Technik
Das iPhone X ist teuer, aber richtig gut.
Das iPhone X ist teuer, aber richtig gut.(Foto: kwe)
Mittwoch, 01. November 2017

Keine Schwächen im Test: Das iPhone X enttäuscht nicht

Von Klaus Wedekind

Im Test macht das iPhone X einen hervorragenden Eindruck. Technik und Design sind allererste Sahne und alles funktioniert so, wie von Apple versprochen. Die Frage ist nur, ob man bereit ist, den Preis dafür zu bezahlen.

Nachdem Apple in den vergangenen Jahren das iPhone optisch nahezu unverändert ließ, hat das Unternehmen mit dem iPhone X wieder einen großen Schritt gewagt. Das Gerät hat ein radikal verändertes Design, der Home-Button ist Geschichte und eine völlig neue Gesichtserkennung ersetzt den Fingerabdrucksensor. n-tv.de hat getestet, wie sich das iPhone X anfühlt und ob die neue Technik so gut funktioniert, wie Apple verspricht.

Das Innenleben des sündhaft teuren Smartphones entspricht weitgehend dem der 8-er-Modelle, doch beim Design spielt das iPhone X in einer anderen Liga. Weil die Vorderseite fast nur aus dem 5,8 Zoll großen Bildschirm besteht, ist das iPhone X kaum größer als das iPhone 8, das nur ein 4,7-Zoll-Display besitzt. Es ist ein ungemein kompaktes Gerät, das durch seinen runden Stahlrahmen und seine gläserne Rückseite auch ausgesprochen angenehm in der Hand liegt.

Starkes OLED-Display

iPhone X und iPhone 8 Plus im Größenvergleich.
iPhone X und iPhone 8 Plus im Größenvergleich.(Foto: kwe)

Nicht nur das Design ist völlig neu. Erstmals hat Apple ein OLED-Panel eingebaut, was den prächtigen Eindruck des iPhone X noch verstärkt. Der mit einer Pixeldichte von 458 ppi sehr scharfe Bildschirm leuchtet heller als die LCDs der anderen iPhones und bietet die für seine Technik typischen kräftigen Kontraste. Auch die Farbdarstellung ist brillant und der bei OLEDs ebenfalls charakteristische Blau- oder Grünstich bei seitlicher Betrachtung hält sich in sehr akzeptablen Grenzen. Trotz der neuen Display-Technik funktioniert auch beim iPhone X die automatische Anpassung an die Lichtstimmung der Umgebung einwandfrei.

Ebenfalls neu ist das 18:9-Format des Displays. Bei angepassten Apps sieht das im Hochformat richtig gut aus und es kann unter anderem etwas mehr Text angezeigt werden. Allerdings teilt das iPhone X hier das Schicksal des Galaxy Note 8 und anderen Androiden, die Bildschirme im 2:1-Format haben: Viele Anwendungen sind noch nicht umgeschrieben und füllen das Display im 16:9-Modus aus. Einige werden auch automatisch langgezogen, was nicht immer zu vollkommen gelungenen Ergebnissen führt. Und das iPhone-X-Display kann weniger Inhalte anzeigen als andere 2:1-Handys.

Kerbe fordert Apps heraus

In der Aussparung sitzt unter anderem die TrueDepth-Kamera.
In der Aussparung sitzt unter anderem die TrueDepth-Kamera.(Foto: kwe)

Das liegt vor allem an der Display-Kerbe, die Apple für 3D-Kamera, Sensoren und Lautsprecher an der Oberseite gelassen hat. Nicht korrekt angepasste Apps stellen Inhalte nur bis an die Unterseite der Kerbe dar, wodurch die links und rechts der Aussparung permanent zu sehenden Elemente in den Homescreen-Farben zu sehen sind. Das sind aber nur temporäre Probleme, die die iOS-Entwickler in den kommenden Wochen sehr rasch beseitigen sollten.

