Fußball

Aber wohin mit Thomas Müller? Marco Reus wirbt für seine letzte Chance

Es ist wieder mal die Zeit für Marco Reus. Der Kapitän von Borussia Dortmund zeigt im DFB-Team abermals einmal seine Qualitäten und bestätigt den neuen Nationaltrainer Hansi Flick in seiner Überzeugung stets die Besten zu nominieren. Bei Reus schwingt derweil immer eine Sorge mit.

Wenn es Erling Haaland gefällt, dann muss es gut gewesen sein. Kaum ein anderer Spieler in Europa hat derzeit mehr Kompetenz beim Thema "Tor" als der Norweger. Was dem Stürmer besonders gut gefallen hatte, war der Abschluss seines Dortmunder Kapitäns Marco Reus. Der hatte an diesem Sonntagabend nach längerer Zeit mal wieder für Deutschland getroffen, beim freudigen und furiosen 6:0 gegen Armenien. Nach einer kunstvollen Ablage (kunstvoll, weil nicht genau zu definieren) von Timo Werner hatte Reus das Ergebnis in Stuttgart auf 3:0 (35.) gestellt. Er hatte den Ball im Vollsprint direkt bearbeitet und stilvoll verwertet. Es gab ganz sicher schon spektakulärere Abschlüsse, auch von Reus. Aber Haaland fand: "great tor". Lassen wir so stehen. #Kompetenz.

Noch ein bisschen mehr "great" als der 14. Länderspieltreffer des 32-Jährigen in seinem 46. Spiel war allerdings das, was er über 60 Minuten, dann wurde er von Bayer Leverkusens Top-Talent Florian Wirtz ersetzt, gegen den entthronten Tabellenführer in der WM-Qualifikationsgruppe J leistete. Beinahe jeder seiner 41 Ballkontakte war ein herausragender Beleg dafür, wie sehr er der deutschen Nationalmannschaft wieder und wieder gefehlt hatte. Weil sein Körper einfach nicht fit oder bereit war. Dass sich Reus nun gegen Armenien zurück in den engsten DFB-Kreis der Wichtigsten spielte, das ist eine durchaus besondere Geschichte. Denn seinen größten Alptraum hatte er 2014 gegen diesen Gegner erlebt. Am Tag vor dem Abflug nach Brasilien verletzte er sich im Testspiel sehr schwer am Fuß. Reus wurde nicht Weltmeister.

Ein großer internationaler Titel, er ist ihm bislang versagt geblieben. Mit dem BVB und auch mit der DFB-Elf. Nur einmal war Reus mit Deutschlands besten Fußballern nah dran, bei der EM 2012. Im Halbfinale scheiterte Deutschland an Italien. Das Spiel gilt bis heute als der größte Makel der so erfolgreichen Jahre (bis 2017) unter dem Bundestrainer Joachim Löw. Der hatte sich taktisch verzockt, sich zu sehr am Gegner orientiert. Das Spiel endete 1:2 und wurde zur großen Show des Problemstürmers Mario Balotelli. Und für Reus der Beginn einer fürchterlichen (Turnier)-Serie. Nach dem Syndesmose-Knockout 2014 verpasste er auch die EM 2016 und den Confed-Cup 2017 (ob er für das Perspektivteam nominiert worden wäre, ist ja eine andere Sache). Insgesamt fehlte er dem DFB-Team über 26 (!) Monate.

Reus hat endlich Großes vor

Deutschland - Armenien 6:0 (4:0)

Tore: 1:0 Gnabry (6.), 2:0 Gnabry (15.), 3:0 Reus (35.), 4:0 Werner (44.), 5:0 Hofmann (52.), 6:0 Adeyemi (90.+1)
Deutschland: Neuer - Hofmann, Süle, Rüdiger, Kehrer (83. Raum) - Kimmich (61. Gündogan), Goretzka - Gnabry (72. Ademeyi), Reus (60. Wirtz), Sané (60. Musiala) - Werner; Trainer: Flick.
Armenien: Jurtschenko - Hambardzumjan (57. Terterjan), Woskanjan, Harojan, Kamo Hovhannisjan - Wbeymar (46. Udo), Grigorjan - Barseghjan (70. Bitschachtschjan/), Mchitarjan, Bayramjan (82. Awanesjan) - Adamyan (46. Gelojan); Trainer: Caparros.
Schiedsrichter: William Collum (Schottland)
Zuschauer: 18.086 (in Stuttgart)

Dass er kurz vor der WM 2018 sein Comeback feierte, das war eine schöne Sache. Die einzig schöne in diesem deutschen Debakel-Sommer. Und besser wurde es nicht. Bis jetzt. Die Auszeit in diesem Sommer und der freiwillige Verzicht auf die Europameisterschaft haben ihm und seinem Körper gutgetan. Nun soll endlich funktionieren, was seit zehn Jahren nie reibungslos gelingen will. Denn schon sein Debüt ließ länger auf sich warten. Viermal musste er verletzt passen, bevor er am 7. Oktober 2011 in Istanbul gegen die Türkei auf dem Platz stand. Alles Vergangenheit. Ersetzt durch große Ambitionen: Reus will nicht nur spielen, er will die Mannschaft prägen. Er will seine jungen Kollegen "mitziehen", wie er sagte.

