Redelings Nachspielzeit

"Klein bisschen getreten" Als ein Bundesligastar dem Schiri die Pfeife aus dem Mund riss

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Schiedsrichter Spinnler weist Konietzka den Weg.

(Foto: imago sportfotodienst)

Saison 1966/67: Unglaubliche Szenen spielen sich Anfang Oktober 1966 im Stadion des TSV 1860 München ab. Stürmer Timo Konietzka ärgert sich über eine Schiedsrichter-Entscheidung und attackiert den Unparteiischen auf ungewöhnliche Art und Weise. Das hat eine lange Sperre zur Folge.

Timo Konietzkas Mutter Emma kannte kein Erbarmen. Wenn ein Mitspieler auf dem Bolzplatz einem der drei Konietzka-Brüder zu nahekam, rannte sie auf das Feld und verprügelte die ungehorsamen Gegner ihrer Söhne mit dem Regenschirm. Dieses Verhalten muss der legendäre Bundesligaspieler Friedhelm Konietzka, den alle nur Timo riefen, wohl unbewusst in den Genen gehabt haben. Der Stürmer des TSV 1860 München war in der Spielzeit 1966/67 wahrlich kein Kind von Traurigkeit. Das zeigte sich leider auch, als am 8. Oktober 1966, dem achten Spieltag der Saison, seine Sechziger zu Hause gegen seine ehemalige Borussia aus Dortmund antraten.

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Als Konietzka mit einer Entscheidung des Schiedsrichters Max Spinnler nicht einverstanden war, stieß er den Schiri vor die Brust, riss ihm wütend die Pfeife aus dem Mund, trampelte auf dieser herum und trat Spinnler schließlich auch noch vors Schienbein. Später sagte Konietzka - immer noch wenig einsichtig und rasend vor Wut -, er habe den Mann in Schwarz doch nur ein "klein bisschen" mit seinen Stollenschuhen getreten. Wie dem auch sei: Konietzka erhielt eine Strafe, die für viele Jahre die längste eines Bundesligaprofis sein sollte. Sechs Monate musste der Angreifer aussetzen. Der DFB kannte keine Gnade. Wohl auch, weil Spinnler nach der Partie unter Polizeischutz aus dem Stadion geleitet werden musste.

Neuen Deutschen Meister hat niemand auf dem Zettel

Im Meisterschaftskampf kam es, nach dem Titelgewinn des SV Werder zwei Jahre zuvor, zur zweiten richtig großen Überraschung in der nunmehr vier Jahre jungen Geschichte der Fußball-Bundesliga. Den neuen Deutschen Meister Eintracht Braunschweig hatte vor der Saison niemand auf dem Zettel. Fritz Walter, der Kaiserslauterer Weltmeister von 1954, prophezeite gar einen Abstieg des niedersächsischen Klubs und musste anschließend ebenso Abbitte leisten wie der eigene Trainer der Eintracht. Maximal einen sechsten Tabellenplatz hatte Helmut Johannsen vorhergesehen. Dabei waren die Voraussetzungen, aus der Rückschau betrachtet, gar nicht einmal so schlecht.

Seit 1963 hatte Helmut Johannsen seine Mannschaft kontinuierlich nach seinen Vorstellungen aufgebaut. Im Meisterschaftsjahr war er der einzige Trainer in der Fußball-Bundesliga, der seit Beginn der neuen Eliteliga noch bei seinem Verein angestellt war. Das zahlte sich nun aus. Fast das komplette Team spielte durch. Zehn Akteure hatten mehr als 30 Einsätze. Nach dem Gewinn des Titels sagt Johannsen deshalb auch einen Satz nicht ohne Grund, für den er in Deutschland viel belächelt wurde: "Ein Wunder war das nicht. Das war harte Arbeit!"

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Allgemein galt die Meisterschaft der Eintracht unter Experten nämlich eher als unverdiente Sensation. Der ehemalige Herausgeber des "Kicker", Dr. Friedebert Becker, sprach gar davon, dass der Titel "vom Falschen gewonnen" wurde. Nur wenige konnten wie Bayern-Trainer Tschik Cajkovski nach der 2:5-Niederlage seiner Münchner in Braunschweig die Klasse der Eintracht anerkennen: "Gegner hat gespielt wie Weltmeister!"

