Wirtschaft

Summ, summ ist kein brumm, brumm Die IAA schafft sich selbst ab

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Ein Aktivist von "Sand im Getriebe" liegt bei einer Blockade vor den Toren der IAA.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nicht PS, sondern Ökologie und E-Antrieb haben den Takt auf der größten Automesse der Welt vorgegeben. Langeweile war so programmiert. Statt echter Autos gab es Hightech und seelenlose Konzepte. Die große Show von früher suchten Auto-Fans vergeblich. Drei Lehren lassen sich aus der diesjährigen Veranstaltung ziehen.

Verschärfte Klimaziele, Mobilitätswandel, Konjunkturflaute - Die IAA 2019 stand unter keinem guten Stern. Die Unsicherheit bei den Verbrauchern war ebenso groß wie bei den Autoherstellern. Die Geschäfte laufen bescheiden, was den Schwund sowohl bei den Herstellern als auch bei den Besuchern erklärt. Die ausländische Konkurrenz blieb auf der größten Autoshow der Welt nahezu komplett fern. Nicht nur das war in diesem Jahr anders.

Vor allem dominierte Ökologie, nicht PS, die Veranstaltung. Statt Lobgesängen in der Festhalle gab es vor der Tür Umweltproteste und Anti-Auto-Geschrei. Statt schicker Hostessen Sicherheitspersonal, statt Verbrennern Elektromobilität satt und statt Jubelmeldungen eine Hiobsbotschaft: Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes Deutscher Autobauer (VDA) tritt zurück.

Die Messe hat die Schieflage, in der sich die deutsche Automobilindustrie hineinmanövriert hat, voll und ganz widergespiegelt. Das Wort Krise ist im Kontext der internationalen Wettbewerbsfähigkeit vielleicht irreführend, denn die war mangels eigener Elektroautos ja gar nicht angetreten. Aber das Zusammentreffen von Konjunkturschwäche und heftigen Umweltschutzprotesten gibt doch Anlass zur Sorge. Die IAA 2019 muss als Signal verstanden werden. Denn sie zeigt, was der Autoindustrie noch bevorsteht: Vielleicht nicht der Tod, aber ein ziemlich steiler Abstieg vom Olymp der Übermütigen. Drei Lehren lassen sich dieses Jahr ziehen.

1. Messen à la IAA sind out

Auch wenn viele es nicht wahrhaben wollen: Die IAA als weltgrößte Präsentations- und Verkaufsplattform hat sich überlebt, genauso wie andere Automessen in Paris oder Detroit auch. Das Selbstverständnis der Branche ist ein anderes, was schon die Mottos im Wandel der Zeit zeigen. Vor 25 Jahren lautete es noch breitbeinig und selbstbewusst: "Auto. Echt gut". Der Slogan dieses Jahr: "Driving tomorrow", was wohl eher als Frage denn als Ausruf zu verstehen war.

Automessen sind allenfalls noch etwas für automobile Aufbruchländer wie China. Jedoch nichts mehr für gesättigte und hochentwickelte Länder, wo überdies lauthals nach der Abschaffung des Autos als individuelles Verkehrsmittel gerufen wird. Fast alle ausländischen Autohersteller, mit Ausnahme von Honda, sind Frankfurt fern geblieben. Selbst Europäer wie Renault, Fiat, Peugeot und Opel haben sich rar gemacht. Dasselbe gilt für die Crème de la Crème der Zulieferer.

Die Hälfte aller Hallen war leer und abgesperrt, eine Zuliefererhalle wurde bereits nach dem ersten Messetag geschlossen. Die deutschen Hersteller, Daimler, VW, Audi und BMW, blieben unter sich, haben dabei aber praktisch nur etwa 40 Prozent ihrer früheren Flächen beansprucht. "Es sieht traurig aus", brachte es ein Messebesucher und großer IAA-Fan auf den Punkt.

Die Zeiten haben sich geändert: Internet und moderne Kommunikationsmöglichkeiten sowie veränderte Marktstrategien der Hersteller machen Messen wie die IAA überflüssig. Innovationen über und unter dem Blech sowie Modellneuheiten werden nicht mehr im festen Messeturnus, sondern stets und sofort und in den jeweils wichtigsten Absatzregionen präsentiert - in unserem Fall in China, wo inzwischen jedes dritte Auto weltweit verkauft wird. Oder im Falle der Zulieferer direkt beim Hersteller unterjährig.

2. So ein Programm reißt niemanden vom Hocker

Das diesjährige Motto "Driving Tomorrow" hat das Thema verfehlt, denn leider zielte es am Interesse des Publikums komplett vorbei. Offensichtlich auf Initiative des VW-Konzerns stand im Mittelpunkt ausschließlich die Elektromobilität, vor allem in Form von reinen Elektroautos, und weniger in Form von Hybriden. Und - mangels Ausstellungsobjekten - auch fast gar nicht in Form von Fahrzeugen mit Wasserstoff- und Brennstoffzellen.

