Redelings Nachspielzeit

Warten auf Delay Sports Der FC Bayern München zerstört die Bundesliga

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Bayerische Bundesligarealität in Zahlen.

(Foto: IMAGO/ActionPictures)

Langsam machen die ständigen Siege und Gegner-Demütigungen des FC Bayern München selbst den hartgesottensten Fans der Bundesliga keinen Spaß mehr. Es wird wohl etwas passieren müssen, damit die Liga nicht vollends ihren Reiz verliert. Vielleicht entsteht ja in Berlin gerade etwas Neues?

Kennen Sie "Delay Sports"? Nein? Ganz ehrlich, ich bis gestern Abend auch noch nicht. Doch dann kamen wir vom 7:0-Auswärtssieg des FC Bayern München bei unserem VfL Bochum nach Hause und mein zehnjähriger Sohn meinte: "Wenn Delay Sports in der ersten oder zweiten Bundesliga spielen, dann werden wir die unterstützen." Mit "wir" meinte er sich und seinen drei Jahre älteren Bruder. Seitdem blutet mein Herz.

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Vierzig Jahre der bald 60 Jahre Bundesliga habe ich mit wachem Geist und meistens viel Begeisterung verfolgt. Und bis gestern habe ich auch gesagt, dass es mir als Anhänger eines kleinen, sympathischen Vereins, der noch nie einen Titel gewonnen hat, völlig egal sei, dass die Bayern seit einem Jahrzehnt keinen Konkurrenten um die Meisterschaft mehr neben sich in der Liga haben.

Aufsteiger mit bitterer Wunder-Quote

Doch das gestrige Spiel hat viel verändert. Es macht einfach keinen Spaß mehr, wenn die Wunder schon nach vier Minuten ausgeträumt sind und man nur noch darauf schaut, wie hoch die Niederlage am Ende des Tages ausfällt. Und das sage ich als Fan eines Klubs, der - wie ich heute einer Statistik von Tobias Escher, die Pit Gottschalk in seinem Newsletter veröffentlichte, entnehmen konnte - tatsächlich einer von zwei Aufsteigern in den letzten zehn Jahren ist, der die Bayern schlagen konnte. In sage und schreibe zwei von 44 Bundesligapartien war es also Anhängern eines Aufsteigers vergönnt, den Rekordmeister zu ärgern. Eine wahrhaft traurige Bilanz!

Denn: Ein Spiel sollte auch immer die Chance auf eine Überraschung in sich tragen - doch langsam aber sicher stellt sich in Partien gegen die Bayern für die allermeisten Bundesligisten einzig und allein nur noch die Frage, wie schlimm die Demütigung wohl sein wird. Und ich bin ehrlich: Ich verstehe auch die Fans der Bayern nicht (mehr). Wie können sie solche Spiele wie gestern noch abfeiern? Es hat doch am Ende was von einer Partie Schach zwischen Garri Kasparow und einem Dreijährigen. Da erwartet doch auch niemand, dass Kasparow sich sein Shirt auszieht und wie wild Jubelgesänge intoniert. Aber gut, das muss jeder selbst wissen - und am Ende ist es ja auch nicht die Schuld der Bayern.

Aber was alle Beteiligten der Bundesliga wissen sollten: Die Art und Weise, wie der Rekordmeister die Liga dominiert, ist nicht gesund. Überspitzt könnte man sagen, dass die Bayern die Liga nach und nach mit ihren Siegen zerstören werden. Es ist schade, dass es nun offensichtlich so weit gekommen ist, dass man nun ernsthaft darüber nachdenken muss, so ein echtes Erfolgsmodel wie die Bundesliga zu reformieren. Auch da blutet das Herz, denn dieses einfache Spiel von zweiundzwanzig Menschen, die neunzig Minuten, aufgeteilt in zwei Halbzeiten, mit einem Ball auf zwei Tore spielen, ist so simpel wie genial.

Mutige Entscheidung, die begeistert

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er montags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem aktuellen Buch ("60 Jahre Bundesliga. Das Jubiläumsalbum") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Doch vermutlich wird sich in den kommenden zehn Jahren, der Fußball weltweit ohnehin radikal verändern (müssen). Das Konsumverhalten (nicht nur) der nachwachsenden Generation erfährt gerade einen Wandel, der aller Voraussicht nach auch vor dem Sport nicht haltmachen wird. Und damit sind wir wieder bei Delay Sports. Elias Nerlich heißt einer der Männer, der meine beiden Söhne begeistert. Als E-Sportler kennen sie ihn aus dem Internet. Und dann hat er im vergangenen Jahr zusammen mit Freunden einen "echten" Fußballverein gegründet. Raus aus dem Netz, hinein in das wirkliche (Offline-)Leben. Eine spannende, mutige Entscheidung, die begeistert. Vor allem natürlich die Fans von Nerlich & Co., die zu Tausenden zu den Spielen von Delay pilgern.

Doch auch als Vater von zwei heranwachsenden Jungs finde ich die Idee - weg vom Bildschirm, raus auf den Rasen - sympathisch. Und auch wenn mir eines Tages das Herz bluten wird, wenn wir nicht mehr gemeinsam Seite an Seite die Spiele unseres VfL verfolgen sollten, kann ich die Begeisterung für den neuen Klub nachvollziehen. Denn Delay Sports Berlin ist für die Jungs ein Abenteuer, eine wilde Geschichte, bei der der Ausgang noch nicht so klar ist wie bei einem Spiel des FC Bayern München gegen unseren VfL Bochum. Und ein wenig gönne ich meinen beiden Jungs auch die Erfolge, die sie wohl mit Delay feiern werden dürfen. Denn am Wochenende starteten die Berliner mit einem Schützenfest in ihre erste Saison in der Kreisliga C. Und wer weiß: Der Fußball ist so verrückt - vielleicht werden sie ja eines Tages sogar einmal den Bayern Paroli bieten können?!

Quelle: ntv.de

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