Vier-Tage-Woche beim Meister

Gunther Baumann, der dritte Trainer in dieser Spielzeit bei 1860 München, sah ebenfalls die Vorzüge des Deutschen Meisters: "Braunschweigs Mannschaft passt harmonischer zusammen als alle anderen." Und diese Harmonie war hausgemacht. Man war bescheiden bei der Eintracht, achtete auf das Kollektiv und machte auch bei der Auswahl seiner Spieler keine großen Sprünge. Bis auf einen kamen alle aus Norddeutschland - selbst die prominenteste Neuverpflichtung, der Hannoveraner Stürmer Lothar Ulsaß. Das Engagement des Starspielers zahlte sich aus. 15 Tore machte er im Meisterschaftsjahr für die Eintracht und war auch sonst sehr wichtig für den Kader, wie Helmut Johannsen einmal erzählte: "Lothar Ulsaß war unser Strahlemann, der positiven Einfluss auf die gesamte Mannschaft ausübte und jederzeit zu einem Spaß aufgelegt war. Auch außerhalb des Spielfeldes stellte er eine Persönlichkeit dar, die von jedermann geachtet wurde." Hart gearbeitet wurde in Braunschweig, konsequent, aber nur an vier Tagen in der Woche und niemals in einem Trainingslager - von denen hielt der Eintracht-Coach nämlich überhaupt nichts: "Von Montag bis Freitag lernt keiner Fußball. Er wird höchstens ein guter Skatspieler."

Zum Autor
  • Ben Redelings ist ein Bestseller-Autor und Komödiant aus dem Ruhrgebiet.
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In einem Punkt musste man den Kritikern jedoch recht geben: Braunschweig spielte eine unaufgeregte, wenig spektakuläre, dafür aber sehr beständige Saison. Bis zum 28. Spieltag kassierte man zu Hause nur drei Gegentore. Insgesamt musste die Torhüter Horst Wolter und Hans Jäcker nur 27-mal hinter sich greifen, zum Vergleich: Die nächstbeste Hintermannschaft kam aus Dortmund und ließ 41 Tore gegen sich zu. Allerdings traf die Eintracht auch nur ganze 49 Mal. Helmut Johannsen umschrieb die Kritik an seiner taktischen Ausrichtung so: "Der Gewinn der Meisterschaft ist auch abhängig von der Summe der schwachen Spiele. Und in dieser Beziehung hält unsere Bilanz doch wirklich jeden Vergleich aus."

Als Gerd Müller ein Jungtalent war

In dieser Spielzeit feierte Deutschland auch seinen neuen "Bomber der Nation": Gerd Müller. Bis zum 28. Spieltag sah es so aus, als ob der Bayern-Stürmer die alleinige Nummer eins der Torjägerliste werde, doch dann traf er 467 Minuten nicht mehr in den gegnerischen Kasten. Lothar Emmerich schoss am letzten Spieltag ausgerechnet gegen die Bayern die zwei Tore, die ihm noch auf Müller fehlten. Und so teilten sich die beiden Stürmer die Torjäger-Kanone. Zum "Fußballer des Jahres" wurde aber nur das Jungtalent Gerd Müller gekürt.

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Das ungewöhnlichste Spiel der Saison fand am 12. November 1966 in Dortmund statt. An diesem Tag wurde der Nebel in der Kampfbahn Rote Erde plötzlich immer dichter und dichter. Bei der Partie zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 stand es zur Pause bereits 4:0, als an diesem nasskalten Herbsttag auf einmal die Sicht verschwand. Es wurde ein Derby, das die Anwesenden nie vergessen haben. BVB-Spieler Theo Redder konnte an diesem Tag nur zuschauen: "Ich hatte einen Bekannten aus Wickede dabei, und wir haben uns kaputtgelacht, denn man sah überhaupt gar nichts mehr. Da war nur noch Nebel." Andere Besucher guckten nicht so geduldig auf das nicht mehr zu erkennende Spielfeld, wie die "Rundschau" damals berichtete: "Verschiedene Leute gingen Bier trinken, andere bedauerten, dass sie kein Kartenspiel eingepackt hatten, und die Klügsten machten sich auf den Heimweg."

Schiedsrichter Henning ließ die Partie einfach weiterlaufen und hatte dafür sogar eine schlüssige Begründung parat: "Ich bin immer, wenn der Ball in den Nebel geschossen wurde, hinterhergelaufen und war schon da, als der Ball runterkam. Das war anstrengend, aber noch okay." Und die Spieler? Klaus Fichtel erinnert sich: "Ich stand hinten in engem Kontakt mit Norbert Nigbur. Da haben wir uns schon gewundert, dass es immer weiterging. Man musste sich ja schon gegenseitig über den Spielstand informieren." Nebel hin oder her, die Begegnung endete 6:2 für Borussia Dortmund. Wie die vier Tore in der zweiten Halbzeit allerdings fielen, wird wohl auf ewig ein Geheimnis der wenigen, direkt in der Nähe stehenden Beteiligten bleiben.

Quelle: ntv.de

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