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"Nicht nur psychiatrisch" Magersucht kann genetisch bedingt sein

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Die Folgen von Magersucht können tödlich sein.

(Foto: picture alliance / dpa)

Unter Experten gilt Magersucht als psychiatrische Krankheit, die auch psychotherapeutisch behandelt wird. Einer Forschergruppe zufolge gibt es aber zudem eine Veranlagerung für die Essstörung in den Genen. Diese Entdeckung könnte helfen, die bislang sehr schlechten Therapieerfolge zu steigern.

Bislang galt Magersucht als rein psychiatrische Erkrankung - doch einer neuen Studie zufolge könnte sie auch eine Stoffwechselerkrankung und somit genetisch bedingt sein. Zu dieser Erkenntnis kommt eine Forschergruppe aus 17 Ländern, über die die Fachzeitschrift "Nature Genetics" berichtet. Auch die Universität Duisburg-Essen war an der Untersuchung beteiligt. Demnach besitzen Magersüchtige offensichtliche genetische Veränderungen, die das Halten eines gesunden Körpergewichts erschweren können.

Wie der Name der Essstörung vermuten lässt, hungern sich Magersüchtige mit Extremdiäten auf ein ungesundes Gewicht herunter und belasten ihren Körper damit massiv. Obwohl sie auffallend dünn sind, empfinden sie sich selbst als zu dick - die Folgen können tödlich sein. Frauen sind mit 1 bis 4 Prozent deutlich häufiger von der Krankheit betroffen, die in der Medizin Anorexie genannt wird, als Männer mit 0,3 Prozent. Behandelt werden sie ambulant oder stationär mit psychotherapeutischer Betreuung - doch genau da liegt den Autoren zufolge der Fehler.

Für ihre Studie verglichen die Forscher die DNA von fast 17.000 Magersüchtigen mit einer Kontrollgruppe von mehr als 55.000 gesunden Menschen. Dabei konnten sie acht Regionen im Erbgut identifizieren, in denen es genetische Veränderungen gibt, die entweder offensichtlich mit der Magersucht zu tun haben, an ihrer Entstehung direkt oder indirekt beteiligt sind oder zumindest einen Risikofaktor darstellen.

Erkenntnisse erklären schlechte Therapieerfolge

Ein Vergleich mit anderen Erkrankungen zeigte, dass es Überlappungen dieser acht Genbereiche gibt, die auch bei Angst- und Zwangsstörungen eine Rolle spielen. Auch die genetische Basis der Magersucht schien zum Teil dieselbe zu sein wie die bestimmter Stoffwechselstörungen - etwa im Fett- und Zuckerstoffwechsel und der Appetitkontrolle. Die Forscher vermuten, dass Betroffene aufgrund dieser genetischen Veränderung von vornherein nicht in der Lage sind, ein gesundes Körpergewicht zu halten.

"Metabolische Störungen bei Anorexie-Patienten werden häufig als Folge des Hungerns gedeutet. Doch unsere Studie zeigt, dass Unterschiede im Stoffwechsel auch zur Krankheitsentstehung beitragen könnten", sagt der Genetiker Gerome Breen vom King's College in London, der die Studie gemeinsam mit US-Forschern an der University of North Carolina leitete. Bei den Betroffenen könnten entsprechende Hungersignale fehlen oder anders justiert sein.

Untersucht wurden fast ausschließlich Europäer, daher sind die Ergebnisse nicht auf andere Ethnien oder Kulturen übertragbar. Dennoch bedeute die Studie, "dass wir Magersucht und andere Essstörungen nicht mehr als rein psychiatrisch oder psychologisch behandeln können", so Breen weiter. Die neuen Erkenntnisse trügen dazu bei, die schlechten Therapieerfolge der Ärzte zu erklären. Für Behandlungsmöglichkeiten sollten daher künftig sowohl psychologische als auch metabolische Treiber in Betracht gezogen werden, schließen die Autoren.

Quelle: ntv.de, lri