Bücher

Wissensdurstiger Frauenmaler Leonardo fragte, scheiterte und brach Tabus

imago51381263h.jpg

Wie funktionieren menschliche Muskeln? Nur eine der Fragen, die da Vinci umtrieb.

Leonardo da Vinci diente mörderischen Herren, verbündete sich mit den Damen, spielte virtuos die Lyra und fragte, fragte, fragte. Doch wie sah das Multitalent eigentlich aus? Und warum markieren seine Gemälde einen Wendepunkt in der Geschichte der Malerei?

Viel ist bereits über den Künstler, Erfinder, Ingenieur und Gelehrten Leonardo da Vinci geschrieben worden. Ebenso viel gerätselt und spekuliert. Und doch können neue Deutungsansätze noch immer faszinieren. Das zeigen zwei Biografien, die pünktlich zum 500. Todestag des Renaissance-Stars aus der Toskana erschienen sind.

In Bernd Roecks Buch "Leonardo" begegnet den Leserinnen und Lesern "der Mann, der alles wissen wollte", so der Untertitel. Warum beschnüffeln sich Hunde gegenseitig am Hinterteil? Woher beziehen Muskeln ihre Kraft? Kaum eine Frage, die Leonardo nicht zu ergründen versuchte. Und kaum eine Errungenschaft der Moderne - von der Schraube über den Roboter bis hin zum Helikopter -, die er nicht bereits erdachte. Aber Leonardo war nicht nur ein großer Visionär. Auch im Scheitern war er riesig. Die meisten seiner Projekte blieben Papier.

ANZEIGE
Leonardo: Der Mann, der alles wissen wollte
EUR 28,00
*Datenschutz

Roeck gibt in seinem Buch einen Überblick über die Geschichte der (un)vollendeten Kunstwerke und Erfindungen. Souverän und kenntnisreich entwirft er ein anschauliches Panorama der Renaissance und ihres Zeitgeists. Auch die düstere Seite voller Krieg, Mord und Intrigen spart er nicht aus. Nebenbei entlarvt er mit seiner faktenbasierten Herangehensweise so manchen "Nonsense-Leonardismus", zum Beispiel die Annahme von Sigmund Freud, dass Leonardos Kreativität eine Kompensation seiner unterdrückten homoerotischen Neigung gewesen sei. Roeck stellt klar: Leonardo lebte, soweit es möglich war, seine Homosexualität aus.

Eine anschauliche Charakterstudie des Universalgenies darf natürlich auch nicht fehlen. So soll Leonardo ein heiterer, charmanter und eloquenter Zeitgenosse gewesen sein. Er galt als herausragender Sänger und Lyra-Spieler und unterhielt seine Gäste mit obszönen Witzen. Religiös war er nicht, wurde aber mit Heiligendarstellungen wie dem "Letzten Abendmahl" zum Top-Verdiener seiner Zeit. Nur Michelangelo kassierte mehr.

Malen mit Eichhörnchenhaaren und Urin

Auch an Leonardos Alltag darf die Leserschaft teilhaben. Sie schaut ihm über die Schulter, wenn er mit einem Pinsel aus Eichhörnchenschwänzen Farbe aufträgt, der Aquavit, Arsen oder Urin beigemischt ist. Ob Leonardo sich deswegen seine Hände mit Rosenwasser parfümierte? Über seinen Speiseplan geben zahlreiche Listen Aufschluss. Er aß Saubohnen, Buchweizen, Pomeranzen und Maulbeeren, schon morgens genoss er Wein.

Aber, so Roeck, Leonardos facettenreiche Persönlichkeit weise auch gehörige Widersprüche auf: "Der milde Vegetarier, der keinem Floh etwas zuleide tat, diente mörderischen Herren wie Ludovico Sforza oder Cesare Borgia. Derselbe Humanist, der alle verdammte, die das Wunderwerk Mensch zu töten wagten, und der den Krieg einen 'völlig bestialischen Wahnsinn' nannte, erfand Waffen, die von teuflischer Phantasie zeugen."

Leonardo-da-Vinci-honorarfr.jpg

Phantombild eines Genies: Könnte Leonardo so ausgesehen haben?

