Wirtschaft

"Das war ein Weckruf" Der nächste Corona-Crash rollt an

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Monatelang haben die Börsen die Pandemie ignoriert. Kommt nun ein neuer Corona-Crash?

(Foto: picture alliance/dpa)

Von Tokio bis New York stürzen die Kurse ab, Anleger bekommen das große Zittern: Die Erholung der Wirtschaft in der Pandemie wird offenbar viel länger dauern als gedacht. Womöglich war der Absturz in dieser Woche der Beginn einer neuen Börsentalfahrt.

Immer wieder haben Kritiker in den vergangenen Wochen gewarnt: Die derzeitige Rally an den Finanzmärkten ist ein Strohfeuer. Obwohl das Coronavirus weiter grassiert und die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg droht, klammern sich die Anleger seit Monaten blind an das Prinzip Hoffnung. Die Kurse scheinen wie entkoppelt vom Chaos und der wirtschaftlichen Verwüstung, die Covid-19 in der realen Welt außerhalb der Handelssäle hinterlässt. Seit dem brutalen Absturz im Februar, als die Pandemie erstmals die Märkte durchschüttelte, ging es stetig nur wieder in eine Richtung: aufwärts.

Doch seit Donnerstag scheint diese Euphorie schwer angeknackst. Der Dow-Jones-Index rauschte um 6,9 Prozent ab, auch der S&P-500 knickte um 5,9 Prozent ein. Viele asiatische Märkte folgten auf dem Fuß: In Tokio ging es für den Nikkei-Index am Freitag 0,8 Prozent abwärts, der Hangseng-Index in Hongkong gab 1,1 Prozent nach, der Kospi-Index in Südkorea verlor 1,8 Prozent. Auch die Ölpreise gingen in den Keller. Zwar stabilisieren sich die Kurse an der Wall Street nun wieder. Und auch der Dax gibt mit 0,2 Prozent nur minimal nach. Doch es ist, als ob die Anleger plötzlich aus ihrem Traum gerissen werden. Noch viele weitere schlaflose Nächte könnten folgen.

Die Party-Anleger nehmen eine Auszeit

Seit März wetten die Anleger darauf, dass die Weltwirtschaft trotz wochenlangem Shutdown schnell wieder hochfährt. Seit dem Corona-Crash im Frühjahr hat der S&P-500 deshalb um satte 45 Prozent zugelegt. Der Aktienmarkt, schreibt das "Wall Street Journal", ähnele bislang den "Kindern am Strand, die ohne Masken und Rücksicht auf Abstandsregeln weiter Party machen" und die Folgen der Pandemie einfach ignorierten. Nun scheinen die Corona-Sorgen zurückzukehren.

Ausgelöst hat den schweren Rücksetzer das Zusammenkommen schlechter Nachrichten. US-Notenbankchef Jerome Powell warnte am Donnerstag, ein "erheblicher Teil" der gigantischen Jobverluste in den USA in der Corona-Krise werde dauerhaft sein. "Vor der Wirtschaft liegt ein sehr unsicherer Weg." Zudem meldeten viele Staaten im Süden und Westen der USA wieder steigende Infektionszahlen, kurz nachdem dort die Corona-Beschränkungen gelockert worden waren. "Das war ein Weckruf", zitiert die "Financial Times" den Marktstrategen Art Hogan von National Securities.

Doch es ist nicht nur die Angst vor einer zweiten Corona-Welle, die die Furcht vor einem neuen Absturz treibt. Alle fundamentalen Daten sagen einen verheerenden Konjunktureinbruch voraus. Die Weltwirtschaft wird dieses Jahr um drei Prozent schrumpfen, schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF). Die Weltbank rechnet sogar mit einem Minus von 5,2 Prozent. In Deutschland erwartet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) einen gigantischen Einbruch von 9,4 Prozent.

Und insgesamt wird es wohl Jahre dauern, bis die Verluste durch die Pandemie wieder aufgeholt sind. "Die Corona-Krise hat der deutschen Wirtschaft tiefe Wunden zugefügt, die trotz einer beherzten Wirtschaftspolitik nur langsam heilen dürften", warnt das DIW. Der kontinuierliche Aufschwung nach der Finanz- und Eurokrise ist definitiv vorbei: "Eine rasche Erholung und ein Anknüpfen an die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen zehn Jahre ohne weiteres Zutun" seien "nicht zu erwarten". Die Verluste "werden im kommenden Jahr bei weitem noch nicht wettgemacht", schätzen die Konjunkturforscher. Das Vorkrisenniveau werde sich wahrscheinlich auch im Jahr 2021 noch nicht wieder einstellen.

Eigentlich sind das keine guten Zeiten um Aktien zu kaufen. Zumal immer mehr Experten befürchten, dass auch die bisherigen gigantischen Rettungsprogramme, die Regierungen weltweit gegen die Corona-Krise aufgelegt haben, nicht ausreichen werden. Das DIW fordert bereits ein zweites Konjunkturpaket im Volumen von 192 Milliarden Euro, um das langfristige Wachstum zu sichern. Deutschland könne sich nicht "aus der Krise hinausexportieren" wie nach der Finanzkrise, meint das DIW. "Unsere Kassenschlager - Fahrzeuge, Maschinen und Anlagen - werden nicht mehr nachgefragt." Auch die US-Regierung erwägt laut Finanzminister Steven Mnuchin mit einer zweiten Runde von Stützungsmaßnahmen die Wirtschaft weiter anzukurbeln.

Kommt ein Crash auf Raten?

Positive Nachrichten für Aktienkäufer dürften in Zukunft also vor allem von staatlichen Stellen kommen, insbesondere von den Notenbanken. Es waren vor allem ihre massiven Geldspritzen, die das Kursfeuerwerk in den vergangenen Monaten am Laufen gehalten haben. Die Währungshüter stehen bereit für weitere Rettungsmaßnahmen: Drei Viertel aller Experten erwarten laut einer Reuters-Umfrage weitere Schritte der Europäischen Zentralbank (EZB) gegen die Krise. Mehr als die Hälfte rechnet noch in diesem Jahr mit zusätzlichen Wertpapierkäufen. "Wir glauben, dass das Pandemic Emergency Purchase Programme noch sehr lange Zeit bestehen bleiben wird", meint Ökonom Marco Valli von der UniCredit.

Das dürfte die Kurse zwar stabilisieren, eine regelmäßige kurzfristige Erholung ist nicht ausgeschlossen. "Wir haben momentan einen Handelsmarkt viel mehr als einen langfristigen Fundamentalmarkt", zitiert das "Wall Street Journal" Brian O'Reilly von Mediolanum International Funds. "Nach jedem Rücksetzer wie gestern ist es wahrscheinlich, dass wieder Leute einsteigen und so den Markt nach oben treiben."

Die Frage ist nur, ob die beruhigende Wirkung der Geldspritzen dauerhaft sein wird. Das Absturzpotential bleibt groß: "Die Nachrichten werden besser, aber es ist immer noch wirklich schlimm", sagt Hogan. Vielleicht entweicht die Luft nicht mit einem großen Knall aus der Blase, sondern mit einem langsamen Zischen. "Es braucht nicht viel, damit der Markt sich dreht."

Quelle: ntv.de