Fußball

Verteidiger in der Krise Süle und das große Problem des FC Bayern

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Niklas Süle kämpft mit sich selbst.

(Foto: picture alliance/dpa)

Niklas Süle spielt seit Wochen unter seinen Möglichkeiten, darauf weisen auch die Verantwortlichen öffentlich hin. Das Problem: Süle spielt trotzdem, weil er es muss. Das ist nicht die Schuld des kolossalen Verteidigers, sondern zeigt das Problem des FC Bayern.

Nein, besonders treffsicher hatte sich Karl-Heinz Rummenigge am Samstag im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF nicht präsentiert: Bei kritischen Nachfragen zur Situation des Fußballs im Allgemeinen und des FC Bayern im besonderen verdribbelte sich der Vorstandsboss des FC Bayern im Mittelfeld, beim obligatorischen Torwandschießen versenkte der einstige Profi keinen der sechs Versuche. Einen Volltreffer landete Rummenigge aber doch - und zwar direkt in die Magengrube seines Verteidigers Niklas Süle. Der hatte sich am Nachmittag gegen Eintracht Frankfurt (1:2) mal wieder in sicherer Entfernung zu seiner Bestform präsentiert. Und musste sich anhören, was man in München unmittelbar vor dem Champions-League-Spiel am Abend bei Lazio Rom (21 Uhr im Liveticker auf ntv.de) von ihm hält.

Nach dem Rückschlag in Frankfurt kritisierte Rummenigge unter anderem Süles Abwehrverhalten beim zweiten Gegentreffer durch Amin Younes. "Das sind Fehler, die nicht passieren dürfen", sagte Rummenigge. Younes hatte Süle an der Strafraumgrenze versetzt und den Ball mit einem herrlichen Schuss an Manuel Neuer vorbei ins Netz gedroschen. Später landete Süle nach einem Wackler des Gegenspielers auf dem Hosenboden. Eine Verlängerung des im Sommer 2022 auslaufenden Vertrages ist für Süle kein Selbstläufer mehr. Was Rummenigge sagte, war eher eine Ohrfeige. "Seriös und in Ruhe" werde man sich die Sache, also Süles Entwicklung, anschauen "und dann werden wir eine Entscheidung fällen müssen." Wenn Süle in München bleiben wolle, dann unter anderen, für den Nationalspieler schlechteren Bedingungen: "Ich weiß nicht, wie die Gespräche laufen. Wenn wir eine Lösung finden, sind wir grundsätzlich gerne bereit, den Vertrag zu verlängern. Das wird aber nur zu gewissen Konditionen möglich sein."

Rückkehr mit Klatsche

Rummenigge meinte natürlich: Weniger Geld. Dabei ist das Thema Kondition auch ganz physisch ein großes, ein Dauerthema rund um den Verteidiger, der der deutschen Abwehr bei der Europameisterschaft im Sommer vorstehen soll. Im November 2019 hatte ein Kreuzbandriss, schon der zweite, Süle auf dem Höhepunkt seiner fußballerischen Kunst erwischt, die lange Ausfallzeit war als mittelschwere Katastrophe für den FC Bayern und vor allem für die DFB-Elf im Hinblick auf die Europameisterschaft eingeschätzt worden. Viel Lob und Beifall hatte der 25-Jährige dann von den Vorgesetzten erhalten, nachdem er sich im Sommer, pünktlich zum Champions-League-Finalturnier, aus der Reha zurück gekämpft hatte. In Lissabon machte Süle noch alle vier Spiele auf dem Weg zum Champions-League-Titel, im Finale verteidigte er von Beginn an.

Im November gab es dann aber die erste öffentliche Klatsche für den Stammspieler: Nach der desolaten Länderspielreise nach Spanien (0:6) sei Süle mit "Trainingsrückstand" wieder in München aufgelaufen, wie Flick monierte - und verbannte ihn für das folgende Bundesligaspiel auf die Tribüne. "Wir haben in vier Wochen neun Spiele, da ist es ganz klar, dass wir die Belastung der Spieler vernünftig steuern müssen", erklärte Flick zwar. Bei Süle aber steckte mehr dahinter, als nur umsichtige Belastungssteuerung: Flick soll unzufrieden gewesen sein mit dem Gewicht seines Profis. Sein Spieler müsse "100 Prozent fit sein, dann ist er wieder Thema für uns", strafte Flick seinen schweren Verteidiger vielsagend ab.

