Fußball

Fragwürdiger Elfer hilft Bayern "Oh Gott ey. Das ist lächerlich."

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Elfmeter oder nicht? Bremens Gebre Selassie im spielentscheidenden Halbfinalduell mit Münchens Coman.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der FC Bayern bucht gegen den SV Werder mit einem absolut berechtigten Elfmeter das Ticket für das DFB-Pokalfinale, da ist sich Uli Hoeneß sicher. Die Überzeugung des Klubpräsidenten ist aber nicht mehrheitsfähig, auch wenn er einen mächtigen "Meinungsverbündeten" hat.

Uli Hoeneß hatte zur Meinungsabsicherung einen der unmittelbarsten und somit mutmaßlich besten Zeugen befragt. Dieser aufgerufene Zeuge, Kingsley Coman war's, hatte ihm bestätigt, dass da halt der Ellenbogen von Theodor Gebre Selassie war. Wegen dessen Ellenbogen war er, der Zeuge Coman, im Strafraum des SV Werder Bremen gestürzt. Und wegen dieses fatalen Sturzes und wohl auch auf Drängen des Videokollegen Robert Kampka hatte Schiedsrichter Daniel Siebert ohne eigene Ansicht der Videobilder in der 78. Minute Elfmeter gepfiffen. Den verwandelte Robert Lewandowski in der 80. Minute. Zum 3:2 für den FC Bayern im Halbfinale des DFB-Pokals.

SV Werder Bremen - FC Bayern München 2:3 (0:1)

Bremen: Pavlenka - Gebre Selassie, Veljkovic, Moisander, Augustinsson (81. Harnik) - Möhwald (65. Pizarro), Klaassen (89. Johannes Eggestein) - Maximilian Eggestein, Kruse, Osako - Rashica. Trainer: Kohfeldt
München: Ulreich - Kimmich, Jerome Boateng, Hummels, Alaba - Martinez, Thiago (76. James) - Gnabry (58. Goretzka), Thomas Müller (89. Rafinha), Coman - Lewandowski. Trainer: Kovac
Tore: 0:1 Lewandowski (36.), 0:2 Thomas Müller (63.), 1:2 Osako (74.), 2:2 Rashica (75.), 2:3 Lewandowski (80., Foulelfmeter)
Gelbe Karten: Klaassen (25.), Kruse (84.) - Hummels (26.), James (84.), Lewandowski (90.+3)
Schiedsrichter: Siebert (Berlin)
Zuschauer: 42.100 (ausverkauft)

Es war die Entscheidung in diesem dramatischen, wilden, absurden Schlagabtausch im mit 42.100 Zuschauern ausverkauften und aufgewühlten Weserstadion. Begünstigt wurde diese Entscheidung allerdings durch eine Entscheidung, die außer Hoeneß, seinem durchaus fragwürdigen Zeugen und allen beteiligten Schiedsrichtern kaum jemand in dieser Klarheit erkannte. Und was heißt hier schon klar. Denn während alle über den bis zu diesem Abend doch sehr unauffälligen Ellenbogen Gebre Selassies reden, habe der Refeere wegen eines Kontaktes "unten" auf unerlaubtes Abwehrverhalten entschieden. So berichtete es Bremens Neu-Nationalspieler Maxmilian Eggestein. Es nimmt der Szene und ihrer Bewertung nicht die Absurdität. Das Gegenteil ist der "Fall" - haha.

Die Menschen im Weserstadion waren in diesen Minuten derweil mit anderen Dingen befasst. Sie versuchten gerade irgendwie zu begreifen, wie ein doch eigentlich entschiedenes Halbfinale binnen weniger Sekunden unentschieden stehen konnte - 2:2 nämlich. Per Laserimpuls-Doppelpack (das soll laut Google sehr schnell sein) hatten Yuya Osako und Milot Rashica zwischen der 74. und 75. Minute den 0:2-Rückstand durch Lewandowski (36.) und Thomas Müller (63.) egalisiert. Und sie hatten dem kurzzeitig ernüchterten Weserstadion so einen der größten Erschütterungstests seiner knapp 72-jährigen Geschichte zugemutet.

"Können den Videobeweis auch abschaffen"

*Datenschutz

Mitten hinein in diesen immer emotionaleren Pokal-Eintopf aus totaler Euphorie (bei Bremen) und noch totalerer Fassungslosigkeit (bei Bayern) aber rührte Kingsley Coman plötzlich wieder einen seiner kaum zu bremsenden Flügelläufe. Den spielentscheidenden. Der Franzose ging über seine linke Seite mit dem Ball am Fuß in den Strafraum. Er zog an Gebre Selassie vorbei. Der Bremer schob leicht, obwohl der Ball schon nicht mehr am Fuß von Coman war. Der 22-Jährige fiel. Elfmeter. Diskussionen. Emotionen.

Max Kruse, den die Bremer nach seiner massiven Oberschenkel-Prellung aus dem Bundesliga-Spiel vom vergangenen Samstag, von Joshua Kimmich, beim FC Bayern, gerade so und irgendwie fit bekommen hatten, konnte am allerwenigsten glauben, dass der Ellenbogenkontakt seines tschechischen Teamkollegen gegen Coman als schwerwiegender Tatbestand vor Zeugen verurteilt wurde: "Das ist lächerlich, Also das ist ein ganz leichter Kontakt, oh Gott, ey! Wir haben den Videobeweis, aber wenn man das nicht sieht, dann können wir den auch abschaffen."

Schlussakt im Pokal-Drama

Nun wollte aber auch niemand behaupten, dass Coman sich freiwillig ablegte. "Er ist keiner der sich fallen lässt", sagte Thomas Müller. Folglich reihte er sich in den Überzeugungsverbund Hoeneß, Coman und Schiedsrichter ein: "Durch den Videobeweis bekommt der Schiedsrichter ja mit, ob es elfmeterwürdig ist. Für mich war das aus dem Spiel heraus absolut ein Elfmeter."

*Datenschutz

Gut, in diesem Spiel halt. In neun anderen Fällen - dann wären wir bei zehn - wäre das nämlich nie und nimmer eine strafbare Handlung gewesen. So wertete es Bremens uneinsichtiger Coach Florian Kohfeldt. Der bekannte sich als "großer Freund des Videobeweises": "Aber mit diesem Elfmeterpfiff könnte ich besser leben, wenn es keinen Videoschiedsrichter gegeben hätte." Sein Münchener Kollege Niko Kovac blieb derweil einsichtig aber höflich im Vagen: "Für mich persönlich ist das eine harte Entscheidung. Coman bekommt einen Schubser. Der Ellenbogen von Gebre Selassie ist schon auch zu sehen. Ob man den Elfmeter aber pfeifen muss, das lass ich jetzt mal dahingestellt. Wenn der Schiedsrichter ihn nicht pfeift, werden wir uns nicht beklagen." Aber ein bisschen dumm habe sich Gebre Selassie schon auch angestellt, so Kovac.

Der Ellenbogen, der Sturz, der Pfiff. Der Schlussakt dieses Pokal-Dramas. Der Hauptakt dieses fußballerisch auch bemerkenswerten guten Pokal-Dramas. "Bitte", so mahnte Kohfeldt am späten Abend dann auch noch in kleinerer Gesprächsrunde, "reduziert dieses Spiel nicht auf diese Szene. Es wird diesem Spiel nicht gerecht." Das fand übrigens auch Uli Hoeneß. Ganz ohne Zeugen.

Quelle: n-tv.de

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