Fußball

"Erlöser" Karim Adeyemi? Von Bayern verschmäht, unter Flick "geflasht"

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Sein erstes Länderspieltor feierte Adeyemi ausgiebig.

(Foto: picture alliance/dpa)

Lautet die Lösung des deutschen Stürmerproblems Karim Adeyemi? Der 19-Jährige schaut einst zu Arjen Robben auf und wird beim FC Bayern rausgeschmissen, nun verzaubert er RB Salzburg und Hansi Flick. Der Wirbelwind ist ein Abenteurer auf dem Platz - und könnte nach München zurückkehren.

Selbst Experten kratzten sich am Kopf. Karim Adeyemi war eine der großen Überraschungen im DFB-Aufgebot. Auf einmal gehörte der Stürmer von RB Salzburg zum 23er-Kader, der im Frühsommer zur Europameisterschaft in Ungarn und Slowenien fuhr. Es war Mai. Und das Aufgebot hatte U21-Coach Stefan Kuntz nominiert. Nur vier Monate später steht der 19-Jährige auf einmal in der A-Nationalmannschaft auf dem Platz und schießt bei seinem Debüt gegen Armenien direkt ein Tor. Fußball-Deutschland staunt erneut.

Hansi Flick hat Adeyemi natürlich schon lange auf dem Zettel, schließlich durchläuft der Stürmer die Jugendnationalmannschaften. 2019 wird er mit der U17-Fritz-Walter-Medaille in Gold für den besten Nachwuchsfußballer in seiner Altersklasse ausgezeichnet. Nach sieben Toren und neun Vorlagen in 29 Ligaspielen im vergangenen Jahr stehen diese Saison bereits sechs Treffer und ein Assist in sechs Partien auf seinem Konto. Zuletzt beobachtet Flicks Scout Hermann Gerland den 19-Jährigen gleich doppelt vor Ort.

Was Gerland dabei entdeckt haben dürfte? Adeyemi ist einer dieser Unterschiedsspieler, die jeder Trainer gerne in seiner Mannschaft hätte. Ein Abenteurer, der einfach macht. Bei dem nicht alles nach Plan funktioniert. Einer, der überrascht und ins Risiko geht. Pfeilschnell und enorm stark im Eins-gegen-eins ist der Linksfuß in der Mitte und auf den Außenpositionen flexibel einsetzbar. Seinen Torriecher und seine Variabilität stellt er beispielsweise am ersten Spieltag dieser Bundesliga-Spielzeit in Österreich unter Beweis. Zunächst bugsiert Adeyemi den Ball zum 1:1 in Mittelstürmer-Manier mit den Rippen aus fünf Metern über die Linie, dann schlägt er eine Traumflanke von links zum 2:1, um abschließend per Flachschuss aus 18 Metern den 3:1-Endstand herzustellen. Eine One-Man-Show in knapp 20 Minuten.

"Er war ein kleiner Bazi"

Adeyemi überzeugt auch mit seiner Mentalität: positiv aggressiv, selbstbewusst, torgeil, niemals einen Gedanken ans Aufgeben verschwendend. Attribute, die der deutschen Nationalelf lange fehlten. Diesen Biss braucht der Angreifer schon in seiner Jugend. Mit etwa 177 Zentimetern ist er nicht gerade groß gewachsen. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb der FC Bayern ihn 2012 nach zwei Jahren im Verein verschmäht und wegschickt. Es soll aber auch mutmaßliche disziplinarische Probleme gegeben haben.

"Ich war damals noch ein Kind und nicht der Ruhigste. Das hat Bayern gestört und sie haben mich aussortiert", verrät Adeyemi im Sommer gegenüber der "Bild". "Ich glaube nicht, dass ich ein Disziplin-Problem hatte, vielleicht war ich ein kleiner Rabauke und etwas hibbelig." Der in München geborene Heranwachsende, seine erste Station vor den Münchnern lautet TSV Forstenried, kämpft sich ab fortan also nicht beim Rekordmeister, sondern bei der SpVgg Unterhaching durch.

"Er war ein kleiner Bazi", erinnert sich Manfred Schwabl, Präsident der Spielvereinigung, beim Bayerischen Rundfunk jüngst zurück an das Jung-Juwel, das auf Schule damals nicht viel gibt. Für ihn gibt es nur Fußball. Arjen Robben hängt in Posterform an seiner Zimmerwand. Wie die ehemalige Nummer 10 des FC Bayern zieht auch Adeyemi gerne von rechts nach innen, um mit dem starken linken Fuß abzuziehen. Das macht er so gut, dass er irgendwann zu gut für den Münchner Vorortsklub wird. Auch mental reift der Teenager mehr und mehr.

