Fußball

Euphorie um Flicks DFB-Team Ein wirklich lustiger Abend!

Plötzlich scheint es mit dem Fußballspielen wieder ganz einfach. Gegen Armenien überzeugt die Nationalmannschaft von Hansi Flick mit hohem Tempo, starken Kombinationen und wunderbaren Toren. Das ist nun der "Maßstab". Aber es gibt auch eine kleine Einschränkung.

Zwei Dinge sind nach diesem Sonntagabend ganz wichtig. Fangen wir mit der Euphorie an: Die darf sich für den Moment gerne breit machen. Denn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat sich mit einem begeisternden Sieg von der schweren Last der letzten Jahre unter Joachim Löw befreit und auch den unschönen Eindruck beim Debüt des neuen Bundestrainers Hansi Flick gegen Liechtenstein weggewischt. Das Ganze gelang in Stuttgart nicht nur im Ergebnis furios, das lautete nach Toren von Serge Gnabry (6./15.), Marco Reus (35.), Timo Werner (44.), Jonas Hofmann (52.) und dem erstaunlich mutigen DFB-Debütanten Karim Adeyemi in der Nachspielzeit 6:0, sondern auch in der mutigen und leidenschaftlichen Art des Vortrags. 18.086 Zuschauern gefiel das. Wann hatte es das (also alles zusammen) zuletzt gegeben?

Deutschland - Armenien 6:0 (4:0)

Tore: 1:0 Gnabry (6.), 2:0 Gnabry (15.), 3:0 Reus (35.), 4:0 Werner (44.), 5:0 Hofmann (52.), 6:0 Adeyemi (90.+1)
Deutschland: Neuer - Hofmann, Süle, Rüdiger, Kehrer (83. Raum) - Kimmich (61. Gündogan), Goretzka - Gnabry (72. Ademeyi), Reus (60. Wirtz), Sané (60. Musiala) - Werner; Trainer: Flick.
Armenien: Jurtschenko - Hambardzumjan (57. Terterjan), Woskanjan, Harojan, Kamo Hovhannisjan - Wbeymar (46. Udo), Grigorjan - Barseghjan (70. Bitschachtschjan/), Mchitarjan, Bayramjan (82. Awanesjan) - Adamyan (46. Gelojan); Trainer: Caparros.
Schiedsrichter: William Collum (Schottland)
Zuschauer: 18.086 (in Stuttgart)

Womöglich wird Sie die Antwort überraschen. Denn sonderlich lange ist es tatsächlich gar nicht her, dass ein Team aus Deutschland seinen Gegner mal amtlich vermöbelt hatte. In der Vorbereitung auf die Europameisterschaft in diesem Sommer wurde Lettland in Düsseldorf mit 7:1 überrannt. Es war ein Spiel, das Hoffnung für ein erfolgreiches paneuropäisches Turnier gab. Es war indes eine trügerische. Im Achtelfinale endete die Reise gegen England bereits und damit auch die Ära von Löw. Das Duell gegen die Letten am 7. Juni war übrigens das 100. Länderspiel von Kapitän Manuel Neuer gewesen. Diese magische Marke hatte auch bereits der aktuell verletzte Thomas Müller durchbrochen. Beide wurde nun in Stuttgart vor Anpfiff geehrt. Sie erhielten eine recht eigenartige Mütze. Müller setzte sie fürs Foto auf. Neuer nicht. Man kann ihn verstehen.

Die andere Sache, die nach diesem Sonntagabend noch sehr wichtig ist, ist eine etwas nervende: Der Gegner der furiosen Nationalmannschaft war Armenien. Der bisherige Tabellenführer der WM-Qualifikations-Gruppe J. Das gilt deutlich beeindruckender als die Realität in der FIFA-Weltrangliste. Dort tummelt sich die Auswahl zwischen Benin, Sambia, Belarus und Haiti auf Platz 88. Wenn es also darum geht, dass Hansi Flick Deutschland möglichst schnell zurück in die Weltspitze führen möchte, dann war der Sieg nur eine erfolgreiche Etappe.

"Das ist jetzt der Maßstab"

Und nichts anderes behauptete dann auch der zwar wirklich zufriedene, aber längst nicht euphorische Trainer: "Wir haben uns zwei Dinge vorgenommen. Einmal ganz klar natürlich, dass wir uns mit einem Sieg die Tabellenführung holen. Und das Zweite war, dass wir den nächsten Schritt machen wollen, dass wir einfach einen Fußball spielen, der begeistert, einen Fußball spielen, der Freude macht, Freude auf mehr. Das war der Fall. Nicht mehr und nicht weniger." Nun, das ist jetzt nicht ganz richtig. Denn Flick sagte ja schließlich noch: "Das ist jetzt der Maßstab."

Fußball spielen, Fußball der Freude macht, wann hatte es das zuletzt gegeben? Klar, gegen die Letten vermutlich. Aber so richtig kann sich daran ja niemand erinnern. Es ist schon reichlich bizarr, wie die Last der letzten Löw-Jahre auch schöne Momente getilgt hat. Irgendwie verbindet man ja nur noch Debakel und Desaster auf und neben dem Rasen mit dem Mann, der Deutschland 2014 zum WM-Triumph gecoacht hatte. Es sind und bleiben nur "dunkle Wolken" über dem ewigen Jogi. Womöglich wird sich das irgendwann nochmal ändern.

