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Bundesliga-Check: Werder Bremen Europapokaaal - dank Kruse-Abgang

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Nach oben soll es gehen: Werder-Coach Florian Kohfeldt zeigt an, dass Bremen sich nächstes Jahr für den Europapokal qualifizieren will.

(Foto: imago images / DeFodi)

"Abends sollen die Lichter angehen", fordert Trainer Florian Kohfeldt. Fußball-Bundesligist Werder Bremen will in der letzten Saison von Claudio Pizarro nach Europa. Dass mit Max Kruse der beste Spieler weg ist, sieht man an der Weser als Chance. Doch die Abwehr braucht Verstärkung.

Denkbar knapp scheiterte der SV Werder Bremen in der vergangenen Saison am Ziel, sich für die internationalen Plätze zu qualifizieren. Einige hatten den Grün-Weißen in der ersten kompletten Bundesligasaison unter Trainer Florian Kohfeldt den spielerischen Schritt nach vorne so nicht zugetraut. Aber Werder spielte seit langer Zeit mal wieder eine komplette Saison größtenteils ansehnlichen und erfolgreichen Fußball und scheiterte auch im Pokal erst im Halbfinale nach einer Fehlentscheidung des Schiedsrichters. Und so lautet das Ziel dieses Jahr unmissverständlich: Europapokaaal, Europapokaaaal, Eu-ro-pa-pokaal!

Was gibt's Neues?

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Personell (noch) nicht viel. Früh stand die Rückkehr von Niklas Füllkrug - seit 2006 spielte er in der Bremer Jugend, dann 2012 ein Jahr erfolglos bei den Profis - für 6,5 Millionen Euro aus Hannover fest, aber danach wurde Werder auf dem Transfermarkt kaum noch aktiv. Rechtsverteidiger Robert Bauer steht nach der Leihe nach Nürnberg wieder im Kader und Bayern-Leihgabe Marco Friedl wurde zu dieser Saison fest verpflichtet. Wie eine Neuverpflichtung feierte Bremen aber die vorzeitige Vertragsverlängerung von Coach Kohfeldt. In seiner ersten kompletten Saison überzeugte er langjährige Werderaner und wurde sogar zum Trainer des Jahres 2018 gewählt.

Das weckte das Interesse von größeren Klubs und so bedeutet der neue Kontrakt bis 2023 vor allem Ruhe für die kommende Saison. Außerdem haben die Grün-Weißen einen neuen Kapitän. Abwehrchef Niklas Moisander übernimmt die Binde vom zu Fenerbahce Istanbul abgewanderten Max Kruse. Ein logischer Schritt, denn dank seines Könnens und seiner besonnenen Art war der Finne sowieso einer der Chefs auf dem Platz. Auch ein bevorstehendes Ende wird neu. Altstar Claudio Pizarro hört nach dieser Saison wirklich auf. Das mag sich kein Werder-Fan vorstellen und jeder hofft auf ein paar letzte, unvergessliche Momente mit dem Peruaner im Weserstadion. Er selbst hofft derweil auf ein Abschiedsspiel zwischen seinen beiden langjährigen Stationen Bremen und Bayern - ein Wunsch, den dem Fan-Liebling wohl niemand absprechen wird.

Auf wen kommt es an?

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Auf das Team. Der SV Werder hat keine großen Einzelkönner mehr. Der letzte dieser Art war Kruse. Maximilian Eggestein, Davy Klaasen, Nuri Sahin, Kevin Möhwald und, wenn fit, Philipp Bargfrede sollen es in der Schaltzentrale im offensiven und defensiven Mittelfeld gemeinsam richten. Die Last wird auf mehrere Schultern verteilt. Das kann funktionieren, birgt aber die Gefahr, dass die Spieler die Verantwortung an den Nebenmann abgeben. Besonders Eggestein, der, obwohl vom BVB umworben, seinen Vertrag in Bremen verlängerte, und Klaassen, der neue Vize-Kapitän, werden mehr Verantwortung in der Spielgestaltung übernehmen. Auch Sahin ist momentan gesetzt und will in seiner ersten kompletten Werder-Saison ein Leader werden. Kohfeldt hält große Stücke auf den Ex-Borussen, der als alleiniger Sechser aber aufgrund von Schnelligkeitsdefiziten in der Rückrunde nicht immer überzeugen konnte. "Er ist super drauf, aber natürlich nicht der Schnellste", sagt Björn Knips, verantwortlicher Redakteur der Deichstube. "Bei Kontern darf er nicht den Stürmer verteidigen."

