Fußball

"Vollidioten dieser Art" Der Rassismus-Eklat von Gelsenkirchen

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Jordan Torunarigha wurde rassistisch beleidigt und flog dann auch noch vom Platz.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Jordan Torunarigha wird im Laufe des DFB-Pokal-Spiels zwischen dem FC Schalke und Hertha BSC rassistisch beleidigt, in der Folge fliegt der Berliner auch noch vom Platz. Der Vorfall wird den deutschen Fußball noch beschäftigen. Eine Übersicht.

Was ist passiert?

Im DFB-Pokal-Achtelfinale zwischen dem FC Schalke 04 und Hertha BSC (3:2 n.V.) sollen Schalker Fans rund um die 70. Minute Berlins Verteidiger Jordan Torunarigha mit Affenlauten rassistisch beleidigt haben. Torunarigha habe "auf dem Platz geweint und wollte aufhören", berichtete Schalkes Siegtorschütze Benito Raman: "Ich habe ihm gesagt: Du darfst sie nicht gewinnen lassen, du musst weiterspielen." Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann sagte, "der Junge wurde beleidigt, ich musste ihn beruhigen. Wir haben dem Schiri gleich gesagt, dass wir Jordan schützen müssen. Er ist ein junger Mensch, der darf damit nicht alleingelassen werden." Der FC Schalke nehme den Vorfall "sehr ernst". Der ehemalige deutsche U21-Nationalspieler wurde in Chemnitz als Sohn nigerianischer Eltern geboren.

Wie reagierten die Vereine?

Beide Vereine reagierten eindeutig auf den Vorfall, den zwar weder Schiedsrichter Harm Osmers, noch Verantwortliche von Schalke 04 mitbekommen hatten, der aber von keiner der Parteien angezweifelt wird. Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider sagte: "Ich habe es nicht gehört, aber ich gehe nicht davon aus, dass der Spieler es erfunden hat. Wir können uns bei dem Jungen nur entschuldigen und alles dafür tun, dass wir diejenigen, die dafür verantwortlich sind, ausfindig machen und dann entsprechend mit den Konsequenzen belegen."

Der FC Schalke 04 ließ in einer Stellungnahme verlauten: "Von Seiten des Vereins gibt es null Toleranz für ein solches Verhalten. Wir werden alles dafür tun, dass wir diejenigen, die dafür verantwortlich sind, ausfindig machen und mit Konsequenzen belegen. Wir werden mit Sanktionen reagieren und die Vorfälle auch entsprechend zur Anzeige bringen."

Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider kündigte an: "Wir werden alles dafür tun, dass wir diejenigen, die dafür verantwortlich sind, ausfindig machen und mit Konsequenzen belegen. Wir werden mit Sanktionen reagieren und die Vorfälle auch entsprechend zur Anzeige bringen." Schalkes Trainer David Wagner war ebenfalls entsetzt: "Das geht nicht, das brauchen wir nicht, das wollen wir nicht", sagte er. "Wenn so was aufkommt, ist da in der Regel auch was dran. Da bin ich ganz bei Jürgen. So etwas gehört sich nicht."

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"Wenn ich mich da auch nur ein bisschen hineinversetze, kommt mir schon alles hoch und ihn trifft es noch viel mehr", sagte Nationalspieler und Hertha-Kapitän Niklas Stark auf der Internetseite von Hertha BSC. "Sowas geht gar nicht, das würde zumindest auch teilweise erklären, was da noch passiert ist. Da müssen wir als Mannschaft, als Verein, eigentlich die ganze Bundesliga hinter ihm stehen! Man muss sich ganz klar davon distanzieren, das ist kein Verhalten." Torunarigha war in der Verlängerung (102. Minute) vom Platz gestellt worden. Er war unabsichtlich mit David Wagner zusammengestoßen und hatte einen Getränkekasten zu Boden geworfen. "Es war ja kaum zu übersehen, nach dem Spiel und vor der Verlängerung, wie er da aussah und dass es ihn mitgenommen hat", sagte Stark über Torunarigha.

Wie reagierte der Schiedsrichter?

Schiedsrichter Harm Osmers hatte die Beleidigungen selbst nicht mitbekommen und wurde nach dem Ende der regulären Spielzeit von Michael Preetz darüber informiert. Das bestätigte Peter Sippel, der beim DFB im Team Elite-Schiedsrichter arbeitet, sportschau.de. Herthas Manager Michael Preetz sei auf Osmers zugekommen und habe ihn auf die Beleidigungen hingewiesen, berichtete Sippel. Dennoch hatte der Schiedsrichter darauf verzichtet, eine Stadiondurchsage zu veranlassen. Da sich der Vorfall bereits während der zweiten Halbzeit ereignet hatte, wäre bei einer Durchsage "der Kontext nicht mehr herzustellen gewesen", so Sippel. Problematisch sei zudem, dass Osmers den Vorfall selbst nicht mitbekommen habe, auch deshalb habe er auf eine Durchsage verzichtet.