Aber nun ist erstmal Flick. Und der hat in erstaunlicher kurzer Zeit den eher schwachen Start in seine Amtszeit hart korrigiert. Aus dem zwar bemühten, aber doch sehr ideenlosen Spiel gegen den Zwerg aus dem Fürstentum folgte nun die wuchtige Befreiung mit sehr viel Dingen, die den Fußball des neuen Bundestrainers auszeichnen. Deutschland spielte mit viel Tempo, mit viel Tiefe, mit einer gierigen Leidenschaft und erzauberte sich dank der herausragenden Chipbälle unter anderem von Joshua Kimmich immer wieder Topchancen. Die Mannschaft ruhte sich nie darauf aus, den Sieg gegen Armenien sicher eingetütet zu haben. Weiter. Immer weiter. Zwei Profiteure dieser neuen deutschen Lust waren dann auch Debütant und Torschütze Adeyemi und Vorbereiter Florian Wirtz. Das war ein wirklich schön herausgespielter Treffer zum 6:0 und ein kleiner Blick in die talentierte Zukunft.

Tja, aber woran lag es nun, dass auf den massiven Frust gegen Liechtenstein das Fest gegen Armenien folgte? Das deutsche Positionsspiel funktionierte deutlich besser. Jeder Spieler wusste augenscheinlich genau, was er zu tun hat. Auch beim effektiven Pressing. Das alles wirkte gegen das Team aus dem Fürstentum noch anders. Da standen allerdings auch andere DFB-Fußballer auf dem Platz. Flick rotierte in seinem zweiten Spiel nämlich mächtig durch, brachte gleich sechs Neue. Er setzte auch eine eiserne Regel seines Vorgängers wieder in Kraft. Bei Löw hatte es geheißen: Gnabry spielt immer! Beim Debüt des neuen Trainers saß er zunächst nur auf der Bank. Dass Löw bei manchen Dingen ein gutes Gespür hatte, das zeigt der "Fall Gnabry". Die ersten beiden Treffer gingen auf sein Konto. Dank herausragender Abschlüsse. Aber es ist eben nicht nur das, was den 26-Jährigen auszeichnet. Gnabry hat Mut, Tempo, Kreativität. Also alles das, was RTL-Experte Lothar Matthäus im deutschen Spiel gegen Liechtenstein noch vermisst hat.

Sané spielt wilder als der Duracell-Hase

Auch Leroy Sané steht für diese Qualitäten. Zuletzt konnte der Flügelspieler sie allerdings nur selten abrufen. Was ihm Pfiffe einbrachte. Sogar von den Fans seines Arbeitgebers FC Bayern. Am Donnerstagabend hatte er seine Sache schon gut gemacht, dieses Mal machte er seine Sache sogar sehr gut. Mit seiner völlig aufgedrehten Art als Linksaußen (seine beste Position) zeigte er selbst dem legendären Duracell-Hasen wo es lang geht. Immer giftig gegen den Ball, immer gallig mit dem Ball. Bitter für ihn: Sein gewaltiger Schuss an die Unterkante der Latte Mitte der ersten Halbzeit hätte eine schöne Form der Erlösung sein können.

Und noch zwei andere Spieler taten dem deutschen Spiel mächtig gut. Leon Goretzka ersetzte İlkay Gündoğan. Und so bitter das für den Star von Manchester City ist, es setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass er für eine tragende Rolle in diesem DFB-Team nicht (mehr) infrage kommt. Das Duo Goretzka und Kimmich ist der leistungsstärkste Maschinenraum, den Deutschland hat. Die Spieler des FC Bayern sind die derzeit perfekte Symbiose aus Kraft nach vorne und Absicherung nach hinten. Wobei die Tauglichkeit gegen Top-Gegner noch aussteht. Was freilich für das gesamte Kollektiv gilt. In dem entfaltete sich auch Marco Reus auf eine herausragende Weise. Wann immer der Kapitän des BVB fit ist, ist er für diese Mannschaft ein immenser Gewinn. Reus denkt nicht nach links, nach rechts oder gar nicht hinten. Er denkt immer nur noch vorne. Und das ist in Kombination mit seiner Technik einfach wunderbar.

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Noch ein finaler Blick in die Zukunft: Was bedeutet das eigentlich für Thomas "Mütze" Müller? Nun, niemand muss sich Sorgen machen, dass in der Mannschaft kein Platz mehr für ihn ist. Der Münchner ist für Flick extrem wichtig. Als Fußballer sowieso, aber noch mehr als Führungsfigur. In München war er der Chef des aggressiven und erfolgreichen Pressings. Diese Rolle wird ihm auch im DFB-Team zu kommen. Aber auf welcher Position? Im zentralen Mittelfeld, wo Reus so überragend war? Oder doch eher im Sturmzentrum? Und was wird dann aus Werner? Und was ist eigentlich mit Mats Hummels? Ersetzt er künftig wieder den soliden Niklas Süle? Und wie geht es hinten rechts weiter? Gewinnt die überraschende und überraschend starke Aushilfe Jonas Hofmann nun das Duell gegen Zukunftsversprechen Ridle Baku? Kann alles passieren, aber das ist nach diesem Sonntagabend erstmal nicht ganz so wichtig. Erstmal die kleine Euphorie genießen. Das gab es tatsächlich lange nicht mehr.

Quelle: ntv.de

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