Redelings Nachspielzeit

Redelings lobt den Spaßfaktor Warum man den Videobeweis lieben sollte

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(Foto: imago images / Norbert Schmidt)

Der Videobeweis sorgt weiterhin für erhitzte Gemüter. Das kann man, wie bisher eigentlich immer, beklagen. Oder man schaut auch einmal auf die Vorteile. Der Unterhaltungsfaktor beim Videobeweis ist enorm. Gerade weil so viele Dinge niemals funktionieren werden.

Auch nach diesem Wochenende können sich die Fußball-Funktionäre entspannt zurücklehnen: Ihre wöchentliche Show namens Bundesliga läuft auf Broadway-Niveau. Und was vor zwei Jahren bei seiner Einführung überhaupt noch nicht absehbar war: Ein wesentliches Element des Spaßbetriebs ist mittlerweile der Videobeweis. Eigentlich sollte er ja dabei helfen, den Fußball gerechter zu machen und jede Diskussion über mögliche Fehlentscheidungen im Keim zu ersticken – doch die Realität sieht anders aus.

Im Grunde müsste es jeden Sonntagabend einen eigenen "Brennpunkt" zum Thema im Fernsehen geben, so heiß und emotional wird Woche für Woche diskutiert. Das kann man im Zweifelsfall – beispielsweise, wenn die eigene Mannschaft mal wieder zu den Leidtragenden gehört – suboptimal finden, aber im Kern ist es eigentlich eine gute Sache. Denn nichts hätte dem Fußball als unterhaltendes Medium mehr geschadet, als eine weitere Maßnahme, die die Sterilität des Spektakels erhöht hätte.

Geliebt noch in 100 Jahren

Objektivität kann man nun mal (leider) in keinem Supermarkt der Welt kaufen. Und so bleibt das Spiel am Ende des Tages einfach nur das, was es schon immer war: ein Spiel – über das man sich herrlich aufregen, bei dem man sich wunderbar freuen und ja, bei dem man auch so abgrundtief leiden kann. Genau deshalb wird dieses Spiel auch in 100 Jahren noch so geliebt werden!

Am Samstag stand hier auf diesen Seiten ein Interview mit dem Kollegen Christian Bartlau. Das Thema war: "Die Profitgier erstickt die Fans: Fußball ist eine monströse Geldmaschine". Ein Satz ist mir aus diesem Gespräch besonders im Kopf hängen geblieben. Bartlau, der mittlerweile den Profifußball komplett boykottiert, sagte: "Was ich vermisse: Mit Menschen darüber zu reden, ich habe wahnsinnig gerne über Fußball diskutiert." Genau diesen Satz habe ich am frühen Samstagabend bei der Nach-Analyse nach dem Spiel meines VfL Bochum gegen Wehen Wiesbaden bei einem Glas Bier noch einmal gehört: "Was mir fehlen würde, wenn ich den ganzen Mist nicht mehr mitmachen würde, wären die Gespräche mit den Kollegen über Fußball."

Und da ich vor mittlerweile vier Jahren in meinem "Fußballfasten"-Monat genau das selbst auf die härteste Art bereits einmal mitgemacht habe, kann ich sagen: Auf diese eine Sache möchte ich in meinem Leben nie (mehr) verzichten. Fußball ist der Frisösen-Talk aller ballverliebten Männer. Und der Videobeweis hilft uns im Moment, dass uns der Gesprächsstoff niemals ausgeht.

"Der beste Schiedsrichter, der je hier war"

Aber eigentlich wollte ich ja heute gar keine Worte über den Videobeweis verlieren, weil ich viel lieber einen Mann ehren wollte, der es abseits aller neuen technischen Errungenschaften verstand, die Menschen zu unterhalten – und der genau heute vor 44 Jahren sein erstes Spiel pfiff. Die Schiedsrichter-Legende Wolf-Dieter Ahlenfelder erinnerte sich stets mit viel persönlicher Anteilnahme an die Abläufe nach seiner Bundesligapremiere bei der Partie Werder Bremen gegen Hertha BSC am 27. August 1975: "Ich bin anschließend zum Abendessen gegangen und da war stehender Applaus. Die Leute sind von den Plätzen hoch und haben geklatscht. Die haben gesagt, so etwas haben wir noch nie gesehen. Das war der beste Schiedsrichter, der je hier war."

Ein Selbstbewusstsein, das selbst Dieter Bohlen seine Mallorca-Bräune vor Neid aus dem Gesicht treiben würde. Doch Ahlenfelder hatte einen Plan, der sein durchaus ambitioniertes Ichbewusstsein in einem positiven Licht erscheinen ließ: "Ich war unwahrscheinlich beliebt. Bei den Spielern, bei den Zuschauern und das hat dem DFB nicht in den Kram gepasst. Schiedsrichter müssen gehasst werden, weil das Schiedsrichter sind. Und ich habe gesagt, Schiedsrichter müssen geliebt werden, weil das Schiedsrichter sind." Was für beeindruckende, tiefsinnige und wunderbare Sätze.

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Wolf-Dieter Ahlenfelder lieferte Fans und Spielern jahrelang Gesprächsstoff - bis heute.

Und seine Beliebtheit kam ja tatsächlich nicht von ungefähr. Nur acht rote Karten in fast 200 Spielen als Schiri im Profifußball sind eine beeindruckende Bilanz, die vor allem einer Sache geschuldet war: Seinem persönlichen Umgang mit den Spielern. Denn ehe er eine Karte zückte, sprach er das Problem lieber an. Und das hörte sich dann schon einmal so an: "So, mein Jung, wird jetzt langsam Zeit, dass du dich verabschiedest. Sonst tu ich das für dich, und zwar mit Pauken und Trompeten. Dann kriegst du sogar noch ein Solo geblasen."

Was würde man sich heutzutage nach einem Spieltag freuen, wenn ein Schiedsrichter und ein Spieler Arm in Arm nach der Partie den Platz verließen und über ihren heftigen Disput, den alle Welt zuvor live am Bildschirm hat miterleben können, schmunzelnd folgendes zu erzählen hätten – wie damals der haarige Bayern-Star und der kugelbäuchige Mann in Schwarz. Als Paul Breitner vor vielen Jahren einmal bei einer Partie Ahlenfelder mehrfach mit "du Affe" angesprochen hatte, konterte Ahli nur gelassen: "Schau mal in den Spiegel, Breitner, dann weißt du Bescheid." Das saß – da brauchte der Schiedsrichter keine Karte mehr zu zeigen.

Souvlaki im Griechen-Keller

Doch jede Zeit hat seine eigenen Helden – und das ist völlig okay so. Im Moment sorgt eben der Videobeweis für Unterhaltung und macht das sehr anständig. Man kann sicher sein, dass wir uns auch in zwanzig, dreißig Jahren noch die Geschichten dieser Tage aus dem jetzt schon legendären "Kölner Keller" erzählen werden. Oder die VAR-Storys aus anderen Ländern. In Griechenland beispielsweise traf an diesem Wochenende genau in dem Moment, als man live auf Sendung war, die Lieferung des örtlichen Gastronomie-Betriebs im Raum der Videoschiedsrichter ein. Das sorgte völlig zu Recht für begeisterte Schenkelklopfer unter den Fans an den Bildschirmen – und ist selbstredend ein wunderbarer Diskussionsstoff für uns Fußballbekloppte. So soll es sein. Auf dass uns die Geschichten niemals ausgehen.

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Quelle: n-tv.de

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