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Kostbare Stradivari oder nicht? Jahresringe können Fälschungen entlarven

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Die "Ex Nachez"-Stradivari wurde 2003 bei Sotheby's für 1.150.000 Euro versteigert. Das Instrument stammt von 1716.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Geigen von Stradivari oder Guarneri sind Millionen wert. Allerdings nur dann, wenn die alten Saiteninstrumente auch wirklich echt sind. Darüber können die Jahresringe des Holzes Aufschluss geben. Die Methode hat jedoch eine Schwäche.

Eine Analyse der Jahresringe im Holz von Geige, Bratsche oder Cello kann dabei helfen, das Alter des Instruments zu bestimmen. Die Methode würde Aufschluss über Alter und Herkunft des verwendeten Holzes geben, ohne den Instrumenten zu schaden, berichtet Paolo Cherubini von der Schweizer Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) im Fachmagazin "Science".

Alte Saiteninstrumente gehören zu den begehrtesten und wertvollsten Kunstwerken der Welt. Das zeigen etwa die "Vieuxtemps", eine Violine des Geigenbaumeisters Guarneri del Gesù aus dem Jahr 1741, die 2012 für über 16 Millionen US-Dollar (13,65 Mio. Euro) den Besitzer wechselte. Oder die "Lady Blunt"-Stradivari von 1721, die 2011 für rund 11,6 Millionen Euro versteigert wurde. Beide Instrumente gelten als Beispiel für die Kunstfertigkeit der berühmten norditalienischen Geigenbauer des 16. bis 18. Jahrhunderts. Nicht nur professionelle Musiker bescheinigen ihnen ein überlegenes Klangbild. Obwohl 2017 eine französische Studie und zuvor schon einige Blindtests die klangliche Überlegenheit in Zweifel zogen, sind die raren Streichinstrumente bei Musikern und Kunstsammlern gleichermaßen begehrt und erzielen bei Verkäufen und Auktionen Höchstpreise.

"Niemand will an einer Stradivari herumkratzen"

Umso wichtiger ist es, festzustellen, ob es sich bei den kostbaren Instrumenten tatsächlich um eine Stradivari oder Guarneri handelt. Eine Überprüfung von Stil, Design, Konstruktionsdetails und Lackierung reiche oft nicht aus, um deren Echtheit zu bestätigen, schreibt Cherubini nun in "Science". Umso wichtiger könnte es sein, Alter und Herkunft des Holzes zu bestimmen, etwa durch eine Radiokarbondatierung oder durch eine Erbgutanalyse. "Aber für solche Analysen braucht es Holzspäne, und niemand will an einer Stradivari herumkratzen", so Cherubini in einem zum "Science"-Artikel veröffentlichten Beitrag der WSL. Er plädiert daher dafür, Holzjahresringe zu nutzen, um das Alter der Instrumente zu analysieren und so deren Authentizität festzustellen. Diese Datierungsmethode wird Dendrochronologie genannt. Sie beruht darauf, dass sich das Alter von Bäumen an ihren Jahresringen ablesen lässt, die die Umweltbedingungen widerspiegeln: In wärmeren Perioden wachsen die Ringe dicker als in kälteren.

Die Jahresringe finden sich im Holz, aus dem ein Streichinstrument gebaut ist. Für deren Analyse werde ihre Breite entweder direkt auf dem Instrument oder auf Fotografien gemessen, beschreibt Dendrochronologe Cherubini: "Man kann das Holz auch im Computertomografen oder MRI untersuchen oder die Bilder mit Computerprogrammen analysieren." Im nächsten Schritt werde die Abfolge der Jahresringe mit bereits datierten Jahresringserien von Bäumen verglichen, die aus der Herkunftsregion des Holzes stammen, aus dem das Instrument gebaut worden sei. Eine andere Möglichkeit sei der Vergleich mit Instrumenten, von denen man sicher wisse, wer sie gebaut habe: "Man braucht aber immer eine Referenz-Serie von Jahrringen."

Woher stammt das Holz?

Für diese Referenz müsse man wissen, woher das Holz stammte, das die berühmten Geigenbauer nutzten - tatsächlich eine Schwäche der Methode, wie Cherubini einräumt: "Oft gibt es hierzu nur Legenden, Geschichten und Mythen." Helfen könnte ein Abgleich mit öffentlichen Datenbanken, wie der US-amerikanischen "International Tree Ring Database", deren Datensätze aber nicht immer ausreichten. Holzforscher Cherubini sagt deshalb: "Wir brauchen neue, öffentliche Chronologien, zusammengestellt beispielsweise aus lebenden Bäumen und Holzbalken, die in alten Häusern verbaut sind."

Und nicht für alle Instrumente eigne sich die Methode, so Cherubini weiter, denn zunächst einmal müssten sich genügend Jahresringe im Holz finden, um eine statistisch robuste Aussage zum Alter treffen zu können - hierfür seien mindestens 50 bis 70 Ringe nötig: "Deshalb geht das bei einem Bass einfacher als bei einem Cello, und bei einem Cello einfacher als einer Bratsche." Die Decke oder der Rücken einer Geige habe gewöhnlich gerade noch genug Ringe: "Wenn die Holzinstrumente zu klein sind, funktioniert es nicht mehr."

Zudem müssten sich Musiker und Kunstsammler klarmachen, wie exakt eine dendrochronologische Datierung überhaupt sein könne, schreibt Cherubini weiter: Diese könne "nur das Datum bestimmen, vor dem das Instrument mit Sicherheit nicht hergestellt wurde", also den sogenannten "terminus post quem" (lateinisch für "der Zeitpunkt, nach dem"). Und auch für die Zeit nach dem "terminus post quem" müssten Unwägbarkeiten berücksichtigt werden: "Das Holz kann jahrelang gelagert worden, oder beim Bau können Holzbereiche mit jüngeren Jahrringen verlorengegangen sein." Manchmal hätten die Geigenbauer auch sehr altes Holz wiederbenutzt. "Aber wenn Gasparo da Salò im 16. Jahrhundert gelebt hat und ein Baum im 17. Jahrhundert gewachsen ist, kann sein Holz nicht in einer Gasparo da Salò-Geige verbaut sein", fasst Cherubini zusammen.

Quelle: ntv.de, Alice Lanzke, dpa

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