(Foto: Dr. rer. nat. Grit Schüler, Forensisches Institut Zürich)

Ein ganz besonderes Geheimnis möchte der emeritierte Historiker dem rätselhaften Leonardo dann doch noch entlocken. Das Bild von dem gealterten da Vinci mit ernstem Blick und langem Bart hat wohl jeder im Kopf. Doch wie sah er als jüngerer Mann aus? Zusammen mit dem Forensischen Institut Zürich hat Roeck ein Phantombild erstellt, das sich an einem Leonardo-Porträt und zeitgenössischen Überlieferungen orientiert. Es zeigt einen entsprechend der damaligen Mode rasierten Mann um die 40 mit ebenmäßigen Gesichtszügen (er soll "schön" gewesen sein) und braunem Haar (die er sich vermutlich mit Nusswasser färbte).

Tödliche Fensterstürze

Sich selber scheint Leonardo nie gemalt zu haben. Dafür gibt es von ihm gut ein Dutzend Gemälde, für die als gesichert gelten kann, dass er sie alleine, also ohne Mitarbeit einer Werkstattgemeinschaft, angefertigt hat. Mit zwei Ausnahmen sind auf ihnen Frauen, wie die "Mona Lisa" und die nicht minder berühmte "Dame mit dem Hermelin", zu sehen. Sie bilden den Mittelpunkt von Kia Vahlands Biografie "Leonardo da Vinci und die Frauen".

ANZEIGE
Leonardo da Vinci und die Frauen: Eine Künstlerbiographie
EUR 26,00
*Datenschutz

Um die Lebensrealität der Frauen zur Zeit der Renaissance war es schlecht bestellt. Sie hatten in der Regel keine Rechte und ihre Aufgabe war es, zahlreiche Kinder zu bekommen. Ihre Fähigkeit zur Liebe wurde angezweifelt und es kursierte der Ratschlag an die Männer, sie sollten ihre Gattinnen "wie Nachttöpfe behandeln und nach Gebrauch wegsperren", zitiert Vahland. Und so waren sie ins Haus verbannt, das sie in Begleitung nur für den Kirchgang verlassen duften. Immer wieder kam es zu tödlichen Unfällen, wenn Frauen versuchten, einen Blick auf das Treiben in den Straßen zu erhaschen und aus dem Fenster fielen.

Leonardo brach Tabus

Auch in den weiblichen Porträts der Zeit spiegelt sich dieser Umgang mit Frauen: Im "keuschen Profil" sind sie in geschlossenen Räumen zu sehen. Leonardo widersetzte sich dieser Konvention und begegnete den Frauen mit Wertschätzung. In seinen Werken befreit er sie aus den Innenräumen ihrer Häuser, sie wenden ihr Gesicht selbstbewusst dem Betrachter zu, um mit ihm in einen Dialog zu treten.

Ginevra de' Benci, Wiki Aavindraa.jpg

Das "erste psychologische Porträt überhaupt": die Ginevra de' Benci.

(Foto: Wikipedia / Aavindraa)

Das Bild der Florentinerin Ginevra de' Benci ist ein frühes Dokument dieser Tabubrüche. Leonardo fängt ihr Wesen ein: Vor üppig wuchernder Natur lässt er die Dichterin mit sensiblem, ein wenig in sich versunkenem Blick im Dreiviertelprofil aus dem Bild schauen und trotzdem Distanz wahren. Laut Vahland handelt es sich um das "erste psychologische Porträt überhaupt".

Die heutige Wahrnehmung von Leonardo als "Techniknarr und virilem Mustermann", der Waffensysteme und Flugapparate erfindet, sei durch eine Da-Vinci-Schau geprägt worden, die zur Zeit der Faschisten 1939 in Mailand stattfand. Vahland möchte diesen einseitigen Blick wieder entzerren. Und das gelingt ihr: Äußerst plastisch und detailreich erzählt die Kunsthistorikerin und Journalistin davon, wie Leonardo einen Wendepunkt in Sachen weiblicher Selbstbestimmung ermalte. Ihrer These zufolge hat er "so viel für die Sichtbarkeit von Frauen getan wie kein anderer Maler".

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema