Redelings Nachspielzeit

Halbzeitpfiff nach 32 Minuten "Da hatten wir wohl einen zu viel getrunken"

imago07090092h.jpg

"Da bin ich stolz drauf": Wolf-Dieter Ahlenfelder.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Geschichte ist legendär - und immer wieder schön. 8. November 1975: Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder pfeift beim Bundesligaspiel in Bremen zur Halbzeit - allerdings etwas zu früh und sehr zum Entsetzen aller anderen Beteiligten.

Es ist und wird wahrscheinlich auf ewig die berühmteste Schiedsrichter-Anekdote der Bundesligageschichte sein. Sie ereignete sich im Bremer Weserstadion. Am 8. November 1975 sollte Wolf-Dieter Ahlenfelder aus Oberhausen mit seinen Linienrichtern die Partie des SV Werder gegen Hannover 96 (0:0) pfeifen. Vorher saßen die drei gemütlich in der Vereinsgaststätte von Werder und aßen zu Mittag. Der Jahreszeit entsprechend wurde eine Gans mit Rotkohl und Klößen aufgetischt. Genüsslich speisten sie, klönten ein bisschen und vergaßen darüber die Zeit.

Bundesliga lebt lacht Ahlenfelder Zebec Buch Redelings.jpg

"Die Bundesliga wie sie lebt und lacht. Zum Schießen komische Momente von Ahlenfelder bis Zebec". Unvergessliche Helden der Bundesligageschichte wie Thomas Müller, Günter Netzer, Franz Beckenbauer, Ailton, Toni Schumacher, Stefan Effenberg, Jürgen Klopp und viele andere leben in 100 unterhaltsamen wie facettenreichen Porträts völlig neu auf. Infos: www.scudetto.de´

Als um 14.30 Uhr Werders Schiedsrichterbetreuer Richard Ackerschott an ihren Tisch kam und fragte, wann die Männer in Schwarz sich denn warmmachen wollen, packten sie sich an ihre prall gefüllten Bäuche. So wird das heute nichts, dachten sie und wollten den Magen erst einmal mit ein oder zwei schnellen Bieren durchspülen. Das klappte gut. Die Gans begann zu schwimmen. Doch mittlerweile war es schon 14.45 Uhr, und noch wollten das gebratene Federvieh, der Rotkohl und die Klöße nicht richtig absacken. Man entschloss sich, das widerborstige Essen härter zu bekämpfen, und bestellte neben einer neuen Runde Pils auch einen Malteser. Und weil das so gut funktionierte, wiederholten die drei fröhlichen Männer den Spaß noch ein, zwei Mal und gingen dann runter zum Umziehen - schließlich stand an diesem Tag noch eine Bundesligapartie auf dem Programm.

Doch wo war nur diese verflixte Kabine? Ahli und seine zwei Begleiter irrten durch die Katakomben und fanden trotz längerem Suchen ihren Raum nicht. Erst auf Nachfragen wurden sie fündig. Werders Präsident Franz Böhmert erinnerte sich: "Ich kam damals in die Schiedsrichter-Kabine, die war maximal zehn Quadratmeter groß, und es schlug mir schon eine Dunstglocke entgegen. Ich musste dann einen Bericht für den DFB anfertigen und habe erklärt, dass der Schiedsrichter sehr erkältet gewesen sei und unser Vereinsarzt ihm deshalb einen Hustensaft gegeben hat, und da war ein bisschen Alkohol drin. Deswegen die Fahne!"

"Und da roch der ja nach Wick"

Und auch Bremens Legende Horst-Dieter Höttges wusste noch alles von diesem legendären Tag: "Ahli kommt vorher bei uns in die Kabine mit nacktem Oberkörper. Unser Masseur hatte damals Geburtstag. Dem hat er gratuliert, und da habe ich gemerkt, dass ein bisschen Alkohol im Spiel war. Da habe ich ihn genommen, bei uns unter die Dusche, und habe ihn mit Wick eingerieben, den ganzen Körper. Dann haben wir ihn wieder rausgelassen, und da roch der ja nach Wick." Auch Richard Ackerschott versuchte noch zu retten, was nicht mehr zu retten war, und besorgte eine Flasche Mundwasser.

imago05869442h.jpg

Und stets mit vollem Einsatz dabei.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die folgenden Geschehnisse schildert Schiedsrichter Ahlenfelder am besten selbst: "Nach 30 Minuten habe ich zur Halbzeit abgepfiffen. Nicht fragen, wieso, weshalb, warum. Da hatten wir wohl einen zu viel getrunken, ich weiß es auch nicht. Ja, das ist Ahlenfelder." Genau so war es. Die Partie wurde schon nach einer halben Stunde unterbrochen. Völliges Unverständnis bei den Spielern, Irritationen bei den Zuschauern und blankes Entsetzen bei den Offiziellen beider Vereine. Als Ahlenfelder gerade Richtung Katakomben abmarschieren wollte, stellte sich ihm der Bremer Abwehrrecke Horst-Dieter Höttges in den Weg. Freundlich wandte er sich an den Mann in Schwarz: "Schiri, sind Sie sicher, dass schon Halbzeit ist?" Nun war auch Ahlenfelder irritiert: "Warum denn nicht, Herr Höttges?" Der Bremer zeigte auf sein Jersey: "Mein Trikot, wissen Sie, ist in der Halbzeit immer klitschnass. Und schauen Sie mal, das ist ja noch fast staubtrocken!"

"Der Dicke war einer. Der wird uns fehlen"

Ahlenfelder fasste das Shirt an, nickte Höttges beinahe beschwörend zu und fragte mit trotzig-zittriger Stimme: "Und was nun, Höttges?" Der Bremer deutete zur Seitenlinie. Dort tippte einer der beiden Linienrichter intensiv auf seine Armbanduhr und zeigte dann hoch zur großen Stadionuhr. Es war erst kurz nach vier. Ahlenfelder verstand geistesgegenwärtig, was zu tun war, pfiff seine dritte Bundesligapartie erneut mit einem Schiedsrichterball an - und nach insgesamt nur 42 Spielminuten dann endgültig in die Halbzeitpause.

Findige Geschäftsleute reagierten schnell und boten in ihren Kneipen eine echte Neuerung an, die sich der Sage nach bis heute in der Werder-Vereinsgaststätte gehalten hat. Der legendäre Schiedsrichter, der es als einziger Unparteiischer bis auf den heutigen Tag schaffte, ein Bundesligaspiel bereits nach knapp 30 Minuten in die Halbzeit zu pfeifen, sagte selbst über den Kneipen-Clou: "Wenn man in Bremen einen Ahlenfelder bestellt, bekommt man ein Malteser-Bier-Gedeck. Da bin ich stolz drauf."

Es war erst das dritte Spiel von Ahlenfelder, und trotz dieses riesigen Fauxpas durfte er noch weitere 103 Partien pfeifen. Doch nach dem 106. Bundesligaspiel war plötzlich alles vorbei. Schiedsrichter-Obmann Johannes Malka und der DFB haben "Stopp" gesagt. Ein Schock für Ahlenfelder: "Es hat mir wehgetan, als ich gehen musste. Es war so, als ob man Charly Chaplin den Stock weggenommen hätte." Auch die Spieler waren traurig, wie Frank Mill stellvertretend sagte: "Der Dicke war einer. Der wird uns fehlen."

Der Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Die Bundesliga, wie sie lebt und lacht: Zum Schießen komische Momente von Ahlenfelder bis Zebec" bei Amazon bestellen.

Quelle: ntv.de