Unterhaltung

"Der Fall Richard Jewell" Atlanta 1996 - wenn Medien vorverurteilen

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Richard Jewell (Paul Walter Hauser) wird übel mitgespielt.

(Foto: imago images/Everett Collection)

Schlagzeilen und Bilder haben eine Macht, der sich kaum jemand entziehen kann. Oft sind sie leichter zu verstehen und zu verbreiten, als die Komplexität, der sie vage entstammen. Warum ist das so? Und sollten wir als kultivierte Gesellschaft nicht besser sein?

Richard Jewell starb 2007 mit nur 44 Jahren an Herzversagen in Woodbury, Georgia. Elf Jahre zuvor, am 27. Juli 1996, entdeckte Richard im Centennial Olympic Park in Atlanta, wo damals die Olympischen Sommerspiele stattfanden, einen Rucksack mit Rohrbomben. Das schnelle und beherzte Handeln des Wachmanns, der in der Anlage für eine private Sicherheitsfirma arbeitete, rettete vermutlich vielen Menschen das Leben. Richard Jewell wurde als "Held von Atlanta" gefeiert. TV-Interviews, ein nicht mehr stillstehendes Telefon, sogar ein Buchvertrag winkte.

Nach drei Tagen jedoch war der Zauber vorbei. Aus dem Zusammenhang gerissene Behauptungen ehemaliger Arbeitgeber rückten Richard Jewell in den Kern der FBI-Ermittlungen - in Anbetracht der Umstände ein normaler Vorgang. Die Überprüfung jedes Verdächtigen dient dem Nachweis der eigenen Unschuld. Als die Medien jedoch davon erfuhren, wurde aus dem strahlenden Helden binnen Stunden der vermeintliche Täter, der "einsame Bombenleger", der "übergewichtige Einzelgänger", der "gescheiterte Hilfssheriff", der "Schülerlotse, der es im Leben nie zu etwas gebracht hat".

"Alle sollten froh sein, diesen Kerl geschnappt zu haben", war der öffentliche und mediale Konsens. Ohne Beweise, ohne Anklage wurde Richard Jewell zum Terroristen gemacht, der Menschen ermordete, um sich im Blut der Toten als Retter zu präsentieren. Die Medien machten Richard zu einem Monster, denn optisch und von seinen Lebensumständen her passte dieser "fette Pseudo-Polizist" ja so schön in die starre Schablone, die die Gesellschaft für diese Art von Tätern vorgesehen hat.

Soziale Medien sind kein Gerichtssaal

"Oscars & Himbeeren"

Immer freitags präsentiert Ronny Rüsch "Oscars & Himbeeren", den ntv-Podcast rund ums Streamen. Diese Woche dabei außer "Der Fall Richard Jewell": Samuel L. Jackson und Anthony Mackie in "The Banker", Kenneth Branagh als Shakespeare in "All is True" und das deutsche Drama "Und morgen die ganze Welt".

"Oscars & Himbeeren" - Informativ. Unterhaltsam. Kompakt. In der ntv-App, bei Audio Now, Spotify und Apple Podcasts.

Meister-Regisseur und Film-Legende Clint Eastwood, der in diesem Jahr 91 Jahre alt wird, hat mit seinem neuesten Film "Der Fall Richard Jewell" ein weiteres subtiles Genrewerk geschaffen und setzt gleichzeitig ein filmisches Mahnmal gegen mediale Vorverurteilung. Denn gerade in diesen Zeiten, in denen viele Menschen ihre Informationen und Meinungen durch nicht verifizierte und dubiose Social-Media-Kanäle beziehen, wird es immer wichtiger, auf explizierte und unabhängige Prüfung von Fakten zu bestehen. Eine TV-Show, eine Tageszeitung oder ein Instagram-Account sind kein Gerichtssaal. Rechtsprechung findet nicht am Frühstücks- oder Stammtisch statt. Menschen werden aufgrund von unparteiischen Ermittlungen und Beweisen verurteilt, nicht aufgrund von Stimmungen, Aussehen, Lebensumständen, Zeitgeist oder einer einzelnen Meinung oder Vorliebe.

"Der Fall Richard Jewell" soll uns daran erinnern, was eine zivilisierte und kultivierte Gesellschaft definiert. Auch wirft er die Frage auf, inwieweit jeder von uns empfänglich ist für derlei Vorverurteilung. Zu oft geben wir einem ersten Impuls nach, bilden einen unerschütterlichen Standpunkt zu einem Thema oder einer Person, ohne alle Fakten zu kennen oder zu berücksichtigen. Das mag im Kleinen verständlich sein, sollte im Großen aber nicht über das Schicksal von Richtig und Falsch, von Gefängnis oder Freiheit oder gar von Leben und Tod entscheiden.

Neben der ausführlichen Kritik zu "Der Fall Richard Jewell" reden Ronny Rüsch und Axel Max in der neuen Podcast-Folge von "Oscars & Himbeeren" außerdem über Samuel L. Jackson und Anthony Mackie, die eine Bank kaufen wollen, über Kenneth Branagh, der einen tollen Shakespeare mimt und darüber, warum das deutsche Drama "Und morgen die ganze Welt" mehr Fragen stellt als es Antworten gibt.

"Oscars & Himbeeren" - der ntv-Podcast - wo sich jeden Freitag alles rund um Streaming-Dienste wie Netflix, TVNOW, Amazon Prime & Co. dreht.

Quelle: ntv.de

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