Dass er das kann, das ist unbestritten. Auch für Flick. Nach seiner ersten Nominierung, die ja den Grundsätzen Topspieler, Topleistungen und Altersneutralität folgt, erklärte er, dass Reus für ihn "einer der besten Spieler im letzten Drittel" ist und schwärmte wenig später von der "enormen Technik" und den cleveren Bewegungen und Läufen zwischen den Linien: "Er kann eine Abwehr aufreißen durch seine Art und Weise, wie er Fußball spielt." Reus kann für Begeisterung sorgen. Und genau so möchte der neue Bundestrainer seine Nationalmannschaft ja aufstellen. Auf der Seite erfolgreich, aber auf der anderen Seite eben auch mitreißend. Fantastische Aussichten für die verprellten Fans. Genossen bereits am Sonntagabend gegen Armenien.

Klar, Armenien, das ist nicht die Weltklasse. Aber Armenien hatte bislang in der WM-Qualifikation einen guten Job gemacht. War vor dem Duell mit Deutschland Tabellenführer. Doch dann, in Stuttgart, waren sie überfordert. Die Mannschaft bekam es nie hin, ihre Abwehr beieinander zu halten. Anders als noch Liechtenstein am vergangenen Donnerstag. Und so wurde der Untergang schon früh eingeleitet. Vom überragenden Doppeltorschützen Serge Gnabry, vom enthemmten Leroy Sané, vom immer dynamischen Leon Goretzka.

Und eben von Reus. Der spielte im Zentrum, direkt hinter der Spitze Timo Werner. Reus leitete das aggressive Pressing an und forcierte mit jedem Kontakt am Ball das Offensivspiel. Für den Dortmunder gibt es kein zurück. Er denkt und spielt immer nach vorne. Auch wenn er nicht mehr die Dynamik seiner herausragenden Jahre zwischen 2012 und 2014 hat. Reus hat immer noch einen sehr ordentlichen Antritt, kann seine Gegner ausfummeln. Er spielt mit Mut, Kreativität und manchmal auch mit Routine. Dass Pässe auch mal nicht ankommen, Teil des erlaubten Risikos. Mit Joshua Kimmich und Goretzka hat er zwei stabile Sicherheitsnetze hinter sich.

Das ist eigentlich Thomas-Müller-Land

Nun könnte alles so einfach so sein. Immer so spielen wie gegen Armenien, hinten eventuell noch ein wenig konzentrierter und der Weg zurück in den Elitekreis wäre womöglich doch deutlich schneller abgegangen, als noch nach dem Spiel gegen Liechtenstein (2:0) erwartet. Aber Flick wird in Zukunft ein Problem lösen müssen. Ein luxuriöses, gar keine Frage. Denn auf der Position, auf der Reus glänzt, ist doch eigentlich Thomas Müller eingeplant. Beide Spieler geben der Mannschaft Dinge, die ihr andere nicht geben können. Also was nun? Müller in die Spitze statt Werner? Denkbar, aber nicht der beste Plan für den Mann des FC Bayern. Also Reus vor und Müller dahinter? Auch denkbar, aber auch nicht der beste Plan für den Dortmunder. Ständige Rotation im Spiel? Komplexe und komplizierte Sache. Und dann ist da ja auch noch Kai Havertz, der Mann des FC Chelsea, der im Sommer mit seinem Tor die Champions League entschieden hatte. Ein Spielmacher, aber auch ein Stürmer.

Probleme für die Zukunft. Nicht für die Gegenwart. In der sind Müller und Havertz verletzt (Müller) und erkrankt (Havertz) und Reus in einer herausragenden Form. In einer Form, die ihn doch noch von einem großen internationalen Titel träumen lassen kann. Nicht mit dem BVB, die Chance hat er 2013 im Finale der Champions League gegen den FC Bayern liegengelassen. Wohl aber mit dem DFB-Team. Schon im kommenden Jahr, wenn es zur Winter-WM nach Katar geht und vielleicht noch in drei Jahren, wenn die Heim-EM ansteht. Dass er 2026 noch dabei ist, wenn es zu den Weltspielen nach Mexiko, Kanada und die USA geht? Eigentlich nicht. Nicht für Reus, den (noch) "Unvollendeten", den Kämpfer gegen den eigenen Körper. Nun ist aber seine Zeit. Dank Flick. Und mit Flick.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.