Es war ein Schmalspurprogramm, das hinter allen Erwartungen, die moderne Technologien bei Verbrauchern geweckt haben, zurückblieb. Im Mittelpunkt der Frankfurter Autoshow standen nicht neue Autos, sondern allein seelenlose Antriebstechniken. Und es war nichts dabei, was eingefleischte Auto-Fans und Liebhaber satter Motorensounds vom Hocker reißen konnte. Umweltfreundlichere neue Diesel- oder Ottomotoren? Fehlanzeige. Das Herzstück deutscher Ingenieurskunst ist bei den Herstellern offenbar gedanklich schon abgeschrieben. Verbrennerautos wurden auf der IAA verschämt nur am Rande oder im zweiten Stock der jeweiligen Messestände gezeigt.

Auch bei der Suche nach den umweltfreundlichen Alternativen wurde der Besucher enttäuscht. Aufregende emissionsfreie Antriebsquellen wie Wasserstoff oder synthetischer Treibstoff, mit dem der Verbrenner am Leben erhalten würde, gab es ebenfalls nicht. Kein Wunder, dass die Ausstellungshallen leer blieben. "Der Kunde will kein Elektroauto!", das sagt selbst E-Auto Pionier Günther Schuh von der RWTH Aachen, der den StreetScooter und das kleine, billige Elektroauto e.go Life erfunden hat, das sich dem Sagen nach - obwohl billig - nicht verkaufen lässt. Schuh blieb der IAA dieses Jahr fern. Genauso wie Tesla-Chef Elon Musk, der Ur-Vater des reinen Elektro-Autos aus Kalifornien. Dabei hätte er es dringend nötig gehabt. Wenn solche Leute nicht kommen, warum sollte dann überhaupt jemand kommen?

Hinzu kommt, dass Wettbewerbsmerkmale wie Ladekapazität und Reichweiten von Batterien bei E-Autos leider keine Technikfaszination wie ein Zwölfzylinder-Triebwerk wecken. Summ, summ ist kein brumm, brumm, um die Daimler-Werbung für den Smart zu zitieren - der als Verbrenner übrigens nicht mehr gebaut wird, und in Frankfurt nur noch als Elektro-Smart chinesischer Machart angeboten wurde.

3. Ein Aussteller sollte die Show nicht vergessen

Interessant war, dass ausgerechnet die chinesischen Hersteller mit ihren von Umweltaktivisten hochgelobten E-Autos überhaupt nichts vorzuzeigen hatten. Statt echter E-Autos gab es nur Konzeptstudien oder Halbgares, aber nichts, was der Verbraucher hätte kaufen können.  

Das verwundert umso mehr, als das Elektroauto-Feuerwerk, das der Branchenverband VDA unermüdlich seit 2013 auf jeder IAA angekündigt hat, diesmal wirklich breit gezündet hat. Hallenfüller war der erste Voll-Elektro Volkswagen I.D.3, der zum Einstiegspreis von mindestens 30.000 Euro immerhin 300 Kilometer weit fahren soll. Gegen Aufpreis mehr, ähnlich wie Elektro-Pionier Tesla.

Der zweite Star war der erste vollelektrische Porsche Taycan: mit 781 PS, 2,5 Tonnen Gewicht - die Hälfte davon die Batterien - und einer Höchstgeschwindigkeit bis zu 260 Stundenkilometern ist es ein Top-Modell, zu haben für schlappe 185.456 Euro. 30.000 Bestellungen sollen vorliegen, die wenigsten davon vermutlich von IAA-Besuchern, sondern eher von den 1364 Vermögensmillionären in Deutschland.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Daneben gab es eine Fülle technischer Neuerungen vor allem von Zulieferern. Statt schönes Äußeres hatten sie aber nur viel neuen Schnickschnack unter der Motorhaube, und nichts fürs Auge. Batterien und die Größe von Touchscreens sind einfach nicht sexy. Genauso wenig wie ein in die Achse integrierter Elektroantrieb oder ein Fußgänger-Früherkennungssystem, das bei den ständig wachsenden Fußgängerzonen in Innenstädten ohnehin ziemlich überflüssig ist. Messebesucher, potenzielle Kunden, die gekommen waren, um etwas zu sehen und zu erleben, wurden allesamt enttäuscht. Oldtimer Shows sind kein Ersatz für Neuwagen!

"Nach der IAA ist vor der IAA", versuchte der scheidende Präsident des Automobilverbands VDA Bernhard Mattes zum Abschluss Aufbruchstimmung zu verbreiten. Was soll er anderes sagen? Das Schicksal des Verbands hängt größtenteils von den Messe-Einnahmen ab. Die Fakten sprechen eine andere Sprache: Eine halbe Million Besucher sollen dieses Jahr die IAA besucht haben. Vor zwei Jahren waren es noch über 800.000, vor vier Jahren über 900.000. Der Schwund sagt alles: Diese Messe braucht niemand mehr.

Quelle: n-tv.de