Fußball

#stehtauf - und bleibt stehen Rassismus hat keine Halbwertszeit

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Hertha-Coach Jürgen Klinsmann bat Schiedsrichter Osmers um Schutz für Torunarigha - vergebens.

(Foto: imago images/Moritz Müller)

Die rassistische Beschimpfungen gegen den Berliner Jordan Torunarigha werden von Fans, von Funktionären und von Spielern auf allen Seiten verurteilt. Während des Pokal-Spiels auf Schalke bleibt eine offizielle Reaktion auf die Anfeindungen aber aus. Das ist falsch!

#stehtauf - und bleibt stehen. Unbedingt und dringend. Alle und gemeinsam. Gegen jede Form von Rassismus, von Antisemitismus und Diskriminierung. #stehtauf gegen stumpfe Anfeindungen und gegen Affenlaute. #stehtauf, das ist das Motto der Schalker Aktionswochen für Vielfalt. Aber ausgerechnet in einem deutschen Stadion, in der Arena der Königsblauen, musste sich diese Woche ein Afrodeutscher irgendeinen rassistischen Schwachsinn anhören. Fremdenhass ist auch 2020 in Deutschland und in den Stadien ein großes Problem. Und auch wenn es nur ein paar fehlgeleitete Idioten waren, den Berliner Jordan Torunarigha haben die Anfeindungen tief getroffen. Er soll auf dem Feld geweint haben, er sei emotional sehr aufgewühlt gewesen, so berichtet sein Trainer Jürgen Klinsmann.

Doch wieder einmal kommt der Kampf gegen den Rassismus verspätet. Er kommt zu spät. Alle Möglichkeiten, ihm unmittelbar die Stirn zu bieten, sie verhallten. Kein Spielabbruch, keine Durchsage, lediglich ein paar mutmachende Worte soll es auf dem Feld von Mit- und Gegenspielern gegeben haben. Das ist übrigens sehr ehrenwert, sehr menschlich. Sonst aber haben wieder einmal Kommerz und Regelwerk gewonnen. Natürlich hätte die Hertha einfach vom Platz gehen gönnen, solche Szenarien werden ja, vor allem international, immer wieder diskutiert. Aber sie führte das Spiel mit 2:0 an, als das Thema erstmals aufkam. Geld und Erfolg, das sind weiter die harten Währungen im Fußball. Das gilt in Berlin und überall anderswo. Und natürlich hätte auch Schiedsrichter Harm Osmers eine Durchsage veranlassen können. Weil es menschlich, weil es solidarisch, weil es emotional richtig gewesen wäre.

Auch die Vereine haben Möglichkeiten

Aber was heißt das schon. In den Regeln ist das nicht vorgesehen. Das ist vom Grundsatz her auch okay. Denn nicht alles, was einem Schiedsrichter per Zuruf angetragen wird, kann er unvoreingenommen verwerten. Dafür ist Fußball zu emotional. Dafür ist Fußball zu subjektiv. Aber Rassismus? Denkt sich ein junger Spieler, der seit Jugendtagen beleidigt und attackiert wird, so etwas aus? Besonders, wenn solche Schmähungen oft mit einem Schamgefühl für die Betroffenen einher gehen? Ganz sicher nicht. Und verboten ist es dem Schiedsrichter ja auch nicht, das Spiel zu unterbrechen - selbst wenn er oder seine Assistenten die Anfeindungen nicht selbst mitbekommen haben. Moralisch sollten die Unparteiischen, wenn es um Rassismus oder jegliche andere Form von Diskriminierung, immer auf der Seite der Minderheit stehen, die Erfahrungen mit Alltagsrassismus aus Schule, Alltag und von der Straße kennen.

Eine Stadiondurchsage hätte in diesem Fall viel bewirken können. Auch nicht-idiotische Zuschauer um die Idioten herum haben wahrscheinlich darauf gewartet. #aufstehen gegen Rassismus ist definitiv einfacher, wenn man merkt, dass es Unterstützung vom Veranstalter gibt. Das Kollektiv ist immer noch die stärkste Form der Zivilcourage. Schalke hätte eigenhändig per Stadiondurchsage den - wenn vielleicht auch nur potentiellen - Rassismus knallhart verurteilen müssen. Und auch Hertha hätte vehementer die Veranstalter dazu auffordern können, auch wenn die Gespräche hinter den Kulissen nicht bekannt sind.

Kontext? Unsinn!

Und was bedeutet überhaupt "der Kontext sei nicht mehr herstellbar gewesen"? So begründete Peter Sippel, der der sportlichen Leitung der Elite-Schiedsrichter angehört, die nicht veranlasste Durchsage von Osmers, der habe erst 20 Minuten nach dem Vorfall davon erfahren. Unsinn! Rassismus hat keine Halbwertszeit, er verfällt nicht, erst recht nicht nach 20 Minuten. Und was hätte eine Ansage geschadet? Wäre das Publikum in Kollektivhaftung genommen worden? Natürlich nicht. Anders wäre das freilich, würde vor jedem Spiel explizit darauf hingewiesen, dass man rassistische Anfeindungen unterlassen sollte. Niemand braucht das. Der Kampf gegen Rassismus ist akzeptierter gesellschaftlicher Konsens - für die meisten von uns.

Und die Reaktionen im Nachgang, von den Klubs, von den Spielern und von vielen Fans zeigen ja: Eine Durchsage im Stadion wäre mit Pfiffen und Ablehnung begleitet worden, mit Pfiffen und Ablehnung gegen die dummen Idioten. Ein stärkeres Zeichen, wer auf der falschen Seite steht, kann es nicht geben. #stehtauf - und bleibt stehen. Nicht nur auf Schalke.

Quelle: ntv.de, Mitarbeit: Tobias Nordmann