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Unpassend und schwierig Meine Siri (Hustvedt)

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Intellektuelle Ikone: Siri Hustvedt

(Foto: Marion Ettlinger)

Wenn ich den skandinavischen Namen Siri höre, denke ich nicht an eine Software, sondern an die Schriftstellerin Siri Hustvedt. Gemeinsam ist beiden, dass sie mich klüger machen. Von Hustvedt gibt es nun gleich zwei Updates.

Es gibt, so schreibt Siri Hustvedt in ihrem Essayband "Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen", eine Tradition des Besitzens, um große Künstler für sich in Anspruch nehmen. Emily Dickinson habe "Meine George Eliot" so in Besitz genommen, die Dichterin Susan Howe wiederum "Meine Emily Dickinson" und Siri Hustvedt selbst "Meine Louise Bourgeois". Dann also: Meine Siri Hustvedt.

Das erste, was ich von Siri Hustvedt las, war "Was ich liebte". Ein komplexer Roman über New York, Kunst, psychologische Störungen und schwierige Beziehungen zwischen befreundeten Paaren, Vätern und Söhnen. Fasziniert verschenkte ich das Buch mehrmals und stieß auf ebenso große Begeisterung - oder Befremden. Solche düsteren Bücher würde ich lesen? Das passe doch gar nicht zu mir.

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Was ich liebte
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Ich fand das Buch nicht düster. Ich wusste nicht, was daran nicht zu mir passen sollte. Ich wusste nur, dass "Was ich liebte" mir Lust gemacht hatte, mich mit einer Art Kunst zu beschäftigen, wie sie im Roman vorkam. Dass Siri Hustvedts Gedanken zu historischen Phänomenen wie Hysterie mir plausibel erschienen und meinen Horizont erweiterten. Dass die düstere Figur des einen Sohnes mich an Pubertierende in meiner Umgebung erinnerte.

Nicht zuletzt hat die Art, wie Hustvedt ungeniert aus verschiedensten Themengebieten, von Kunstgeschichte, über Geschlechtertheorien bis hin zur Neurologie und Psychoanalyse ihre Essays und Romane webt, mich ermutigt, meine Steckenpferde in meine Texte einzubringen - mögen diese auch schon mal aus alten TV-Serien bestehen.

Spiel mit der Autobiografie

Da Hustvedt ihr umfassendes Wissen nicht nur in Romane, sondern auch in Essays und Vorträge gießt, finden sich in diesem Jahr gleich zwei Bücher meiner Siri auf den Gabentischen der Buchhandlungen: Der bereits erwähnte Essayband "Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen" und der autobiografische, oder besser gesagt mit autobiografischen Elementen spielende Roman "Damals" (im Original: "Memories of the Future").

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Damals
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Das Spiel geht auf, denn natürlich habe auch ich in der Hauptfigur S.H., die aus dem ländlichen Minnesota nach New York zieht, um dort zu einer Romanautorin zu werden, prompt die gefeierte Autorin gesehen. Habe mir einige Seiten weiter die über 60-Jährige, die in einer Kiste das alte Tagebuch der jungen S.H. aus dem Jahr 1978 findet, blond und ätherisch vorgestellt. Habe wissend genickt, als von einer Tochter die Rede war, die gerade an ihrem neuen Album arbeitet. Denn kommt meine Siri nicht tatsächlich aus Minnesota? Hat sie nicht tatsächlich eine Tochter, die singt?

Doch gerade als ich mich quasi in ihrem Brooklyner Brownstone Haus befand, um ihren Erinnerungen zu lauschen, erinnerte Hustvedt mich daran, das "Damals" vor allem ein Roman ist. Und nannte etwa den Ehemann der älteren S.H. einfach Walter, nicht Paul (Auster), und ließ ihn einen einst rothaarigen Experten in Mathematik sein.

Handbücher zu den Romanen

Ich hätte vorgewarnt sein können. Denn im neuen Essayband, das ebenfalls auf meinem Nachttisch lag, geht Hustvedt unter anderem der Frage nach, wie verlässlich unsere Erinnerungen sind und wie manipulativ wir uns unsere Biografie zusammen basteln. Wie schon bei vorhergehenden Sammelbänden liefert sie mit mit den "Essays über Kunst, Geschlecht und Geist aus den Jahren 2011 -2015" quasi ein Erklärbuch zu ihren Romanen.

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Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen: Essays über Kunst, Geschlecht und Geist
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Beim Lesen von "Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen" lerne ich also noch mehr über neurologische und psychologische Phänomene und wundere mich nicht, als deutsche Medien Hustvedt nach den Zitterattacken der Kanzlerin zu Rate ziehen - hatte meine Siri doch in dem Buch "Die zitternde Frau" ausführlich darüber berichtet, wie sie selbst bei Vorträgen vor Publikum von solchen Anfällen geplagt wird.

Wie anstrengend das Leben einer Frau in der Öffentlichkeit sein kann, vor allem das einer Intellektuellen, ist auch eines der wiederkehrenden Motive in ihren Romanen: So lässt Hustvedt in "Damals" ihr Alter Ego S.H. in Ohnmacht fallen, nachdem sie bei einer Dinnerparty ihren angriffslustigen Gesprächspartner auf einen philosophischen Denkfehler aufmerksam macht, dazu Descartes zur Hilfe ruft und auf Wittgenstein verweist.

Ideen immer wieder aufzugreifen, ist auch für den Bestsellerautor Paul Auster, seit 1982 mit Hustvedt verheiratet, typisch. Während Auster jedoch von der Kritik dafür gefeiert wird, seine Lebensthemen so lange zu wiederholen, bis ein Meisterwerk wie "4 3 2 1" daraus entsteht, wird seiner Frau auch schon mal Besserwisserei und weiblicher Narzissmus unterstellt. Auch von weiblichen Kritikerinnen. Vielleicht liegt das daran, dass von Schriftstellerinnen immer noch eine "leichtere" Literatur erwartet wird: "Zugänglichkeit wird heute seltsamerweise als Wert an sich verstanden", schreibt Hustvedt. "Selten wird daran erinnert, dass das, was leicht zugänglich ist, was ohne Mühe gelesen werden kann, gewöhnlich sehr ähnlich ist wie das, was wir davor gelesen haben. Es ist das Bedürfnis, seine eigene Weltsicht bestätigt zu bekommen."

Ob Essays oder Romane  - ich kann meiner Siri tatsächlich bei weitem nicht immer und auf allen Gedankengängen folgen. Vielleicht passen Hustvedts Bücher also wirklich nicht zu mir. Aber mit jedem neuen Buch passen sie besser.

Quelle: n-tv.de

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