Im Querformat sieht die Sache etwas anders aus, wenn ein Video bildschirmfüllend dargestellt wird - dann fehlt an der Seite einfach ein Stück. Allerdings gibt es eigentlich noch keine Filme im 18:9-Format und bei 16:9-Videos muss man hineinzoomen, um an die Grenzen des Displays zu gehen. Etliche Spiele unterstützen allerdings inzwischen 16:9 beziehungsweise 2:1 und hier kann das iPhone X die Scharte nicht auswetzen. So lange dort keine relevanten Elemente angezeigt werden sollen, verliert man die Aussparung zwar nach ein paar Minuten aus dem Blick - schön ist das aber trotzdem nicht.

Wischen statt drücken

Interessant ist, wie Apple das Fehlen eines Home-Buttons bei der Steuerung kompensiert hat. Um Apps zu schließen und zum Homescreen zurückzukehren, wischt man beim iPhone 10 von der Unterseite des Displays nach oben. Für die Multitasking-Ansicht unterbricht man die Wischbewegung und kann dann durch die App-Übersicht blättern. Man kann aber auch zwischen Anwendungen wechseln, in dem man die an der Unterseite des Bildschirms angezeigte Linie nach links oder rechts zieht. Beides funktioniert im Hoch- und Querformat und man hat sich schnell daran gewöhnt - vor allem, weil die Wischer durch das kompakte Format des Geräts auch wunderbar mit dem Daumen klappen.

Beim iPhone X wird gewischt statt gedrückt.
Beim iPhone X wird gewischt statt gedrückt.(Foto: kwe)

Die meisten Nutzer benötigen aber auch die andere Hand, um das Kontrollzentrum zu öffnen. Dafür zieht man den Bildschirm rechts beziehungsweise links neben der Scharte nach unten. Um die Benachrichtigungen zu sehen, wischt man links der Aussparung nach unten.

Auch die Nutzung der noch vorhandenen Tasten ist gewöhnungsbedürftig. Siri ruft man auf, indem man die Einschalt-Taste lange drückt. Um ein Bildschirmfoto aufzunehmen, drückt man gleichzeitig Lauter-und Einschalt-Taste. Drückt man die Kombination länger, kann man das iPhone X ausschalten.

Insgesamt kann man sagen, dass Apple die Steuerung ohne Home-Button gut gelöst hat und Besitzer eines iPhone X werden sie wahrscheinlich für cooler als bisher halten. Einigen wird der Knopf unterm Display aber sicher fehlen, der die Bedienung unterm Strich doch etwas unkomplizierter macht.

Gesichtserkennung gelungen

Die im Home-Button integrierte Touch-ID muss man aber nicht vermissen. Tatsächlich hat sich im bisherigen Testverlauf die Face ID als zuverlässige und sehr schnelle Lösung herausgestellt. Die Einrichtung ist kinderleicht: Man lässt die Nase in einem auf dem Display angezeigten Feld zweimal kreisen - das war's.

Bei der Prozedur nimmt die Kamera-Kombi auf der Vorderseite ein Bild auf und scannt per Infrarot-Laser ein 3D-Abbild des Gesichts. Die Informationen werden wie bei der Touch ID im Chip verschlüsselt gespeichert. Den Abgleich beim Entsperren, Autorisierungen oder Anmelde-Vorgängen übernimmt ein integriertes neuronales Netzwerk. Weil dieses maschinelles Lernen beherrscht, registriert die Kamera auch plausible Veränderung wie Bartwuchs oder neue Frisuren und fügt sie denen Face-ID-Informationen hinzu. Sind ihr die Unterschiede doch einmal zu krass, muss der Nutzer den Abgleich durch PIN-Eingabe bestätigen.

Die Face ID ist schnell eingerichtet.
Die Face ID ist schnell eingerichtet.(Foto: kwe)

Im Test funktioniert dies bisher vorzüglich, egal bei welchem Licht oder in Dunkelheit entsperrt das iPhone X im Handumdrehen, wenn seine "TrueDepth-Kamera" den gespeicherten Nutzer erkennt, der es anblickt. Auch mit Brille, unterschiedlichen Mützen oder sogar einer Halloween-Perücke auf dem Kopf ließ sich das Gerät entsperren. Noch weniger Eingabeaufforderungen erhält man, wenn man abstellt, dass man auf das Gerät blicken muss. Das ist aber nur ratsam, wenn es nicht anders geht, beispielsweise wenn man eine Sonnenbrille mit Sehstärke tragen muss.

