Fußball

Die Entwicklung beim FC Bayern Flickt Hansi jetzt die Taktik-Löcher?

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Hansi Flick und sein Chef Niko Kovac könnten sich beim FC Bayern gut ergänzen.

(Foto: imago images / Revierfoto)

Niko Kovac ist im ersten Jahr beim FC Bayern durchaus erfolgreich. Will der Trainer das bleiben, muss er aber im taktischen Bereich einige Probleme beheben. Mit Hansi Flick holt der deutsche Fußball-Rekordmeister jemanden, der ihm dabei helfen kann.

Niko Kovacs erstes Jahr glich einer Achterbahnfahrt. Nach gutem Start kam es im Herbst zur Krise, die ihm fast den Job gekostet hätte. Doch er brachte den FC Bayern auf Kurs, gewann mit der deutschen Fußballmeisterschaft und dem DFB-Pokal das Double. Kein schlechter Einstand. In der neuen Bundesligasaison muss der 47 Jahre alte Trainer aber einen Gang zulegen, will er so erfolgreich bleiben. Die guten Ergebnisse der Rückrunde überschatteten nämlich viele Schwachstellen, die Kovac im taktischen Bereich zeigte.

Zum Autor

  • Justin Kraft ist freier Autor und Blogger bei miasanrot.de.
  • Als Jahrgang 1993 durch die "Generation Kahn" mit dem FC Bayern in Kontakt gekommen.
  • Fußball-sozialisiert mit der "Generation Lahmsteiger", der er 2019 sogar ein nach ihr benanntes Buch widmete.

Das Problem: Aus eigenem Ballbesitz war sein Team im Aufbauspiel und weiter vorne nicht in der Lage, kontrolliert durchs Zentrum zu spielen. Der Ball ging von den Innenverteidigern zu den Außenverteidigern und von dort zu den Außenstürmern. Das führte zu vielen sinnlosen Flanken, die keinen Abnehmer fanden. Die Gegner konnten sich leicht auf dieses Schema der Bayern einstellen. Kovac schien das Problem nicht beheben zu können - oder es war für ihn kein Problem. Doch ein neuer Kollege kann ihm helfen, den FC Bayern taktisch wieder fit zu machen: Hans-Dieter Flick könnte das entscheidende Puzzleteil im Trainerteam sein. Flick ist bekannt für seine Fähigkeiten bei der Analyse und der taktischen Weiterentwicklung. Bei der deutschen Nationalmannschaft hatte er großen Anteil an den Erfolgen.

Der Weltmeister-Macher

Beim DFB bereitete Flick die Videoanalysen vor und gab Bundestrainer Joachim Löw hochwertigen Input, was taktische Prozesse auf dem Platz anging. Bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien soll Flick nicht nur maßgeblich für die Ausarbeitung der Standardvarianten verantwortlich, sondern auch an der Planung der Vorbereitung sowie der Trainingssteuerung entscheidend beteiligt gewesen sein. Bei den Stars genoss Flick hohes Ansehen. Er weiß mit großen Spielern umzugehen und ergänzte sich hervorragend mit Löw. Zudem gilt Flick nicht nur als gut vernetzt, sondern auch als guter Moderator.

Gerade im zwischenmenschlichen Bereich könne sein ehemaliger Co-Trainer punkten, sagte Löw jüngst. Flick könnte nun für Kovac das werden, was Peter Hermann über Jahre für Jupp Heynckes war: der ideale Fachmann und Zuspieler. Nach einem Jahr an der Seite von Kovac hat Hermann den Klub verlassen, die Zusammenarbeit funktionierte eher nicht wie gewünscht. Dass Flick der Wunschkandidat des Trainers war, könnte aber ein Indiz sein, dass Kovac sich ihm nun mehr für taktische Themen öffnet. Und die USA-Reise zeigte: Der FC Bayern macht kleine Schritte nach vorne.

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Zweimal Kovac, einmal Flick.

(Foto: imago images / Sven Simon)

In den Testspielen präsentierten die Münchner neue Ansätze. So spielten die Innenverteidiger bereits im Aufbau Pässe durch die Mitte. Was bei der Niederlage gegen den FC Arsenal noch zaghaft wirkte, klappte beim Sieg gegen Real Madrid mehrmals sehr gut. Vor allem Jérome Boateng zeigte, dass er wider Erwarten für die Bayern noch wichtig werden könnte. Er glänzte mit scharfen und vertikalen Zuspielen, die das gegnerische Pressing zerlegten.

Erste Ansätze durch gute Trainingsarbeit

Dieser Fortschritt lässt sich vor allem auf die Trainingsarbeit zurückführen. So machte eine besondere Übung im Internet die Runde: Die Spieler trainierten dabei in einem Feld, dem die Ecken abgeschnitten wurden, also in einem Hexagon. Der Effekt: Durch die diagonalen Seitenlinien wurden Diagonalpässe und Lösungen durch die Mitte fokussiert. Die Spieler durften nur innerhalb vorgegebener Linien spielen. Dadurch blieb die ebenso beliebte wie berechenbare Option aus, zu schnell auf die Außenbahnen zu passen.

