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Das Ende einer Kindheit Wie eine Zwölfjährige den Ukraine-Krieg erlebt

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Die Menschen in Charkiw gehören zu den ersten, die den Krieg erlebten.

(Foto: REUTERS)

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Millionen Ukrainer sind vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen. Auch die zwölfjährige Yeva verlässt mit ihrer Großmutter Charkiw. In ihrem Tagebuch, das nun als Buch veröffentlicht wird, beschreibt sie das Unfassbare aus der Sicht eines Kindes.

Yeva Skalietska ist ein Mädchen wie so viele. Sie geht zur Schule, spielt Klavier, malt gerne. Am 14. Februar 2022 feiert sie ihren zwölften Geburtstag. Zehn Tage später ist in ihrem Leben nichts mehr wie vorher: Russische Truppen greifen die gesamte Ukraine an - auch Charkiw, ihre Heimatstadt.

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Was der Krieg für ein junges Mädchen bedeutet, verdeutlicht das nun erschienene Buch "Ihr wisst nicht, was Krieg ist". Es besteht aus Tagebucheinträgen Yevas, in denen diese das Kriegsgrauen beschreibt. Es ist die erste Kriegsgeschichte, in der die Kinder im WhatsApp-Chat über die Explosionen simsen. Jedes Kapitel beschreibt einen bestimmten Zeitraum des Krieges, Fotos dokumentieren das Grauen. Gleichzeitig ist es mit verschiedenen Meldungen - von der "New York Times" bis hin zur "Kyiv Post" - versetzt, wie etwa einer Nachricht vom 24. Februar von der "Washington Post": "Entfernte Explosionen in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, zu hören."

Der Großangriff beginnt - und Yeva versteht zuerst nicht, was vor sich geht. Sie hat Angst, Panik, ist verzweifelt und wehrlos. Wohin soll sie fliehen? Was soll sie tun? In der Nähe ihres Wohnhauses, in dem sie mit ihrer Großmutter wohnt, da ihre Eltern im Ausland arbeiten, kommt es zu Explosionen. Gemeinsam flüchten sie zunächst in einen Bunker. Dann wird die Situation immer gefährlicher und sie ziehen zu einer Freundin der Großmutter. Bomben fallen, Menschen sterben. Yeva erlebt ihre ersten Panikattacken.

Hoffen auf die Flucht

Auch andere Menschen sind verzweifelt und panisch. Sie kaufen die Geschäfte leer, viele begeben sich auf die Flucht. Yeva und ihre Großmutter wollen sich in die Westukraine retten. Doch am Morgen nach einem erneuten Artilleriebeschuss ist das Internet abgeschaltet. Die Züge, die die Menschen aus Charkiw bringen, sind überfüllt. Von ihrer Mutter erhält Yeva ständig Telefonnummern von Taxis in Charkiw, doch sie kann niemanden erreichen. Also entscheiden sich ihre Großmutter und sie dazu, erstmal abzuwarten.

"Wir haben keine Chance" schreibt Yeva am siebten Tag in ihr Tagebuch. "Das Leben war doch so schön vor dem Krieg! Ich will mein altes Leben zurück." Sie liegt im Bett, verzweifelt, hoffnungslos. Gelegentlich lenkt sie sich ab, malt, spielt, isst. Es fühlt sich fast an wie ihr altes Leben - bis wieder neue Explosionen die Stadt erschüttern. Auch die ständigen Kriegsnachrichten auf dem Handy sind deprimierend: "Kranke Kinder von Putins Bombardierung aus den Krankenbetten gezwungen", schreibt der "Independent" am 8. März 2022.

Großmutter Irina ist immer dabei, sie ermutigt sich selbst und Yeva. Sie gibt nicht auf und sucht nach Wegen, aus Charkiw rauszukommen. Als die Situation völlig aussichtslos erscheint und das Mädchen schon glaubt, dass sie die Stadt niemals werden verlassen können, kommt die Rettung: Zwei Freiwillige vom Roten Kreuz holen sie ab. Unter Beschuss fliehen sie aus der Stadt nach Dnipro, wo sich Yeva endlich wieder sicher fühlt. Danach geht es weiter in die Westukraine nach Uschhorod. Dort gibt sie Channel 4, einem britischen Fernsehsender, ihr erstes Interview als Geflüchtete und erzählt über ihr Tagebuch. Da sie in Uschhorod allerdings keine Wohnung finden und das neue Schuljahr bald beginnt, geht ihre Odyssee weiter. Sie verlassen die Ukraine: Erst geht es nach Wien, dann nach Irland. An ihrem ersten ersten Schultag ist sie in Dublin.

Die Worte des Krieges

Auf ihrem Weg treffen das Mädchen und seine Großmutter immer wieder gute und freundliche Menschen, die ihnen helfen. Zugleich erweitern Yeva und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ihren Wortschatz. Begriffe, die nie zuvor eine Rolle spielten, gehören plötzlich zum alltäglichen Sprachgebrauch in ihrer WhatsApp-Gruppe: "Maschinengewehr", "Raketen", "Gemeinschaftskeller", "Ausgangssperre", "Explosionen", "Luftschutzsirene". In einer Welt voller Unsicherheit und ständiger Angst wird aus dem naiven Kind auf eine Art frühzeitig eine Erwachsene, die schnell lernt, welche Werte im Leben wichtig sind.

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Wer "Ihr wisst nicht, was Krieg ist" liest, sollte kein literarisches Meisterwerk erwarten. Doch dafür ist es eine reale Geschichte über einen Krieg, der hier und jetzt mitten in Europa stattfindet. Ein Krieg, den sich kaum jemand so vorstellen konnte. Erzählt aus der Perspektive eines Mädchens, das - wie so viele Kinder - Details sieht, die Erwachsenen oft entgehen.

Yeva weiß jetzt, was Krieg ist. Und vielleicht hilft ihr Buch uns, das, was wir haben, zu achten und zu schätzen. Denn das Mädchen verliert trotz der Schrecken des Krieges nicht die Hoffnung: "Ich danke Gott und allen guten Menschen, die ich auf meinem Weg getroffen habe. Alles wird gut. Daran glaube ich ganz fest!"

Quelle: ntv.de

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