Wirtschaft

Schlimmster Einbruch seit März Schrecken überkommt die Wall Street

Nach den Einbrüchen im März hatte sich die Lage an den US-Märkten eigentlich schon wieder ganz passabel gebessert. Doch Äußerungen der Fed führen nun zu einem Kursmassaker.

Die Wall Street verbuchte den schlimmsten Ausverkauf seit März. Die Aussagen der US-Notenbank hatten bereits am Vorabend für Kursverluste gesorgt, doch ihren wirklichen Schrecken entfalteten sie erst am Donnerstag. "Der trübe Ausblick der Fed trägt ganz entscheidend zum Ausverkauf bei. Der Aktienmarkt hatte fast Scheuklappen auf (...). Investoren hatten sich auf Daten konzentriert, die relativ positiv waren - über Wiedereröffnungen in verschiedenen Stadien, verbesserte Einkaufsmanagerindizes und Arbeitsmarktdaten", sagte Marktstrategin Kristina Hooper von Invesco. Mit einem Schlag habe US-Notenbankgouverneur Jerome Powell diese Überlegungen zunichtegemacht.

DB Dow Jones Indikation
DB Dow Jones Indikation 27.408,00

Diesmal zeigte sich auch die technologielastige Nasdaq deutlich im Minus, nachdem deren Indizes am Vortag gegen den Trend noch Allzeithochs erreicht hatten. Der Dow-Jones-Index stürzte 6,9 Prozent auf 25.128 Punkte ab, S&P-500 und Nasdaq-Composite verloren 5,9 bzw. 5,3 Prozent. Beide wichtigen Nasdaq-Indizes rutschten wieder unter die Marke von 10.000 Zählern, die sie am Vortag erstmals genommen hatten. Dabei standen den 94 (Mittwoch: 805) Kursgewinnern an der NYSE 2.930 (2.164) -verlierer gegenüber. Unverändert schlossen 13 (71) Aktien.

Auslöser für die Baisse an den Börsen waren die Äußerungen der US-Notenbank, die die bislang an den Märkten gespielte "V-förmige" Erholung der Wirtschaft in weite Ferne rücken ließ. Die Federal Reserve hatte von einem starken Konjunktureinbruch gesprochen mit einer anschließend aber nur trägen Erholung. "Wir denken nicht einmal darüber nach, die Zinsen zu erhöhen", hatte Powell unmissverständlich klargemacht.

S&P 500
S&P 500 3.349,50

Hinzu kam die Sorge vor einer "zweiten Welle" bei Corona-Infektionen, deren Zahl in 20 US-Bundesstaaten wieder stieg. Die Gesamtzahl der Infizierten in den USA überschritt die Marke von zwei Millionen, die Zahl der Verstorbenen lag bei über 112.000. Die wöchentlichen Daten zum Arbeitsmarkt waren minimal besser ausgefallen als befürchtet, setzten aber wie auch die gestiegenen Erzeugerpreise keine Akzente.

Dollar und Anleihen steigen

Am Devisenmarkt gewann der ICE-Dollarindex 0,2 Prozent. Außer der gestiegenen Risikoaversion spreche nichts für den Dollar, hieß es. Der Dollar zeigte sich volatil, wobei die Fed-Aussagen in unterschiedliche Richtung wirkten. Einerseits belastete die Ankündigung einer über längere Zeit lockeren Geldpolitik, andererseits war der Greenback als sicherer Hafen wegen der Konjunkturskepsis gefragt. Der Euro sank im späten Geschäft nach einigem Auf und Ab auf 1,1307 nach einem Vorabendkurs von knapp 1,1380.

Der Goldpreis verteidigte seine Vortagsgewinne nicht ganz. Die Feinunze drehte nach den höchsten Preisen seit über einer Woche belastet vom steigenden Dollar 0,4 Prozent ins Minus auf 1.730 Dollar im späten Handel. Die taubenhaften Aussagen der Federal Reserve mit der Aussicht auf eine anhaltende Geldflutung der Märkte lasse das Edelmetall weiter attraktiv erscheinen. Gewinnmitnahmen würden schnell wieder zu Käufen genutzt, hieß es.

US-Rentenpapiere waren nach der Rally des Vortages weiter gefragt, erneut gestützt von der Vorsicht am Aktienmarkt, aber auch von der Fed. Rentenhändler verwiesen nicht nur auf den trüben Konjunkturausblick der Fed, sondern auch auf deren Wertpapierkäufe in gigantischem Ausmaß. Die Zehnjahresrendite bei US-Staatsanleihen fiel um weitere 6,1 Basispunkte auf 0,66 Prozent.

Nasdaq Composite
Nasdaq Composite 11.108,07

Der Ölpreis geriet wie der Aktienmarkt gehörig unter Druck und verbucht den stärksten Preisverfall seit sechs Wochen: Erdöl litt unter US-Lagerbeständen auf Rekordniveau, über die am Vortag berichtet worden war. Die Aussagen der US-Notenbank zur wirtschaftlichen Entwicklung entfachten zusätzlich Nachfragesorgen. Und schließlich war die Bereitschaft zu Gewinnmitnahmen groß, nachdem die Preise seit Ende April einen kräftigen Lauf hinter sich gebracht hatten. US-Leichtöl der Sorte WTI verbilligte sich je Fass um 8,2 Prozent auf 36,34 Dollar, Nordseeöl der Sorte Brent um 7,6 Prozent auf 38,55 Dollar.

Boeing mit 737-Zweifeln in Sinkflug

Verkauft wurde am Aktienmarkt querbeet, wobei zyklische Werte besonders unter die Räder gerieten. Der Bankensektor büßte 9,6 Prozent ein. Die Aussicht ausbleibender Zinserhöhungen bis mindestens 2022 bedrohte die Ertragskraft der Finanzkonzerne. JP Morgan und Goldman Sachs brachen um 8,3 bzw. 9,1 ein. Aber auch im produzierenden Gewerbe fielen die Abschläge ähnlich deftig aus, so sanken Caterpillar um 8,2 Prozent.
Boeing verloren gar 16,4 Prozent. Der Zulieferer Spirit berichtete von vorübergehenden Aussetzungen bestimmter Tätigkeiten und einer Reduzierung der Produktion wichtiger Komponenten der 737 Max, die der Flugzeugbauer verlangt habe. Händler sprachen von neuen Zweifeln für die angestrebte Wiederzulassung der 737 Max. Der Onlinehändler Amazon bekommt wegen seiner Behandlung von Händlern auf seiner Plattform weiteren Ärger mit der EU. Die Aktie gab 3,4 Prozent nach.

Quelle: ntv.de, vpe/DJ