Osmers selbst habe aber in der Verlängerung keine weiteren Vorfälle wahrgenommen. In diesem Fall hätte er nach Aussage von Sippel eine Durchsage des Stadionsprechers verlangt. Grundsätzlich sehen die Verhaltensrichtlinien der Verbände Fifa und Uefa bei diskriminierenden und rassistischen Vorfällen für den Schiedsrichter die Möglichkeit des Einschreitens vor - in drei Stufen: Er kann das Spiel unterbrechen und die Zuschauer per Stadiondurchsage auffordern, das diskriminierende Verhalten zu unterlassen; das Spiel im Wiederholungsfall für eine weitere Durchsage erneut unterbrechen und die Spieler für einen angemessenen Zeitraum in die Umkleidekabine schicken; das Spiel nach Rücksprache abbrechen, falls das diskriminierende Verhalten anhält oder erneut einsetzt.

Wie geht es nun weiter?

Schiedsrichter Osmers hatte nach dem Spiel einen Sonderbericht angefertigt, auf dessen Basis der DFB-Kontrollausschuss am Mittwoch eine Untersuchung eingeleitet hat. In einem ersten Schritt wurden Torunarigha sowie der Berliner Bundesligist angeschrieben und um Stellungnahmen gebeten. Liegen diese vor, wird wohl auch der FC Schalke aufgefordert, sich gegenüber dem Gremium zu äußern. Parallel wird versucht werden, die "Vollidioten" (Schalke-Vorstand Jochen Schneider) zu ermitteln, die Torunarigha beleidigt hatten. "Gemeinsam mit der Polizei Gelsenkirchen, dem Sicherheitsdienst und internen Quellen, wie beispielsweise der kürzlich eröffneten #stehtauf-Anlaufstelle, wird der Fall ausführlich geprüft", schrieb der FC Schalke 04. Die Polizei hat am Donnerstag dann auch Ermittlungen eingeleitet. "Wir haben von Amts wegen ein Verfahren eingeleitet", sagte ein Polizeisprecher. Eine Anzeige des Berliner Spielers liege der Polizei nicht vor.

Hat der FC Schalke 04 ein Rassismusproblem?

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Schalke-Fans positionierten sich im ommer deutlich.

(Foto: imago images / RHR-Foto)

Die Erinnerung an den rassistischen Fehlgriff von Clemens Tönnies sind noch frisch: Der Präsident des FC Schalke 04 hielt es im August des vergangenen Jahres für eine gelungene Idee, zu verkünden: Man müsse den Afrikanern ein paar Kraftwerke spendieren, damit diese aufhörten, nach Einbruch der Dunkelheit so viele Kinder zu zeugen. Der Schalker Ehrenrat hielt das für unproblematisch, jedenfalls nicht rassistisch, Tönnies ließ sein Amt zur Buße für drei Monate ruhen, schon vorher hatte er für seine Aussagen um Entschuldigung gebeten. Die Fans des Bundesligisten hatten sich da schon lange und eindeutig gegen den eigenen Präsidenten positioniert. Auch Jochen Schneider sagte, der Vorfall sei "total untypisch für Schalke". Schneider sagte allerdings auch über Tönnies, er sei "ein Menschenumarmer, das ist alles andere als ein Rassist. Irgendwann müssen wir auch mal aufhören, dass jeder irgendwie meint, das noch kommentieren zu müssen. Ganz ehrlich: Hab ich null Verständnis dafür!"

So ungelenk sich der Verein und seine Gremien in der Causa Tönnies präsentiert hatte, so kompromisslos postieren sich große Teile der Kurve gegen Rassismus. Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, dass die Schalker "Fan-Ini", eine antirassistische Fan-Initiative, erst jüngst eine von rechts gekaperte "Mahnwache" gegen Altersarmut verhindert hätte, für die die Gelsenkirchener Kurven-Legende "Trompeten-Willy" geworben hatte. Auch auf Schalke arbeiten sie in der Kurve aktiv gegen Rassismus und Homophobie. Zudem läuft noch bis zum Heimspiel gegen den SC Paderborn am Samstag die vom Klub ausgerufene #stehtauf-Woche gegen Fremdenfeindlichkeit.

Sportvorstand Jochen Schneider hatte sich wie Trainer David Wagner bereits nach der Partie bei den Berlinern und Torunarigha entschuldigt und das Fan-Verhalten verurteilt. "Da gibt es null Toleranz. Das ist nicht akzeptabel und ganz ehrlich, es ist auch nicht zu verstehen. Da fehlt mir jegliches Verständnis für Vollidioten dieser Art", stellte Schneider klar.

Quelle: ntv.de