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Schlachten und Schlaganfall Friedrich verändert Europa

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Friedrich II. als Bronzestatue im brandenburgischen Letschin.

(Foto: dapd)

Friedrich II. ist nicht nur ein Schöngeist, der sich mit Philosophie und Flötenspiel beschäftigt. Seine 46 Jahre lange Regentschaft ist auch durch Kriege gekennzeichnet - mit vielen Siegen, aber auch schmerzlichen Niederlagen. Doch am Ende gewinnt Preußen.

Charmant, liebenswürdig und gebildet - so beschrieben seine Anhänger Kronprinz Friedrich. Liberale Preußen waren erleichtert, als "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. am 31. Mai 1740 das Zeitliche segnete und sein Sohn den Thron bestieg. Preußen werde sich in ihrem Sinne verändern, so hofften sie. Dass sich unter dem jungen Monarchen - Friedrich war zu Beginn seiner Regentschaft 28 Jahre alt - die europäische Landkarte stark verändern würde, ahnte wohl keiner von ihnen.

Zunächst vollzog auch einige Reformen in ihrem Sinne. In diesem Zusammenhang sei seine Toleranz in Glaubensfragen ("Jeder soll nach seiner Facon selig werden.") erwähnt. Auch die Abschaffung der Folter für einige Vergehen sowie mehr Freiheit für die Presse - allerdings wurde die Zensur lediglich gelockert - fanden bei den bislang mit der Knute niedergehaltenen Preußen Zustimmung. Allerdings sollten viele von ihnen vor allen Dingen in den kommenden zwei Jahrzehnten auf den Schlachtfeldern ihr Leben verlieren. Der aufgeklärte, intellektuelle, Flöte spielende und philosophische Diskussionen führende König, der von seinem autoritären Vater jahrelang gedemütigt und mit teils brutalen Methoden auf seine Regentschaft vorbereitet wurde, sollte sich auf außenpolitischem Gebiet genauso wie der Alte als rücksichtslos erweisen. Unter Friedrich II. "erarbeitete" sich das bis dahin in der zweiten europäischen Reihe stehende Preußen den Status einer Mittelmacht. Dies geschah unter Friedrich lange Zeit nicht mit diplomatischen, sondern mit militärischen Mitteln.

In den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts wagte noch niemand daran zu glauben, dass sich das wirtschaftlich gering entwickelte "Streusandbüchsen"-Land Preußen neben Großbritannien, Frankreich, Russland und Österreich behaupten würde. Aber Friedrich erreichte, dass sein Reich zu einem gefürchteten Kriegsgegner mutierte. Während sein gestrenger Vater Friedrich Wilhelm I. hauptsächlich an militärischem Drill und Paraden seiner Soldaten Gefallen fand, sollte Friedrich II. die Armee zu Expansionszwecken einsetzen. Vielleicht war ein Grund der vielen Feldzüge seine von ihm ungeliebte Frau Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern ("Meine alte Kuh"), mit der er sich insgesamt kaum beschäftigte. Jedenfalls fühlte sich Friedrich, als er noch jung und nicht von Gicht, Hämorrhoiden und Zahnausfall geplagt war, bei seinen Soldaten wohler als in den heimischen Schlössern.

Krokodil im europäischen Becken

Friedrich regierte in einer für Europa stürmischen Zeit. Bündnisse entstanden und zerfielen. Dynastische Hochzeiten, Krankheiten und Tode von Monarchen sorgten - als Beispiel seien in dieser Hinsicht Russland und Frankreich genannt - für abrupte politische Kurswechsel. Und der Preußenkönig war in diesem europäischen Krokodilbecken eines der gefährlichsten Reptilien. Er schnappte bereits kurz nach seiner Thronbesteigung zu und entfesselte den Ersten Schlesischen Krieg, der bis zum Separatfrieden von Breslau 1742 andauerte. Friedrich nutzte dabei eine vermeintliche Schwäche Österreichs nach dem überraschenden Tod des habsburgischen Kaisers Karl VI., für den wegen fehlender männlicher Erben seine Tochter Maria Theresia die Herrschaft übernahm, aus. Österreich, das in dieser Zeit von einem Erbfolgekrieg erschüttert wurde, war in Friedrichs Augen ein lohnenswertes Opfer. Zwar gelang es dem preußischen Herrscher, nach einem zweiten Krieg (1744-1745) Schlesien zu sichern. Österreich wurde aber nicht entscheidend geschwächt. Die preußische Aggressivität sorgte unter anderem dafür, dass sich Maria Theresia, die es 1745 immerhin schaffte, ihren Gatten Franz I. Stephan auf den Thron des römisch-deutschen Kaisers zu hieven, verstärkt Frankreich zuwendete.