Ist in den Anzeige-Einstellungen "Beim Anheben aktivieren" eingeschaltet, genügt nach dem Griff zum Smartphone gewöhnlich ein Wischer um zum Homescreen zu gelangen. Lediglich wenn es auf dem Tisch liegt oder unterm Schreibtisch unauffällig entsperrt werden soll, vermisst man den Home-Button, weil der Winkel zwischen Gesicht und Kamera recht steil sein muss. Ansonsten vergisst man schnell, dass man überhaupt eine Sperre aktiviert hat, so gut klappt die Face ID.

Zwillinge überlisten Face ID

Kleiner Schönheitsfehler: Die Doppel-Kamera ragt deutlich aus dem Gehäuse hervor.
Kleiner Schönheitsfehler: Die Doppel-Kamera ragt deutlich aus dem Gehäuse hervor.(Foto: kwe)

Apples Gesichtserkennung scheint auch sehr sicher zu sein. Durch Fotos hat sie sich im Test jedenfalls nicht überlisten lassen. Ob die Face ID tatsächlich wie von Apple behauptet um ein Vielfaches genauer arbeitet als die Touch ID, werden weltweit in den kommenden Tagen und Wochen Sicherheitsexperten mit 3D-Abbildern und ähnlichem ausprobieren. Unfehlbar ist die Technik jedenfalls nicht: Das Magazin "Mashable" hat in einem Test bewiesen, dass eineiige Zwillinge die Gesichtserkennung des iPhone X austricksen können.

Was mit der Technik der TrueDepth-Kamera noch möglich ist, zeigen die Animojis, bei denen die Gestik des Nutzers in Echtzeit in animierte Emojis umgesetzt wird. Das macht viel Spaß und weil die Animationen als MOV-Dateien nach dem Versand per iMessages gespeichert werden, kann man sie auch mit Nicht-Apple-Nutzern teilen. Auf Dauer interessanter dürfte aber sein, wie App-Entwickler die intelligente Gesichtserkennung umsetzen. Sie könnten beispielsweise die Porträt-Selfies noch weiter verbessern, die das iPhone X beherrscht. Apropos Kamera: Das Duo auf der Rückseite ist noch ein Stück besser als das des iPhone 8 Plus. Denn beim X ist die Tele-Linse etwas lichtstärker und wie die Weitwinkel-Kamera optisch stabilisiert.

Vielversprechender Akku

Wichtig für Käufer des iPhone X ist natürlich auch, dass der Akku lange durchhält. Denn was nutzen all die technischen Leckerbissen, wenn man sie nur kurz genießen kann? Um eine wirklich belastbare Aussage treffen zu können, ist das iPhone X noch nicht lange genug bei n-tv.de. Apple scheint aber mit seiner Aussage, das Gerät halte bis zu zwei Stunden länger als das iPhone 7 durch, nicht zu übertreiben. Im Test zeigte die Akku-Anzeige nach einem Tag mit etwas überdurchschnittlicher Nutzung nach 15 Stunden noch knapp 40 Prozent an. Das ist nicht schlecht.

Alles in allem ist das iPhone X ein hervorragendes Gerät, das auch ein wenig wieder das Gefühl der frühen Modelle zurückbringt, dass man ein einzigartiges Smartphone in den Händen hält. Besonders gut gefällt seine Kompaktheit, die die Modelle in jüngster Zeit doch arg vermissen ließen. Dazu kommt mit der TrueDepth-Kamera eine neue Technik, die nicht nur konkurrenzfähig, sondern wahrscheinlich auch zukunftsweisend ist.

Die Preise sind allerdings heftig und die Neuerungen sind kein Must-have. Wer den Home-Button liebgewonnen und das Design der 8-er-Modell nicht altbacken, sondern bewährt nennt, ist mit diesen günstigeren Apple-Handys ebenso gut bedient. Und wenn man vor einem Wechsel zu Android nicht zurückschreckt, gibt es unter anderem mit dem Galaxy Note 8, dem Huawei Mate 10 Pro oder dem Google Pixel 2 XL schicke Alternativen mit 2:1-Displays und starker Technik.

Quelle: n-tv.de

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