Fußball

Die Sinnfrage hinter dem Coup Was will Frankfurt eigentlich mit Mario Götze?

Könnte zurück in die Bundesliga wechseln, zu Eintracht Frankfurt: Mario Götze.

Ob der Wechsel zu Eintracht Frankfurt eine gute Idee ist?

(Foto: Maurice Van Steen/ANP/dpa)

Die Eintracht aus Frankfurt macht einen der spektakulärsten Deals des Sommers klar. Für die anstehenden Großaufgaben in der Bundesliga und der Champions League setzt der Europa-League-Sieger auf die Dienste von Mario Götze. Der kann besonders ein Problem der Mannschaft lösen.

Dass Eintracht Frankfurt dem FC Bayern mal die Aufmerksamkeit stibitzt, das kommt eher selten bis gar nicht vor. Nun aber binnen weniger Wochen bereits zum zweiten Mal. Die europäische Heldenreise der Eintracht machte den unerwarteten Viertelfinal-K.o. der Münchner in der Champions League gegen den aufmüpfigen Dorfklub FC Villarreal zu einer Nebensache, die allerdings an der Säbener Straße tiefe Wunden riss. Und nun richtet sich der Fokus wieder auf Frankfurt. Während der Rekordmeister an diesem Dienstag den Transfer von Weltstar Sadio Mané offiziell machte, platzierte Eintracht Frankfurt sein Mario-Götze-Ausrufezeichen.

Plötzlich redet ein Land nicht mehr über den spektakulären Deal des FC Bayern, sondern über die Heimkehr des WM-Helden von der PSV Eindhoven. Nach zwei erfolgreichen Jahren im niederländischen Schattenreich tritt der 30-Jährige gestärkt zurück auf die große Bühne. Götze fühlt sich bereit, es der Welt erneut zu beweisen. Natürlich sogar in der Champions League. Anders als im Sommer 2016, damals wollte ihn Jürgen Klopp vom FC Bayern loseisen und zum FC Liverpool holen. "Wir haben darüber gesprochen", sagte Götze erst vor wenigen Wochen: "Aber ich war nicht in einer Verfassung, in der ich es in Betracht ziehen konnte, deshalb ist es nicht passiert." Eine Sache, die ihn lange beschäftigte. Eine Entscheidung, mit der er lange haderte.

Nun aber scheint Götze bereit. Bereit für alles. Bereit, die Regie bei der Eintracht zu übernehmen. Bereit auch, den Kampf um ein Ticket für die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar offensiv anzugehen. Im Schattenreich der niederländischen Eredivisie spielte er sich zwar in das Blickfeld von Bundestrainer Hansi Flick. Aber mehr auch nicht. Weil aber die deutsche Offensive noch immer ein vages Konstrukt ist, bleibt die Tür zur Wüste offen. Das Leistungsprinzip gilt. Eine Rückkehr in die Nationalmannschaft, sie wäre die Krönung eines furiosen Comebacks.

Magische Nacht als Segen und Verderben

Die Geschichte des 30-Jährigen ist die eines gefallenen Wunderkinds, das sich nur mühsam wieder aufrappeln konnte und mit Frankfurt jetzt vor der finalen Weichenstellung seiner Karriere steht. Zwei Pfade sind ausgetreten. Der zum Glück, der zur Wiederaufstehung. Und der zum bitteren Ende einer Laufbahn zwischen Genie und irgendwie Gescheitertem. Trotz des heldenhaften Moments am 13. Juli 2014 im Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro, als er eine Vorlage von André Schürrle in der 113. Minute ins Herz der Argentinier spektakulär vollendete. Der größte Moment seiner Karriere, die bei Borussia Dortmund einst den Weg Richtung Weltklasse eingeschlagen hatte, um in München eine krachende Bremse reinzuhauen und zurück beim BVB nie mehr Fahrt aufnehmen wollte. Die magische Nacht von Rio war Segen und Verderben für die Karriere des eigentlich Hochbegabten. Der deutsche WM-Fluch ereilte auch ihn, so schien es. Eine Karriere außer Tritt, weil nach dem Höhepunkt nichts mehr kommen kann. So wie zuvor Helmut Rahn, den legendären "Boss" aus Essen, der nach 1954 am Leben scheiterte und wie zu Teilen auch Gerd Müller nach 1974 und Andreas Brehme nach 1990.

imago1011386688h (1).jpg

In Eindhoven konnte Götze seiner Karriere neuen Schwung verleihen.