Fürs Toreschießen gibt es in der Hansestadt einige Alternativen. Pizarro, Josh Sargent, Yuya Osako, Johannes Eggestein, Niklas Füllkrug, der erneut verletzte Fin Bartels und der Wechselkandidat Martin Harnik besetzen den Sturm, wobei der jüngere Eggestein-Bruder von Kohfeldt nun auch als Achter im Mittelfeld eingesetzt wird. Der 40-jährige Pizarro ist in seinem letzten Jahr als Fußball-Profi zufrieden, ein paar Buden von der Bank aus zu machen. Neuzugang Niklas Füllkrug hat dafür die Ambitionen, in der ersten Elf zu stehen. Allerdings musste der Rückkehrer, der seine Stärken im Sturmzentrum hat, in der Vorbereitung manchmal über außen kommen, was ihm nicht schmeckte. Füllkrug hat nach seiner langwierigen Knieverletzung noch Rückstand, sodass der erst 19-jährige US-Amerikaner Sargent Stürmer Nummer eins zum Bundesligastart sein könnte. Gerade erst attestierte der Aufsichtsratsvorsitzende, Marco Bode, dem Stürmer mit der Pumuckel-Frisur "eine große Begabung". Auch Knips sagt: "Sargent hat seine Chance super genutzt." Aber langfristig sieht der Werder-Insider Füllkrug vorne.

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Und dann ist da natürlich noch Milot "Rakete" Rashica. Ganz Bremen hofft, dass die Entwicklung des flinken Flügelflitzers weiter so steil nach oben geht wie in der Rückrunde (acht Tore in der Liga und drei im Pokal) der vergangenen Saison. Welche außergewöhnlichen Anlagen der 23-jährige Kosovare besitzt, zeigte er da erstmals so richtig. Die Frage ist, ob er sein Können schon eine komplette Saison konstant auf den Rasen bringen kann. Werder wollte Rashica, der ohnehin noch einen Vertrag bis 2022 besitzt, gerne noch langfristiger an sich binden, aber der Flügelstürmer will sich noch nicht festlegen.

Ein Vorteil für Werder gegenüber der Konkurrenz: die Konstanz. "Es wird immer gesagt, dass man sich verstärkt, wenn man neue Spieler einkauft, aber Werder hat vor allem viele Spieler gehalten und ist eingespielt", merkt Experte Knips an. "Klaassen, Osako, Rashica, Eggestein - sie können alle in der Saison noch mal einen Schritt nach vorne machen."

Was fehlt?

Kruse. Oder doch nicht? Er war in der vergangenen Saison (mal wieder) der Dreh- und Angelpunkt, das Relais des Bremer Spiels. Ohne den Ex-Kapitän fehlen Werder 22 Scorerpunkte. Oft ließ sich Kruse tief ins Mittelfeld fallen und gestaltete den Spielaufbau. Ohne ihn fehlen Bremen auch Überraschungsmomente und spielgestalterische Fähigkeiten in einem Kader, der viel Offensivkraft aber keinen unberechenbaren Kreativgeist bietet.

Aber: Der Abgang des Kapitäns bringt mehr positive Effekte mit sich als negative. Knips sagt: "Die individuelle Klasse wird Werder natürlich fehlen. Aber dafür haben sie jetzt andere Möglichkeiten." Manchmal war das Spiel der Werderaner zu abhängig von Kruse. Zu vorhersehbar. Sahin sagt, er habe immer zuerst geschaut, wo die Nummer 10 sei, um zu ihm zu passen. Und dass die Mannschaft einen Spieler auf dem Platz hatte, der sich quasi alles erlauben durfte, inklusive defensiven Päuschen, hat dem SVW nicht immer gut getan. Die Grün-Weißen dürften jetzt für die Gegner schwieriger auszurechnen sein. Und die Offensivkräfte an der Weser sind stark genug, besonders nachdem mit Füllkrug ein echter Strafraumstürmer im Aufgebot steht, auch ohne Kruse Tore zu schießen. "Die Testspiele und die Trainingslager zeigen, dass es vorne bereits sehr gut funktioniert", hat Knips beobachtet, "besonders, weil man dort eingespielt ist."

