Wirtschaft

Lieferengpass stoppt Bauprojekte "Plötzlich gab es das Material nicht"

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Stillstand auf vielen Baustellen: Ein Großteil der Betriebe musste Aufträge verschieben oder absagen.

(Foto: imago images/Jochen Eckel)

Die Auftragsbücher der Handwerksbetriebe in Deutschland sind voll. Trotzdem geht es auf den Baustellen nicht voran. Denn Baumaterial ist schwer zu bekommen. Außerdem ist es teurer denn je.

Der Sommer ist eigentlich eine gute Zeit zum Bauen. Es ist warm draußen und die Tage sind länger. Doch dieses Jahr ist alles anders. Auf den Baustellen fehlt es an fast allem, was beim Bauen gebraucht wird: Holz, Metall oder Kupfer. Das fängt bei ganz grundsätzlichen Baumaterialien an, auf die vieles andere aufbaut, sagt Alexander Barthel im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Er leitet beim Zentralverband des Deutschen Handwerks die Abteilung Wirtschafts-, Energie- und Umweltpolitik. "Jedes Haus braucht ein Fundament. Wenn das Fundament gegossen wird, müssen aber auch schon die entsprechenden Rohre verfügbar sein. Und Rohre für Kanalisation und Stromleitungen sind nun einmal Kunststoffrohre. Wenn wir also aktuell einen massiven Engpass an Kunststoffen haben und diese Kunststoffrohre nicht ausgeliefert werden können, dann stoppt das Bauprojekt bereits bei der Fundamentlegung."

Die Materialmängel gibt es seit etwa Ende 2020, sie haben sich in den vergangenen Monaten aber noch einmal verschlimmert. Nicht nur beim Neubau sind die Lieferprobleme zu spüren, sondern auch Sanierungen geraten ins Stocken. Das hat auch Andreas Rohde gemerkt. Er arbeitet bei einer kleinen Hausverwaltung in Berlin. Die wollte eigentlich nur eine Hausfassade neu streichen lassen. Doch das war schwieriger als gedacht. Denn die Farbe sei nicht mehr bei bisherigen Händler zu bekommen gewesen. "Wir hatten aber das Gerüst schon geordert. Der Künstler war bereit, ein paar Helfer waren angefragt und plötzlich gab es das Material nicht", erzählt Rohde.

Durch Kontakte kam die Berliner Hausverwaltung am Ende doch noch an die Fassadenfarbe, musste sie aber etwas teurer einkaufen. Denn das ist das zweite große Problem. Es gibt nicht nur zu wenig Material, diese Baustoffe sind auch noch viel teurer als sonst. Industrierohstoffe haben im Mai durchschnittlich 14,2 Prozent mehr gekostet als noch einen Monat davor, hat das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut ausgerechnet. Alexander Barthel berichtet von Preissteigerungen von bis zu 200 Prozent und mehr. Ein Extrembeispiel sind Chips, die etwa die Energieversorgung in einem Gebäude steuern können oder Maschinen vernetzen. "Das waren früher, wenn's hoch kam, fünf Euro, die kriegt man nicht mehr unter 50 Euro pro Stück."

China und USA greifen Rohstoffe ab

Handwerksbetriebe können diese Materialien nicht mal eben beim Hersteller um die Ecke kaufen. Sie sind abhängig vom internationalen Markt. Die Lieferwege sind lang, die Rohstoffe kommen zum Beispiel aus Asien oder Südamerika. Und dort kommen die Hersteller mit der Produktion nicht hinterher. Denn sie waren davon ausgegangen, dass die Nachfrage durch die Corona-Pandemie erst mal für eine längere Zeit nachlässt. Deshalb hatten sie ihre Produktion gleich zu Beginn der Pandemie heruntergefahren. Im Frühjahr allerdings ging es mit der Weltwirtschaft wieder aufwärts. China und die USA erholten sich am schnellsten von der Corona-Flaute. Durch das schnelle Hochfahren der chinesischen Industrie sei zum Beispiel Kupfer knapp geworden, sagt Barthel.

Der Holzmangel habe gleich mehrere Gründe gehabt: Ein Borkenkäferbefall in den USA, ein Handelsstreit zwischen Kanada und den USA und angekündigte Exportbeschränkungen seitens Russland. "Das führt alles zu Materialknappheiten, die sich dann entweder in massiven Preiserhöhungen oder auch in deutlich verlängerten Lieferzeiten auswirken", so Barthel. Diese Beispiele machen klar: Die Lieferengpässe hatten nicht nur einen Grund, sondern hier gab es ganz unterschiedliche Auslöser gleichzeitig.

"Wieder was gelernt"-Podcast

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Bis sich die internationalen Lieferketten wieder eingespielt haben, werde es noch Monate dauern, sagt der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen. Wie macht sich das bei den Handwerksfirmen bemerkbar? 84 Prozent der Betriebe mussten Aufträge verschieben oder gleich stornieren, weil das Material fehlt, steht in einer aktuellen Umfrage des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts. Deshalb müssen die Unternehmen ihre Angestellten in Kurzarbeit schicken - obwohl die Auftragsbücher voll sind.

Produktion nach Europa verlagern

Die Probleme im Bauhandwerk sind auch längst in unserem Alltag angekommen. Wer einen Handwerker braucht, um zum Beispiel die Küche ausbauen zu lassen, muss rund zwei Monate warten, sagte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Im Baumarkt stehen die Menschen teilweise vor nur halbvollen Regalen und müssen mehr Geld für Materialien bezahlen. Und Mietwohnungen würden teurer, da die Preissteigerungen zu höheren Baukosten führten, sagte die kommunale Berliner Wohnungsbaugesellschaft Howoge ntv.de. "Baukosten müssen refinanziert werden - bei Mietwohnungen geschieht das durch die Miete."

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Solche Krisen, wie die Flaute durch die Corona-Pandemie kann zwar niemand voraussehen, aber es ist möglich, vorzubeugen und daraus zu lernen, sagt Alexander Barthel. Nämlich, indem wir einfach mehr Dinge wieder in Deutschland und Europa selbst produzieren und nicht aus weit entfernten Ländern hierher verschiffen. Da globale Lieferketten sehr störanfällig seien, "wäre es, denken wir, auch eine große wirtschaftspolitische Herausforderung und Aufgabe, in Deutschland und insgesamt in der EU wieder solche Rahmenbedingungen zu schaffen, dass solche auch strategisch wichtigen Rohstoffe, Materialien, Produkte wieder in Europa hergestellt werden."

Das Ende dieser Krise ist zumindest absehbar. Noch in diesem Jahr werden sich die Weltmärkte entspannen, prognostiziert Alexander Barthel. Die Baustoffe sind dann zwar wieder zu bekommen - etwas teurer werden sie wahrscheinlich aber bleiben. Wie schnell es gehen kann, zeigt der Holzmarkt. Der Index, der die zukünftigen Preise für Holz abbildet, zeigt inzwischen schon wieder deutlich nach unten.

Quelle: ntv.de

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