Fußball

Liverpool bangt ums Achtelfinale Eine schmerzhaft stille Nacht in Anfield

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Jürgen Klopp hatte an der Anfield Road auch schon bessere Laune.

(Foto: imago images/Action Plus)

Champions-League-Sieger FC Liverpool spielt gegen Neapel nur unentschieden und muss um den Achtelfinal-Einzug bangen. Die Magie der Anfield Road blieb diesmal aus. Vielleicht auch, weil den Zuschauern ein anderer Titel viel wichtiger ist.

Die 66. Minute fühlte sich an, als würde es jetzt losgehen. Als würde die Magie ihren Lauf nehmen, wie sie es immer tut an diesem mythischen Ort. Der FC Liverpool hatte im Vorrundenspiel der Champions League gegen den SSC Neapel durch das Kopfballtor des Innenverteidigers Dejan Lovren gerade das 1:1 erzielt. Plötzlich kam Stimmung auf im Stadion an der Anfield Road. "We are the champions! Champions of Europe!", brüllten die Fans des amtierenden Gewinners des Wettbewerbs. Trainer Jürgen Klopp schritt durch seine Coaching-Zone, wandte sich dem Publikum zu und klatschte. Die Zuschauer reagierten, indem sie noch lauter wurden, wie ein Passagierflugzeug beim Start. Es fühlte sich an, als würde Liverpool das Spiel jetzt gewinnen und vorzeitig ins Achtelfinale einziehen. Als würde die Fußball-Welt eine weitere dieser berühmten Europapokal-Nächte erleben, die angeblich nur an der Anfield Road möglich sind.

Doch das Gefühl war falsch. Als Schiedsrichter Carlos Del Cerro Grande die Partie beendete, stand es immer noch 1:1. Das Publikum applaudierte kurz, dann wurde es seltsam still im Stadion. Liverpools Spieler und Trainer Klopp bedankten sich nur zögernd bei den Zuschauern. Sie gingen in Richtung Kop-Tribüne, drehten aber früh wieder ab und verschwanden im Spielertunnel. Der Stadionsprecher verkündete, dass jetzt im letzten Gruppenspiel in Salzburg am 10. Dezember über die Achtelfinal-Teilnahme entschieden werde, doch die Zuschauer schienen davon keine Notiz zu nehmen. Schweigend verließen sie den Ort des Geschehens.

Wie auf einem Amateur-Sportplatz

Das Ende passte zum Charakter der ganzen Veranstaltung. Das Stadion erlebte eine ungewöhnliche, eine vergleichsweise stille Champions-League-Nacht. Wie zuletzt schon häufiger in der Premier League fehlten Liverpool gegen Carlo Ancelottis Neapel Tempo und Präzision. Die meisten Angriffsversuche verhedderten sich in der disziplinierten Abwehr der Gäste, die ja ihre ganz eigenen Probleme haben nach der Rebellion der Spieler gegen Präsident Aurelio De Laurentiis. Liverpools Flanken landeten immer wieder bei Torwart Alex Meret. Viele kleinere Fouls und das Zeitspiel der Besucher aus Italien bremsten zusätzlich den Spielfluss. Der Funke zwischen Mannschaft und den Menschen auf den Rängen sprang nicht über. In einigen Phasen war es so leise, dass man die Rufe der Spieler hören konnte, wie auf einem Amateur-Sportplatz. Auch an der Anfield Road ist nicht jede Nacht magisch.

Vielleicht spürten die Zuschauer, dass es gegen Ancelottis gut geordnete Truppe nichts werden würde mit einem Sieg. Anders als vor einem Jahr, als Liverpool mit einem 1:0 gegen Neapel den Achtelfinal-Einzug sicherstellte, und anders als zuletzt mehrfach in der Premier League, als Klopps Mannschaft dank später Tore auch aus schwächeren Spielen als Sieger hervorging. Vielleicht war das Publikum in Gedanken auch schon weiter, bei der Partie gegen Brighton & Hove Albion am Samstag in der Liga. Liverpool führt den heimischen Betrieb mit luxuriösem Vorsprung an und ist auf Kurs, das 30 Jahre lange Warten auf die Meisterschaft zu beenden. Diese Aussicht überstrahlt an der Anfield Road alles.

Horror-Szenario für Klopp

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Der wohl bitterste Moment eines unglamourösen Abends: Fabinho kann nicht weitermachen.

(Foto: imago images/Sportimage)

Und dann drückte natürlich die Verletzung von Fabinho auf die Stimmung. Der defensive Mittelfeldspieler aus Brasilien musste schon vor dem 0:1 durch Dries Mertens in der 21. Minute ausgewechselt werden, nachdem er mit Hirving Lozano zusammengeprallt war. "Es ist sehr schmerzhaft in einer Gegend, in der man keine Schmerzen haben will, um den Knöchel und am Schienbein", teilte Klopp hinterher mit. Ein längerfristiger Ausfall des Abräumers und Ballverteilers wäre ein Horror-Szenario. Fabinho ist ähnlich wichtig für die Mannschaft wie Abwehrchef Virgil Van Dijk oder der zuletzt überragende Sadio Mané. Seinen Ausfall könnte Klopp kaum kompensieren.

Das Endspiel um den Achtelfinal-Einzug in Salzburg kommt Liverpool ebenfalls ungelegen. Der Terminplan in der Vorweihnachtszeit ist ohnehin schon überfüllt mit Verpflichtungen in der Premier League, im Ligapokal und bei der Klub-WM in Katar. Da wäre es günstig gewesen für Klopp, wenn er bei der Reise nach Österreich ein paar Profis hätte schonen können. Wobei ihm angeblich von vornherein klar war, dass die Partie kein "Urlaubs-Spiel" werden würde, wie er es formulierte: "So war es noch nie und so wird es nie sein." Einen Punkt braucht Liverpool in Salzburg voraussichtlich, um sich die Chance zu erhalten, auch in dieser Saison doch noch ein paar große Champions-League-Nächte an der Anfield Road zu feiern.

Quelle: n-tv.de