Süle ist aber auch längst ein Opfer des Bayern-Erfolges. Die Rekonvaleszenz verlief noch nach Zeitplan, aufgrund des übervollen Terminkalenders im Sextuple-Jahr des Allesgewinners war aber selten Platz zum Durchschnaufen für den Spieler. Auf gut acht Monate Wettkampfpause folgte eine inzwischen bald ebenso lange Dauerhatz durch die Wettbewerbe und über die Kontinente. Niklas Süle ist weit von seiner Bestform entfernt, die ihn einst zum großen nationalen Hoffnungsträger und Totengräber der von Bundestrainer Joachim Löw ausgemusterten DFB-Innenverteidigergeneration um Jerome Boateng und Mats Hummels machte. Das lässt sich an Zahlen ablesen und wird sichtbar, wenn er von Bundesligakollegen mit kleinen Bewegungen ausgewackelt wird. Mit einem Süle in Galaform hätte der FC Bayern mutmaßlich noch nicht 31 Gegentreffer in der Meisterschaft eingefangen.

"Wer kann mir jetzt wirklich weiterhelfen?"

Die Rolle des unglücklichen Innenverteidigers wirft aber auch ein Schlaglicht auf ein ganz anderes Problem des Rekordmeisters: Wenn ein 1,95 Meter großer, selbst in Topform nach Vereinsangaben 99 Kilogramm schwerer Innenverteidiger über 90 Minuten gegen enorm formstarke, enorm flinke Außenbahnkünstler buchstäblich ins Rennen geschickt werden muss, ist was faul. In Normalform ist Süle trotz seiner Maße einer der schnellsten Spieler der Liga, in dieser Saison wurden schon 108 Kollegen schneller gemessen. Stammkraft rechts in der Viererkette ist Benjamin Pavard, der Franzose aber war in Frankfurt coronabedingt verhindert.

Für einen solchen Fall hatte man eigentlich noch im Oktober eilends dessen Landsmann Bouna Sarr für acht Millionen Euro aus Marseille nach München geholt. Warum Flick lieber den mit sich selbst ringenden Süle in die Verlegenheit stürzt, als auf Sarr zurückzugreifen, hatte der wenige Tage vorher beim 3:3 gegen Bielefeld offenbart: Der 29-Jährige ist für den FC Bayern im Dauerstress keine Unterstützung, nicht einmal eine Entlastung. "Schon jetzt ist es so, dass sich Hansi Flick in kritischen Situationen zur Ersatzbank umdreht und denkt: Wer genau kann mir jetzt wirklich weiterhelfen", unkte Rekordnationalspieler Lothar Matthäus jüngst bei "Sky". Sarr kommt ihm da nicht in den Sinn.

Lieber nach innen - oder besser nach draußen?

Beim FC Bayern habe man kaum Zeit zur Entwicklung und müsse "am besten sofort funktionieren, spätestens aber dann, wenn man gebraucht wird". Matthäus hatte das auf die nachdrängenden Spieler bezogen, er könnte aber auch Süle gemeint haben. Der muss sich weiter unter den Augen aller durch eine längst anstrengend lange Formkrise kämpfen, anstatt dosiert an sich und seiner Situation arbeiten zu können. Gebraucht wird er nämlich. In Bestform. So wie in der heißen Saisonphase im gestressten Bayern-Kader jeder gebraucht wird, der die Qualität hebt - oder wenigstens hochhält. Sonst folgt auf das Sextuple-Jahr angesichts des frühen Ausscheidens im DFB-Pokal, einem international gerade übermächtig erscheinenden Manchester City und nur noch zwei Punkten Vorsprung in der Meisterschaft ein mageres Jahr.

Hansi Flick wird seine Mannschaft gegen Lazio Rom umbauen, mal wieder. Dass Leon Goretzka, nach überstandener Corona-Pause in Frankfurt eingewechselt, in der Startformation stehen wird, ist klar, da hat sich Flick bereits öffentlich festgelegt. "Durchaus sein" könne es, sagte Flick, dass Joshua Kimmich aus der Mittelfeldzentrale wieder mal auf seine frühere Position rückt: Als rechter Verteidiger reifte Kimmich einst zum Weltklassespieler. Auf der Position also, wo der unglückliche Süle in Frankfurt gut sichtbar zum hilflosen Bundesligadurchschnitt degradiert wurde. Ob Süle von der möglichen Rotation profitieren könnte und wieder in die Innenverteidigung rückt, also in seinen etwas komfortableren Beritt zurückkehrt? Da blockte Flick ab. Nicht ausgeschlossen, dass der Nationalspieler statt nach innen noch etwas weiter nach außen rückt. Nach draußen. Vielleicht wäre das für den Moment das Beste für alle.

Quelle: ntv.de