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ntv.de fragt Dr. Specht Warum erkranken Kinder selten an Covid-19?

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Kinder scheinen gegen das Virus Sars-CoV-2 besser gewappnet als ältere Menschen.

(Foto: imago/Westend61)

Ältere Menschen sind durch das neuartige Coronavirus besonders gefährdet - Kinder hingegen kaum. Im Gespräch mit ntv.de erklärt der Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht, was der Grund dafür sein könnte, und warum Kinder dennoch zur Ausbreitung der Pandemie beitragen.

ntv.de: Herr Dr. Specht, vor allem ältere Menschen zählen bei Covid-19 zur Risikogruppe. Kinder scheinen jedoch weitgehend verschont zu bleiben.

Dr. Specht: In der Tat sind Kinder weniger gefährdet durch das neue Covid-19-Virus, das ja Sars-CoV-2 genannt wird. Sonst ist es ja häufig so, dass die Älteren, Vorerkrankten, Immungeschwächten und auch kleine Kinder von solchen Krankheiten besonders betroffen sind. Das ist jetzt hier anders. Kinder gehören nicht speziell zur Risikogruppe.

Aber Kinder werden trotzdem infiziert?

Ja, Kinder können sich genauso anstecken und sie können auch das Virus weitergeben. Es ist auch bekannt, dass die Viruslast, also die Menge an Viren, die Kinder produzieren und auch weitergeben können, besonders hoch ist. Das ist nichts Besonderes, sondern auch bei anderen Erkältungskrankheiten der Fall. Selbst erkranken Kinder aber relativ wenig oder selten an dem neuartigen Erreger. Manchmal sogar ohne Symptome und wenn doch, dann nur mit geringen.

Warum zeigen sich Kinder so widerstandsfähig gegen das neue Coronavirus?

Das weiß man nicht genau. Es gibt jedoch verschiedene Theorien. Eine, von der ich glaube, dass sie gut zutreffen könnte, besagt, dass das junge Immunsystem in einem Kind noch besonders aktiv ist. Und zwar vor allen Dingen das unspezifische Abwehrsystem. Man muss ja unterscheiden zwischen der spezifischen Abwehr und der unspezifischen. Die spezifische Abwehr richtet sich gegen ganz bestimmte Erreger. Sie ist bei Kindern noch sehr wenig ausgeprägt, weil ihr Körper zunächst Erfahrungen mit vielen verschiedenen Erregern sammeln muss.

Kinder haben aber, weil das Immunsystem noch jung ist, eine sehr aktive unspezifische Abwehr. Unspezifisch heißt, dass diese eben nicht auf spezielle Erreger ausgerichtet ist, sondern ganz allgemein etwa auf Viren, Bakterien und Pilze reagiert. Und laut der genannten Hypothese bietet diese aktive unspezifische Abwehr im Fall von Sars-CoV-2 einen Vorteil für die Kinder. Und ich glaube, da könnte auch wirklich was dran sein.

Wenn Kinder infiziert werden, dabei keine Symptome zeigen, aber eine hohe Virenkonzentration aufweisen - sind sie womöglich ein Treiber der Infektionswelle?

Kinder waren und sind immer schon starke Verbreiter von Viren und Erregern gewesen. Wenn man sich mal umschaut in der Welt, in den USA zum Beispiel, dort werden auch gerade kleine Kinder gegen die jährliche Grippe geimpft. Das machen wir in Deutschland nicht, außer es liegen Vorerkrankungen bei den kleinen Kindern vor. Die Begründung in den USA dafür ist, dass die Kinder nicht sonderlich schwer an der Grippe erkranken, also ähnlich wie bei Covid-19, aber das Virus besonders gut übertragen. Und dann stecken sich wieder die Älteren an, die besonders empfänglich sind und ein nicht mehr so gutes Immunsystem besitzen. Im Fall von Covid-19 ist es also wie bei der Grippe: Kinder können die Krankheit übertragen, deshalb auch die Schließungen von Schulen und Kitas.

Mit Dr. Christoph Specht sprach Kai Stoppel

Quelle: ntv.de