Redelings Nachspielzeit

Ahlenfelders "genialste Idee" Kult-Schiri fordert Bier für die Halbzeitpause

imago0001052838w.jpg

"Schau mal in den Spiegel, Breitner, dann weißt du Bescheid." Schiedsrichter AHlenfelder wusste sich verbal zu helfen.

(Foto: www.imago-images.de)

Geschichten für die Sommerpause: Wolf-Dieter Ahlenfelder ist eine echte Bundesliga-Legende. Der Schiedsrichter fiel durch seine extravagante Art auf und fabrizierte herrliche Geschichten. Mit einer sorgte er auf dem Betzenberg einst nicht nur für Verwunderung.

Der Mann war ein echter Typ - durch und durch. Nicht immer einfach, aber einfach unverwechselbar. Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder ist nicht nur wegen seines legendären (Fehl-)Pfiffs nach 32 Minuten zur Halbzeitpause beim Spiel Werder Bremen gegen Hannover 96 am 08. November 1975 in die Geschichte der Fußball-Bundesliga eingegangen.

"Ahli", wie er sich selbst gerne nannte, sorgte auch ansonsten mit vielen heiteren Anekdoten für Aufregung und Unterhaltung in der bunten Kickerwelt. Und: Er wusste auf alles und in jeder Situation eine Antwort - war die Frage oder der Anlass noch so delikat. Unvergessen, wie Ahlenfelder auf mögliche Schiedsrichter-Bestechungsversuche reagierte: "Ich sag' mal so: Die Tür im Hotel habe ich einen Spaltbreit aufgelassen, in der Hoffnung, da kommt noch wer. Doch das Einzige, das am anderen Morgen steif war, ist mein Hals gewesen."

imago0001407817h.jpg

Jürgen Klinsmann leidet am Boden, Ahli hat alles im Griff.

Der Mann aus dem Ruhrgebiet liebte seinen Job, unabhängig davon, wie viel bzw. wenig man ihm dafür zahlte. Und auch als man ihn viele Jahre nach seinem Karriereende damit konfrontierte, dass die heutige Schiedsrichter-Generation mittlerweile 3.000 Euro und mehr pro Spiel bekomme, war ihm das egal. "Ich brauche nur 15 Euro für ein Pilsken und Frikadellen", sagte er dann, grinste und strich sich zärtlich über den Bauchansatz. Er selbst hatte übrigens in seinen Anfängen nur 24 Mark erhalten. Die leichte Wampe jedoch hatte er schon damals zu seiner aktiven Zeit - und sie kam nicht von ungefähr. Doch er stand immer zu seiner kleinen Schwäche - was auch früher schon keine Selbstverständlichkeit war: "Ich kenne andere Schiedsrichter, die sind auch keine Waisenkinder. Die sollen mal ehrlich sein: Wer geht schon gerne in eine Kneipe und trinkt nur ein Bier?"

"Du spielst wie ein Arsch!"

Selbst auf dem Platz half ihm seine Leidenschaft für den kühlen Gerstensaft, um schwierige Situationen zu entschärfen. Als einmal Bochums Libero Jupp Tenhagen kurz vor einem Platzverweis stand, holte Ahli ihn zu sich und sagte mit leiser, aber entschiedener Stimme: "Hömma, Jupp. Ein bissken ruhiger jetzt. Wir wollen doch gleich noch schön einen Pott Bier zusammen schlürfen, oder nicht?" Jupp Tenhagen strahlt noch heute, wenn er an die Aktion denkt: "Der Ahli brauchte keine Karten. Danach wusste ich genau, was ich zu tun hatte und später haben wir dann tatsächlich in unserer Vereinsgaststätte noch ein Pils zusammen getrunken."

Die Karten ließ Ahlenfelder auch in einem anderen Fall in der Tasche. Am 21. November 1987 sagte er beim Spiel des VfB Stuttgart gegen Mannheim zum beinharten Waldhof-Buben Dieter Finke: "Lass dich auswechseln, sonst wechsel ich dich aus!" Mannheims Trainer Felix Latzke reagierte damals sofort, wechselte Finke aus und bewahrte ihn so vor einer Roten Karte. Der DFB fand die Aktion allerdings nicht so toll und verpasste Ahlenfelder eine Denkpause. Doch das Schwatzen und Klönen auf dem Platz ließ sich Ahli dennoch nicht nehmen.

Und so löste er kleinere Auseinandersetzungen immer wieder auf seine ganz eigene, unverwechselbare Art - stets nach dem Motto: "Wenn einer motzt, dann motze ich zurück." Als eines Tages Bayerns Weltmeister Paul Breitner zu ihm sagte: "Du pfeifst wie ein Arsch!", reagierte Ahli herzhaft mit einem: "Und du spielst wie ein Arsch!" Ein anderes Mal sprach Breitner den Unparteiischen mehrfach mit "du Affe" an, doch Ahlenfelder ließ seine Karten entspannt in der Brusttasche. Er konterte gegenüber dem bärtigen Star des FC Bayern München lieber völlig gelassen: "Schau mal in den Spiegel, Breitner, dann weißt du Bescheid." Und wenn einmal auch solch eine Ansage nichts half, dann wusste sich Ahli eben anders zu helfen: "Wenn ich als Schiri in der Bundesliga zum Einsatz kam, benutzte ich immer eine italienische Polizei-Pfeife. Wenn ich da reingeblasen habe, gingen den Spielern die Schnürsenkel auf."

"Leere Pullen zurückwerfen"

... unseres Kolumnisten Ben Redelings - "Das neue Buch der Fußballsprüche" - können Sie jetzt direkt bei seinem Verlag bestellen. Live ist Redelings deutschlandweit mit seinen Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Mit Wolf-Dieter Ahlenfelder als Schiedsrichter war keine noch so brenzlige Situation ein größeres Problem. Das wussten sie auch auf dem gefürchteten Kaiserslauterer Betzenberg. Als einmal, wie man damals zu sagen pflegte, ein "Problemspiel" (heute würde man wohl von einer "Hochsicherheits"-Partie sprechen) anstand, kam extra der Schiedsrichterbetreuer des FCK, Rudi Merk, zu Ahlenfelder und seinen beiden Linienrichtern in die Kabine. Der Betreuer äußerte die Befürchtung, es könnten an diesem Tag Flaschen aufs Spielfeld geworfen werden. Man unterhielt sich und abschließend präsentierte Ahli dem Vater des späteren Fifa-Schiris Markus Merk zur Problemlösung die wohl genialste Idee seiner Karriere.

Ahli erinnert sich: "Da kam dann der Einsatzleiter rein mit so 'nem Walki-Talki und wat nicht alles und sagte: 'Herr Ahlenfelder, wir haben hier heute einen Großeinsatz!' Ich sag: 'Ja und?' 'Wie wollen wir das denn händeln? Wie soll das denn überhaupt vonstattengehen?' Ich sag: 'Mach doch kein Scheiß da. Leere Pullen sofort, puhhff, zurück.' 'Wie bitte?' 'Ich sag, sofort zurück.' 'Ja, und was machen wir dann mit den vollen?' 'Einsammeln. In der Halbzeit werden wir uns lecker einen kredenzen.'" Dann grinste Wolf-Dieter Ahlenfelder und zeigte mit gespreiztem Daumen und Zeigefinger, wie einfach man auch die größten Probleme kreativ in den Griff bekommen konnte, wenn man denn nur wollte.

Quelle: ntv.de