Welch ein Premierentor!

Aus der Hachinger A-Jugend geht es für das damals 16-jährige Talent 2018 zu RB Salzburg. Für die klubinterne Rekordablösesumme von 3,35 Millionen Euro. Auch der FC Chelsea, Atlético Madrid und der FC Liverpool machen Adeyemi damals Angebote, die er aber ablehnt. Nach einer Zeit beim Salzburger Farmteam FC Liefering gelingt dem Stürmer Anfang 2020 schließlich der Durchbruch bei RB, er feiert zwei Meisterschaften und zwei Pokalsiege.

Und nun also das Traum-Debüt in der DFB-Elf. "Ich bin immer noch geflasht", sagt der 19-Jährige eine halbe Stunde nach dem 6:0 gegen Armenien am Sonntag. Gut möglich, dass er heute gegen Island in Reykjavik (20.45 Uhr/RTL und im Liveticker auf ntv.de) wieder ran darf, denn Marco Reus verpasst die Partie mit leichten Knieproblemen und Kai Havertz kehrt gerade erst von einem grippalen Infekt zurück. Winkt vielleicht sogar die Startelf? Bei seiner Entwicklung scheint dies nur eine Frage der Zeit. Adeyemi könnte sogar die Antwort auf die teils schon verzweifelte Mittelstürmer-Suche beim DFB sein. Doch bis zum "Erlöser" ist es noch ein weiter Weg.

Hansi Flick lobt aber nach dem Premierentreffer: "Er hat das gezeigt, dass er eiskalt ist vor dem Tor." Und welch ein Treffer es ist. Es läuft die Nachspielzeit, 19 Minuten steht Adeyemi da gerade auf dem Platz. Leverkusens Florian Wirtz nimmt Tempo auf und passt auf den Salzburger, der mit dem Rücken zum Tor an der Strafraumkante geistesgegenwärtig und instinktiv per Hacke den Doppelpass spielt. Anschließend dreht er sich um seine eigene Achse, macht ein paar schnelle Schritte in den Strafraum und bekommt den Ball von Wirtz direkt wieder zugespielt. Mit links lässt der Stürmer die Kugel leicht abtropfen und narrt anschließend ganz ohne Bewegung, sondern lediglich mit seinem Blick den heranfliegenden Verteidiger und den Torwart zwischen den Pfosten: Adeyemi visiert den langen Pfosten an, um dann doch urplötzlich mit einem No-Look-Schuss ins kurze Eck zu treffen. Ein solch schön heraus gespieltes Tor hat man lange nicht mehr gesehen bei der Nationalmannschaft.

Bayern, Liverpool oder Barcelona?

Kein Wunder, dass der DFB-Kicker nun auch bei Spekulationen um Transfers der großen Klubs eine Rolle spielt. So soll der FC Bayern interessiert sein, den einst Verschmähten zurückzuholen und zum Nachfolger von Robert Lewandowski auszubilden. Bei RB Salzburg besitzt der Angreifer noch einen Vertrag bis 2024, seinen Marktwert schätzt "Transfermarkt.de" auf 20 Millionen Euro. Weitaus günstiger - und vor allem machbar - als ein Transfer Erling Haalands wäre der Wechsel mit Sicherheit. Aber auch Jürgen Klopps FC Liverpool und der FC Barcelona sollen an dem Youngster dran sein.

Bei Salzburg darf Adeyemi Fehler machen. Er durchläuft einen Reifeprozess, den nun auch Hansi Flick begleitet. Dass der Bundestrainer den 19-Jährigen direkt in seinen ersten Kader beruft, darf als Zeichen verstanden werden und dürfte dem Juwel noch mehr Selbstvertrauen schenken. Dabei fing er "zu stottern" an, als Flick ihn anrief, wie er jüngst Sky Österreich erzählt.

Serge Gnabry und Kylian Mbappé nennt er seine Vorbilder. Bis dahin ist es noch ein ganz schönes Stück, aber arbeitet der Stürmer weiter hart an sich und bleibt er verletzungsfrei, ist alles vorbereitet für eine große Karriere. Vielleicht sogar mit einer Rückkehr zum FC Bayern. "Man weiß nie, was die Zukunft bringt", erzählt Karim Adeyemi Mitte August im "kicker". Ich habe nie gesagt, dass ich Bayern aufgrund meiner Zeit dort nicht mehr mag oder so was."

Quelle: ntv.de

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