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Der Preußenkönig nahm Maria Theresia Schlesien weg.

Dort regierte bereits seit vielen Jahren Ludwig XV., seines Zeichens Urenkel des "Sonnenkönigs" Ludwig XIV. und bekannt durch seine Beziehung zur Marquise de Pompadour. Unter dem fünfzehnten Ludwig beendete Frankreich für längere Zeit seine jahrhundertelange Feindschaft zu den österreichischen Habsburgern. Mehr noch: Durch die Hochzeit von Maria Theresias Tochter Marie-Antoinette mit Ludwigs Enkel, der 1793 als Ludwig XVI. während der Französischen Revolution hingerichtet wurde, schmiedeten beide Mächte eine Allianz - ein Fakt, der Friedrich II. im durch ihn mit einem Angriff auf Sachsen entfesselten Siebenjährigen Krieg (1756-1763) Probleme bereiten sollte. Der Wechsel Frankreichs auf die Seite Russlands und Österreichs ließ Preußen mit Großbritannien nur noch einen zwar wichtigen, aber durch Kriege in Nordamerika und Indien beanspruchten Bündnispartner. Glück für den Vabanquespieler aus Preußen war auch die Hinwendung Frankreichs zu seinen überseeischen Besitzungen. In Nordamerika lieferten sich französische Truppen Gefechte mit den Briten um die Vorherrschaft. Dies ließ ein hundertprozentiges militärisches Engagement Frankreichs in Europa nicht zu.

Feindin Elisabeth, Freund Peter III.

Viel gefährlicher für Friedrich II. war Russland, dessen Zarin Elisabeth einen westexpansionistischen Kurs verfolgte und zudem als deutschfeindlich galt. Damit grenzte sie sich von ihrem Vater Peter I. (des "Großen") ab, der bei Hof viele Posten mit Ausländern besetzt hatte. Russland trat zum Jahreswechsel 1756/1757 an der Seite Österreichs in den Siebenjährigen Krieg ein. Die Russen schlugen Friedrich Ende August 1957 in der Schlacht bei Groß-Jägersdorf. Der Weg  in das preußische Kernland war damit frei, hätte Elisabeth nicht einen Schlaganfall erlitten und damit beim kommandierenden Feldmarschall Stjepan Apraxin, der von einem baldigen Tod der Herrscherin ausging, für große Verunsicherung gesorgt. Apraxins Angst vor Thronfolger Peter, der Preußen und Friedrich  große Sympathie entgegenbrachte, sorgte für die Wende. Er befahl den Rückzug nach Tilsit und sorgte mit diesem militärisch verhängnisvollen Schritt dafür, dass Friedrich keine vollständige Niederlage erlitt, von der er sich nicht mehr erholt hätte. Kurzum: Preußen wurde durch den elisabethanischen Schlaganfall gerettet.

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Friedrich- und Preußen-Verehrer: Zar Peter III.

Hätte der arme Apraxin geahnt, dass die Zarin noch bis 1762 leben sollte, hätte die Geschichte mit Sicherheit einen anderen Verlauf genommen. So gab es 1758 bei Zorndorf für die Preußen noch einen Sieg, und 1759 bei Kunersdorf noch eine Niederlage, die aber nicht mehr existenzbedrohend für das Reich war. Spätestens nach der Thronbesteigung des Friedrich-Verehrers Peter III. Anfang 1762 war die Gefahr aus dem Osten für Preußen gebannt. Elisabeths Neffe vollzog einen radikalen Kurswechsel und schloss im Mai 1762 Frieden mit Preußen. Obwohl Peter nur eine kurze Amtszeit beschieden war - bereits im Juli 1762 bestieg seine Frau Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst-Dornburg als Katharina II. den russischen Thron -  drohte Preußen keine Gefahr mehr. Die Zarin war zwar alles andere als eine Anhängerin von Friedrich II., sah aber die Zukunft Russlands im Zugang zum Schwarzen Meer. Sie baute den Machtbereich ihres Riesenreiches nach zwei Kriegen gegen die Türken aus.

Wie bereits erwähnt, war Großbritannien Preußens einziger großer Verbündeter. Allerdings ging es den Herrschenden in London in erster Linie um die Hannover-Besitzung - war doch König Georg II. gleichzeitig Kurfürst von Hannover. Deshalb schlossen sie mit Preußen Anfang 1756 die Konvention von Westminster. Allerdings war die britische Monarchie bereits zu dieser Zeit eine konstitutionelle. Georg überließ die Regierungsgeschäfte weitgehend den Premierministern. Zudem sah Großbritannien in Frankreich seinen Hauptgegner. Der Kampf um Kolonialbesitz bestimmte die Politik in London. Preußen galt als wichtiger britischer Spielball in der Europapolitik. Es sollte Russland möglichst weit aus Deutschland fernhalten. Und diesen Gefallen tat Friedrich den Briten.

