende eines für den FC Bayern schlimmen Abend doch noch auf die Bühne getreten. Er wollte wohl mäßigend eingreifen, als Teile des Saals skandierten: "Wir sind die Fans, die Ihr nicht wollt". Doch Hoeneß, der wortgewaltige Meister der freien Tirade, trat wieder ab, ohne ein Ton gesagt zu haben. Sein Verein, den er zu einer Weltmarke gemacht hatte, hatte ihn sprachlos gemacht. Und die Basketballer, erinnern Sie sich noch an den Anfang der Veranstaltung, haben am Ende auch noch verloren. Das aber interessierte dann auch niemanden mehr. Denn schlechte Nachrichten wollten sie beim FC Bayern an diesem Abend nicht verkünden. Stattdessen produzierte man sie mit Anlauf.

Quelle: ntv.de

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