Gegen Real zeigte sich der Ertrag solcher Übungen in mehreren Situationen. So in der 73. Minute, als die Spanier ihren Gegner durch hohes Angriffspressing unter Druck setzten. Die Münchner spielten den Ball zwar wie gewohnt von der Innenverteidigung auf die Außenbahn, doch dort gab es nicht nur genügend Spieler im Halbraum, die sofort unterstützten. Es gab überdies auch ballferne Optionen, die sich im Zentrum genau richtig positionierten.

So gelang es den Bayern, sich durch eine schnelle Verlagerung aus dem Pressing zu befreien und selbst sehenswert einen schnellen Angriff in Überzahl zu initiieren, der beinahe zu einem Tor führte. Es ist die Art Fußball, für die Kovac stehen möchte, wenn man seinen Aussagen glauben mag: Schnell, vertikal, aber auch kontrolliert. Gerade in den Spielen gegen den FC Liverpool und Ajax Amsterdam war davon im vergangenen Jahr aber nicht viel zu sehen.

Mehr Unterstützung und bessere Absicherung

Auch in der Bundesliga haben sich die Münchner oft schwergetan, im Zentrum für Präsenz zu sorgen und einen tiefstehenden Gegner über Kombinationen statt über Flanken zu knacken. Eine weitere Szene aus dem Spiel gegen Madrid deutet aber an, dass nun wieder mehr Wert auf das eigene Positionsspiel gelegt werden könnte. Beim 1:0 in der 15. Minute öffnete David Alaba durch das Vorderlaufen Kingsley Comans den Halbraum, wo Thomas Müller als nomineller Stürmer reinkippte. Renato Sanches wiederum sicherte den nun offensiveren Alaba etwas weiter hinten ab, falls es zu einem Ballverlust kommen würde.

Damit hatten die Bayern nicht nur eine Raute, die mehrere Kombinationen ermöglichte, sondern gleichzeitig eine gute Konterabsicherung. Auf der ballfernen Seite lief Corentin Tolisso bereits in den Rückraum des Strafraums ein. Coman bediente Müller, der steckte für den sprintenden Alaba durch, der Ball kam zu Tolisso, der die Führung erzielte. So einfach kann Fußball aussehen. Doch so sah es bei den Bayern zuletzt nur selten aus, weil es eben gar nicht so einfach ist. In der Regel waren Coman und Alaba auf sich alleine gestellt. Vor allem durch die unterstützenden Bewegungen von Alaba, Müller und Tolisso entstand hier aber das bisher schönste Tor der Bayern-Vorbereitung.

Die Aufgabe: Ansätze zum Regelfall machen

Das verbesserte Positionsspiel trägt die Handschrift des neuen Assistenztrainers. Flick kann seinem Chef entscheidend helfen. Für Kovac könnte sich dieser Transfer zum Geschäft des Sommers entwickeln. Er selbst priorisiert eher andere Themen als die taktischen Aspekte, das hat er oft gesagt. Sein Assistent hingegen legt großen Wert auf Details. Karl-Heinz Rummenigge gefällt das. "Ein wichtiger Neuzugang ist Hansi Flick", sagte der Vorstandsvorsitzende. Über Kovac sprach er wenig euphorisch: "Seine erste Saison war nicht vergnügungssteuerpflichtig, aber lehrreich."

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Sind Heynckes und Hermann ein Vorbild für Kovac und Flick?

(Foto: imago/Thomas Frey)

Vielleicht schaffen es die beiden Trainer nun aber, eine ähnliche Symbiose zu bilden wie Heynckes und Hermann. Kovac hat seine Stärken trotz der Probleme mit James Rodriguez, Mats Hummels und Boateng klar im Zwischenmenschlichen, in der Außendarstellung, beim Organisieren einer kompakten Defensive und bei Standardsituationen. Flick steht wiederum für das, was den Bayern im vergangenen Jahr komplett abging: Positionsspiel, aggressives und gut organisiertes Gegenpressing sowie schnellen Kombinationsfußball. Und doch liegen die Stärken nicht so trennscharf auseinander: Kovac kann Flick gerade im Defensivbereich ebenso helfen wie der Assistenztrainer seinem Chef beim Moderieren des Kaders.

Finden die beiden eine gut ausbalancierte Basis und kommt noch der eine oder andere gute Spieler für die Außenbahnen und das Mittelfeldzentrum, könnte das der Schlüssel zu einer erfolgreichen Zeit sein. Doch bei aller Euphorie über die guten Ansätze darf auch nicht vergessen werden, dass der Weg der Bayern immer noch lang ist. Die Aufgabe ist es jetzt, die guten Ansätze in den nächsten Wochen und Monaten immer weiter zu vertiefen und gleichzeitig Konstanz in das eigene Spiel zu bekommen. Denn auch in der vergangenen Saison sah vieles zunächst gut aus. Es fehlte aber gerade in der Champions League an Variabilität und Konstanz.

Quelle: ntv.de