(Foto: IMAGO/Pro Shots)

Über Mario Götze und dessen Einstellung zum Fußball war viel berichtet worden. Für ihn sei der Sport ein Job, aber keine Passion, wurde ihm nachgesagt. Ihm fehle die Bereitschaft, sich zu quälen. In Eindhoven, wohin er im Sommer 2020 überraschend gewechselt war, sagen sie ihm solche Dinge nicht nach. Trainer Roger Schmidt, der kommende Saison Benfica Lissabon übernimmt und Götze offenbar gerne mitgenommen hätte, lobte die sehr professionelle Einstellung des Spielers, dessen Fokus auf den Fußball und eine überragende Trainingsmentalität. In seiner ersten Saison bei der PSV legte er beeindruckende Zahlen auf. In nur 18 Spielen (wegen Verletzungen) gelangen ihm fünf Tore und sechs Vorlagen. In der vergangenen Spielzeit war er nicht ganz so effektiv (vier Tore, vier Assists), aber dennoch immens wichtig. 56 Torschüsse seiner Kollegen legte er auf.

Götze war ein Schlüsselspieler. Und weil er ist, wer er ist, wird er diese Rolle auch bei der Eintracht einnehmen sollen und müssen. Aber macht dieser spektakuläre Wechsel Sinn? Auf ihrer Heldenreise durch Europa kam die Eintracht mit Tempo, mit Wucht, mit Leidenschaft. Dinge, für die Götze in seiner Karriere bislang nicht berühmt geworden ist. Das Tempo und die Freude an der Ballfummelei hat er mit den Jahren eingebüßt. Der 30-Jährige ist ein Stratege geworden, ein klassischer Zehner. Er ist ein herausragender Fußballer, wenn es darum geht, sich in den Zwischenräumen zu bewegen und die gefährlichen Zuspiele in die Schnittstellen zu liefern. Diese kleinen magischen Pässe von außerhalb der Box, wie man neuerdings sagt. Diese Streicheleinheiten des Balls, das Auge für den Mitspieler, der einen Raum hinter der Abwehr erlaufen kann. Qualitäten, die Frankfurt gut gebrauchen kann. Denn was im europäischen Rausch unterging: In der Liga brach die Eintracht in der Rückrunde brutal ein, gewann lediglich drei Spiele und belegte Rang 15 in der Halbserien-Tabellen, tat sich besonders gegen tief stehende Gegner schwer. Götze beherrscht alles, um solche Mannschaften zu knacken.

Tüchtig Konkurrenz im Mittelfeld

Mehr zum Thema

Allerdings ist die Konkurrenz für den wiedererstarkten Weltmeister groß. Mit "Mr. Europacup" Daichi Kamada und dem dänischen Top-Talent Jesper Lindström beschäftigt die Eintracht überdurchschnittlich starkes Personal im offensiven Mittelfeld, allerdings kämpft das Duo immer wieder mit Formschwankungen. Götze aber fühlt sich bereit, hat sich für diesen Weg entschieden. Und damit gegen David Beckham. Der Eigentümer von Inter Miami soll offenbar sehr daran interessiert gewesen sein, die Legende des deutschen Fußballs für sein Ikonen-Team im schönreichen Florida zu verpflichten. In diesem Team spielen bereits Gonzalo Higuain, Blaise Matuidi (okay, er ist gerade suspendiert) und Kieran Gibbs. Angeleitet wird dieses Ensemble von Phil Neville. Aber der Griff nach dem nächsten schmückenden Giganten für die Schatzkiste ging daneben. Beckham kassiert eine Abfuhr von Götze.

Der Weltmeistermacher ist (noch) nicht bereit, für das heroische Austrudeln seiner Karriere. Die Major League Soccer (MLS) steht zwar noch immer auf der To-Do-Liste des 30-Jährigen. Aber Priorität hat erstmal der Kampf ums Comeback auf der ganz großen Fußballbühne. Zeit seiner Karriere war Götze immer auf der Suche nach Wärme, die er für sein Spiel braucht. Auf seiner letzten Bundesliga-Station bei Borussia Dortmund strahlt er zu oft professionelle Kälte aus, die alle Wärme schluckte. Seine Rückkehr in die Liga kann jetzt ein gewaltiger Befreiungsschlag sein oder die endgültige Erkenntnis, dass seine Karriere in Deutschland auf dem Höhepunkt, dem Gewinn der WM 2014, auserzählt war.

Quelle: ntv.de, tno/sue

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen