Olympia

Schnellstes Rennen der Historie Warholms Wunderlauf sorgt für Kopfschütteln

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Ein Lauf für die Ewigkeit.

(Foto: dpa)

Das olympische Finale ist das schnellste Rennen über 400 Meter Hürden, das die Leichtathletik je gesehen hat. Karsten Warholm läuft mit einem Fabel-Weltrekord zur Goldmedaille. Dafür gibt es gute Gründe, doch mit einfachen Erklärungen tut sich der Sport inzwischen schwer.

Es gibt diese olympischen Momente, in denen nichts anderes übrig bleibt, als ungläubig den Kopf zu schütteln. In denen unklar ist, ob das allein aus Bewunderung und Anerkennung für eine unfassbare Leistung geschieht. Oder auch ein bisschen, um die Zweifel abzuschütteln, die mit solchen Leistungen oftmals einhergehen.

Die Leichtathletik erlebt in Tokio einen solchen Moment mit dem Finale über 400 Meter Hürden. Denn Karsten Warholm gewinnt nicht nur Gold, der Norweger verbessert auch seinen eigenen Weltrekord. In 45,94 Sekunden läuft er 74 Hundertstelsekunden schneller als je ein Mensch zuvor über die Stadionrunde mit den zehn Hürden. Eine solch deutliche Steigerung auf dieser Strecke gab es zuletzt 1968, als die Zeiten noch mit der Hand gestoppt wurden und nicht elektronisch.

Warholm zeigt dabei ein für ihn typisches, dadurch aber nicht weniger außergewöhnliches Rennen. Weil jedes Rennen des 25-Jährigen ein Erlebnis ist. Niemand läuft auf die ersten 45 Meter so aggressiv auf die erste Hürde zu, auch im Olympia-Finale liegt er dort schon in Führung. 13 Schritte braucht Warholm für die 35 Meter zwischen den 91,4 Zentimeter hohen Hindernissen. Sein raumgreifender Laufstil lässt ihn dabei gleichermaßen leichtfüßig und kraftvoll wirken.

Erst an der letzten Hürde von Tokio kommt Warholm mit seinem Rhythmus nicht mehr hin und macht zwei Schritte mehr, ohne jedoch dabei an Tempo zu verlieren. Das passiert erst 40 Meter später im Ziel, als er auf der Anzeigetafel seine Wahnsinnszeit entdeckt und beim für ihn typischen Jubelschrei sein Trikot zerreißt. "Manchmal sagen mir meine Trainer im Training, dass das mit einem perfekten Rennen möglich sein könnte", sagte Warholm, nachdem er als erster Leichtathlet unter 46 Sekunden geblieben war. Der deutsche Rekord steht seit 1982 bei 47,48 Sekunden, aufgestellt vom legendären Harald Schmid.

Ein Schuh mit Technik aus der Formel 1

Warholms Zeit klingt viel mehr nach einer 400-Meter-Zeit ohne Hürden, in der aktuellen deutschen Jahresbestenliste läge er damit auf Rang drei, gerade mal sechs Hundertstel hinter dem deutschen Meister Manuel Sanders. Der bislang letzte Deutsche, der ohne Hürden verlässlich ein Rennen gegen Warholm mit Hürden gewonnen hätte, dürfte Ingo Schultz gewesen sein, zugleich der aktuell letzte deutsche Viertelmeiler von Weltformat. Im Jahr 2001 gewann der gebürtige Emsländer, der erst mit 22 Jahren zur Leichtathletik kam, sensationell WM-Silber und krönte seine Karriere mit dem Titel vor heimischem Publikum bei der EM 2002 in München.

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Ein Mann und sein Rekord.

(Foto: imago images/Bildbyran)

Europameister ist auch Warholm, 2018 siegte er im Berliner Olympiastadion und weil er zuvor (2017 in London) und danach (2019 in Doha) bei der Weltmeisterschaft nicht zu schlagen war, hält er mit dem Sieg im olympischen Finale nun nicht nur den Weltrekord, sondern auch alle großen Titel. Es gibt valide Argumente, ihn zum besten Langhürdler zu erklären, den die Leichtathletik je gesehen hat. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass der immer noch erst 25-Jährige noch lange die 400 Meter Hürden dominieren wird. Weil er versessen darauf ist, das Maximum aus sich und seinem Körper herauszuholen. Weil sein Trainer Leif Olav Alnes dafür bekannt ist, jedes noch so kleine Detail zu studieren und zu optimieren.

Dazu gehören auch die Spikes, in denen Warholm diesen unfassbaren olympischen Moment erläuft. Sein Ausrüster Puma hat, wie die anderen großen Hersteller auch, vor Tokio intensiv am perfekten Schuh gearbeitet. Auf der Webseite der deutschen Sportartikelfirma heißt es, die Spikes seien gemeinsam mit Ingenieuren des Formel-1-Teams von Mercedes entwickelt worden. Dem Team, das die Königsklasse des Motorsports seit 2014 auf bisher ungekannte Weise dominiert. 135 Gramm leicht sind die Spikes, Kernstück ist eine Karbonplatte in der Sohle. Die gibt beim Aufsetzen des Fußes wesentlich mehr Energie zurück als bisher üblich, federt also zusätzlich. Puma zitiert Warholm mit den Worten: "Das hilft mir, noch schneller zu laufen."

Die Laufbahn hilft auch ein bisschen

Die Diskussion um das Schuhwerk ist in der Leichtathletik nicht neu, die weltweite Steigerung des Niveaus im Halbmarathon und Marathon wird auch darauf zurückgeführt, dass der technologische Fortschritt bei den Schuhen so groß ist. Vereinfacht gesagt, ermöglicht es die Karbonplatte, mit weniger Kraftanstrengung genauso schnell zu laufen. Was bei selber Kraftanstrengung also eine Leistungssteigerung ermöglicht, die nicht in zusätzlichem oder effektiverem Training begründet ist, sondern in besserer Ausrüstung.

Auch das spielt sicher eine Rolle dabei, dass das olympische Finale auch hinter Warholm ein Rekordrennen ist. Rai Benjamin aus den USA läuft in 46,17 Sekunden zu Silber, der Brasilianer Alison dos Santos in 46,72 Sekunden zu Bronze. Beide bleiben unter dem alten Weltrekord von Kevin Young, stehen in der ewigen Bestenliste nun auf den Plätzen zwei und drei. Die Zeiten des Vierten Kyron McMaster von den britischen Jungferninseln in 47,08 und des Fünften Abderrahman Samba (Katar) in 47,12 hätten vor Tokio mit Ausnahme von Barcelona 1992 immer für Gold gereicht, bei Weltmeisterschaften war noch nie jemand so schnell.

Es ist also nicht nur die Geschichte des überragenden Karsten Warholm, der mit der Konkurrenz spielt. Zwar gewinnt er deutlich, führt aber dabei zugleich auch das schnellste Rennen über 400 Meter Hürden an, das die Leichtathletik bisher gesehen hat. Auch die laut Athletinnen und Athleten schnelle, weil besonders gut federnde Laufbahn im Stadion von Tokio trägt dazu bei. "Manche Laufbahnen schlucken deine Bewegung und deine Kraft. Diese hier gibt sie dir zurück, das ist eindeutig zu spüren", sagte etwa Sydney McLaughlin, Goldfavoritin über 400 Meter Hürden der Frauen aus den USA.

Wer hat die Schlupflöcher genutzt?

Dazu kommen die hohen Temperaturen, die schnelle Sprints oftmals begünstigen. Was bei solchen vorher kaum für möglich gehaltenen Leistungen auch immer mitschwingt, ist die Sorge, ob diese auf saubere Art und Weise zustande gekommen sind. Zu sehr ist die Historie der Leichtathletik davon geprägt, dass Ausnahmeathleten als Betrüger überführt wurden.

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Bei Warholm gibt es darauf keine Hinweise, keinerlei Verdachtsmomente. Es ist nur eben so, dass viele, die der olympischen Kernsportart seit Jahren und Jahrzehnten folgen, skeptisch geworden sind, wenn lange bestehende Rekorde so massiv gesteigert werden. Gerade wenn diese inmitten einer Pandemie stattfinden, die das weltweite Anti-Doping-System zeitweise fast vollständig außer Kraft gesetzt hat. Der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt sagte im Interview mit ntv.de: "Das waren ideale Schlupflöcher, um zu manipulieren. Es ist schon auffällig, dass im letzten Jahr in einigen Sportarten, in der Leichtathletik oder im Radsport zum Beispiel, Rekorde gepurzelt sind. Das ist schon sehr auffällig und passt zu dem Muster, dass die Dopingkontrollen in einem geringeren Maße stattgefunden haben."

Auch deshalb schütteln Menschen, die sich in der Leichtathletik auskennen, bei Ereignissen wie diesem olympischen Finale über 400 Meter Hürden dann oftmals mit dem Kopf. Aus Anerkennung, weil Athleten wie Warholm vermeintlich Unmögliches möglich machen. Und in der unterbewussten Hoffnung, die in der Vergangenheit viel zu oft bestätigten Zweifel an solchen Leistungen abschütteln zu können.

Quelle: ntv.de

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