Bayerns Anschluss an Österreich verhindert

Preußen behauptete sich im Siebenjährigen Krieg und gehörte nun zum Reigen der wichtigen europäischen Mächte. Die habsburgische Vorherrschaft im politisch zersplitterten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation wurde geschwächt. Allerdings hatte Preußen in diesem Krieg  rund 180.000 Mann verloren. Friedrich II. – mittlerweile 51 Jahre alt -  hat im Verlauf seiner vielen Feldzüge seine körperliche Frische vollständig eingebüßt. Aus dem Feingeist ist ein gnadenloser Zyniker geworden. Die finanzielle Lage des Landes war mehr als angespannt. Mit stillschweigender Duldung des Königs wandte man einen Trick an - bei den Münzen wurde der Silbergehalt verringert.

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Ausgezehrt und zynisch: Friedrich im Herbst seines Lebens.

In Friedrichs letzten beiden Lebensjahrzehnten dominierte die Innenpolitik. So lockerte er zumindest teilweise die Leibeigenschaft. Das preußische Rechtswesen wurde reformiert. Für die Landgewinnung wurden ausnahmsweise friedliche Mittel eingesetzt - so erfolgte die Trockenlegung des Oderbruchs.

Außenpolitisch gab es noch zwei bemerkenswerte Ereignisse in Europa. So vergrößerte sich Preußens Territorium 1772 durch die Annexion von Gebieten im Rahmen der ersten Teilung Polens. Friedrich nannte sich nun nicht mehr König in Preußen, sondern König von Preußen. Auch drehte er zum Ende der 1770er Jahre noch einmal das große europäische Rad. Österreichs Kaiser Joseph II., Sohn von Erzherzogin Maria Theresia und ihres 1765 verstorbenen Mannes Franz I. Stephan, wollte im Rahmen des Bayerischen Erbfolgekrieges den von Wien besetzten Teil der Niederlande, das heutige Belgien, gegen große Teile von Bayern eintauschen. Friedrich vereitelte dies. Ihm ist es damit zu verdanken, dass Bayern kein Teil Österreichs wurde. 1780 verstarb auch Friedrichs große Gegenspielerin Maria Theresia - der Preußenkönig überlebte sie um sechs Jahre.

Großer Gebietszuwachs 

Friedrich II. hinterließ nach seinem Tod am 17. August 1786 ein deutlich vergrößertes Preußen. Durch den Zugewinn von Westpreußen (mit Danzig, Elbing und Thorn) schuf er eine Verbindung zwischen dem alten Herzogtum Preußen (Ostpreußen) und der Mark Brandenburg. Dazu kam Schlesien (1742) mit der größten Stadt Breslau. Kleinere Gebiete wie Ostfriesland (1744) und das im Osten gelegene Ermland (1772) kamen hinzu. Unter König Friedrich Wilhelm II. - er war der Sohn von Friedrichs Bruder August Wilhelm und dessen Frau Luise Amalie - erfuhr Preußen im Rahmen der zweiten Teilung Polen 1793 einen weiteren Gebietszuwachs. Es verleibte sich das Gebiet zwischen Posen, Warschau und Tschenstochau - auch Südpreußen genannt - ein.

Somit geht Friedrich II. als "der Große" in die Geschichte ein. Er, der sich selbst als "ersten Diener des Staates" bezeichnete, war ohne Zweifel ein aufgeklärter absolutistischer Herrscher. Für die Durchsetzung außenpolitischer Interessen ging er allerdings auch über Leichen. Bei den Schlesischen Kriegen und im Siebenjährigen Krieg - er marschierte ohne Kriegserklärung in Sachsen ein - gebärdete sich der König und Feldherr als Aggressor.

Preußen wurde im 19. Jahrhundert trotz zwischenzeitlicher Rückschläge die treibende Kraft bei der späten Bildung der deutschen Nation, die 1871 in der Reichseinigung von oben mündete. Unter Ausschluss Österreichs wurden die hohenzollerschen Preußenkönige Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. deutsche Kaiser. Letzterer sollte mit der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg 1918 das Ende der Monarchie in Deutschland und Preußen besiegeln. Den endgültigen Todesstoß für Preußen besorgte dann der nationalsozialistische Verbrecher Adolf Hitler, der Deutschland ins Verderben führte. 1945 hörte Preußen de facto auf zu bestehen. Große Teile des ehemaligen Preußens sind für Deutschland unwiederbringlich verloren.

Quelle: ntv.de

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