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In der Vorbereitung besetzte meist Yuya Osako Kruses Positon - und das mit Erfolg. Sahin sagt über den Japaner gar: "Ein fantastischer Fußballer. Ich weiß gar nicht, ob er weiß, wie gut er ist." Die vereinsinterne Lösung scheint zu funktionieren. Osako tritt nicht ganz so dominant wie der Ex-Kapitän auf, lässt sich nicht so tief fallen, was dem Offensivdrang von Klaassen und Eggestein förderlich ist und andere Spielvarianten ermöglicht. Knips urteilt: "Osako ist kein klassischer Mittelstürmer, ähnlich wie Kruse. Zwar hat er nicht Kruses mentale Stärke à la 'mir ist alles egal', aber fußballerisch bringt er alles mit."

Bisher fehlt zudem eine bundesligataugliche Abwehr. Innenverteidiger Milos Veljkovic (Zehenbruch) fällt mindestens bis zum Saisonstart aus und Sebastian Langkamps Genesung (Muskelfaserriss) verläuft schleppend, auch Linksverteidiger Ludwig Augustinsson verpasst das Pokalspiel am Samstag. Und wo Langkamp ein solider Backup ist, hat Veljkovic in der vergangenen Saison nicht den erhofften Sprung gemacht. Nun streckt man an der Weser die Fühler nach Dortmunds Ömer Toprak aus. "Das würde Werder noch mal ein ganz schönes Stück nach vorne bringen", sagt Knips, "weil gerade in der Defensive was Geschwindigkeit betrifft noch Defizite herrschen und der rechte Innenverteidiger immer so eine Wackelgeschichte war."

Wie lautet das Saisonziel?

Europapokal. Flutlicht. Wunder von der Weser. Werder will in der Saison 2020/2021 international spielen, dieses ehrgeizige Ziel sprechen im Verein mittlerweile alle aus. Neu-Kapitän Moisander gibt die Marschroute vor: "Europa ist das Minimalziel." Coach Kohfeldt denkt noch ein wenig weiter: "Schön wäre es, Werder auf Dauer zwischen dem fünften und neunten Platz zu etablieren, ohne dass es eine Sensation ist. Es wäre für mich ein Erfolg, innerhalb der nächsten Jahre international gespielt zu haben", sagt der Trainer und fasst den Werder-Wunsch wie folgt zusammen: "Abends sollen die Lichter angehen."

Die Prognose:

"Ganz Bremen erwartet Europa - und das ist auch realistisch", sagt Insider Knips. "Aber es wird noch mal schwieriger als im letzten Jahr." Weiter nach unten orientieren müsste der SVW sich seiner Meinung nach, sollte es zu Saisonbeginn viele Niederlagen hageln und wichtige Spieler wie Sahin, Eggestein, Moisander oder Torhüter Pavlenka ausfallen.

In der Tat wird es spannend werden, wie das Werder-Kollektiv den Kruse-Abgang wegsteckt und ob Coach Kohfeldt daraus wirklich eine neue Stärke generieren kann. Momentan scheinen die Grün-Weißen auf dem richtigen Weg. Aber auch die Frage, welche Spieler einen Schritt nach vorne machen können, der nötig sein wird für die internationalen Plätze, gilt es zu beantworten. Einen Transfer für die Defensive braucht es für Europa definitiv noch. Für ein letztes Pokalfinale für Altmeister Pizarro ebenfalls. Die ersten drei bis vier Plätze in der Bundesliga scheinen vergeben. Aber vor Vereinen wie Mönchengladbach, Wolfsburg oder Frankfurt muss sich Bremen nicht verstecken. Die Plätze fünf bis neun sind realistisch.

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Quelle: n-tv.de

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