Kino

"Du kommst hier nicht rein!" Berghain, Berlinale, Berliner Szene-Flair

2019-01-24_BOUNCER_Plakat_A4_300dpi.jpg

Plakat zum Film "Berlin Bouncer" - die Hauptdarsteller sind Sven Marquardt, Frank Küster und Smiley Baldwin (v.l.).

(Foto: Farbfilm-Verleih)

Hunderte Partywütige werden jeden Freitag und Samstag vor den Türen der Berliner Clubs abgewiesen - häufig nach ein bis zwei Stunden Wartezeit in der Schlange. Bei der Premiere zum Türsteherfilm "Berlin Bouncer" auf der Berlinale ist das nicht anders, Situationskomik inbegriffen.

Berlinale-Angestellter: "Sie können nicht mehr rein."
Mann im grauen Trenchcoat: "Dann will ich mein Geld zurück!"
Frau in blauer Daunenjacke: "Darf ich denn noch rein?"
Berlinale-Angestellter: "Ich habe bereits Nein gesagt!! NEIN! NEIN! NEIN!" (schließt die Tür mit einem Wumms)

*Datenschutz

Die Clubszene der deutschen Hauptstadt ist eine der angesagtesten der Welt. Ihr bekanntestes Aushängeschild, der Technoclub Berghain, gilt als "die härteste Tür" Europas. Mit den Filmen "Berlin Bouncer" und "Schönheit und Vergänglichkeit" porträtieren gleich zwei Filme der Berlinale den mächtigsten Mann des Party-Wochenendes: den Türsteher. Allerdings schafft es nur einer der beiden Filme hinter Gesichtstätowierung und breite Schultern zu blicken.

Von Beruf "Exzessbetreuer"

"Jeden Abend malt man ein Bild aus den Gästen, die man reinlässt. Für das Bild bin ich dann verantwortlich", sagt Smiley Baldwin in David Dietls Dokumentarfilm "Berlin Bouncer". Smiley kam in den 80er-Jahren als US-Militärpolizist nach Berlin und erzählt, er habe es sofort gespürt: sein Herz und der Puls der Stadt schlagen synchron. Er blieb und wurde Türsteher.

Frank Künster kam dagegen für ein BWL-Studium aus Nordrhein-Westfalen nach Berlin. Er erzählt, in der Feier-Kultur der Hauptstadt habe er sich viel wohler als im Hörsaal gefühlt. Da er weder trinke noch musikalisch sei, blieb eben nur noch der Job an der Tür. Jetzt beschreibt sich Künster am liebsten als "Exzessbetreuer".

Der Bekannteste und Charismatischste im Bund ist Sven Marquardt, Türsteher des "Berghain" und Fotograf. Über seine mittlerweile knapp drei Jahrzehnte in dem Business sagt er lachend: "Wenn ich mal das Zeitliche segne, dann komme ich bestimmt in so 'ne Hieronymus-Bosch-Zwischenhölle, wo ick immer irgendwo klopfe, und die so: 'Nee, du nicht!'"

An der Ostsee und beim Nacktshooting

537d22e31e8df087723bfde372225980.jpg

Bei der Premiere von "Berlin Bouncer" saßen Sven Marquardt (M.) und Frank Künster (r.) auch im Publikum.

(Foto: imago/Photopress Müller)

Alle drei hat David Dietl über Jahre hinweg mit der Kamera begleitet und interviewt. Der Film handelt vom Älterwerden in einem Beruf, der das eigentlich nicht vorsieht. Der Zuschauer fliegt mit Smiley Baldwin auf die Virgin Islands zu seinem Onkel, begleitet Sven Marquardt zum Ruhetanken an die Ostsee und zeigt Frank Künster beim Nacktshooting mit jungen Models. Der Film ist unterhaltsam. Ein Blick unter die Haut, hinter die Klischees, gelingt ihm aber leider nicht.

Dass es auch anders geht, zeigt der Dokumentarfilm "Schönheit und Vergänglichkeit" von Annekatrin Hendel. Auch hier geht es um ein Triumvirat aus Berlin. Wieder mit dabei: Sven Marquardt. Diesmal gemeinsam mit Robert Paris und Dominique Hollenstein, zwei Weggefährten aus seiner Punk-Zeit. Das Spannende hier ist: Die drei Freunde aus dem Ostberliner Bohème der 80e- Jahre haben am gleichen Punkt begonnen, schließlich aber komplett unterschiedliche Wege eingeschlagen.

Punk bleibt Punk

Marquardt, Paris und Höllenstein waren abwechselnd mal verliebt ineinander, mal gegenseitiger Familienersatz. Lange waren Hollenstein und Paris die wichtigsten Models für den damals als Fotografen arbeitenden Marquardt. Paris fotografierte auch, allerdings keine Menschen, sondern seine Heimat. "Berlin war damals meine Stadt. Jetzt ist es nur noch eine Stadt", sagt er melancholisch, aber ohne Bitterkeit. Er ist zum Islam konvertiert und pendelt mittlerweile zwischen Berlin und Südindien, wo er Frau und Tochter hat.

Marquardt steht immer noch fast jedes Wochenende an der Tür des Technoclubs. Besonders in den letzten Jahren wird er auch als Fotograf immer gefragter - zweifellos auch aufgrund seiner Bekanntheit durch das "Berghain". Sein Stil ähnelt den Besuchern, die er an der Tür durchwinkt: viel Schwarz, viel Haut, viele Tätowierungen. Noch heute sind alte Bilder seiner Freunde Paris und Hollenstein in fast jeder seiner Ausstellungen zu sehen.

schoenheit.jpg

Auch in "Schönheit und Vergänglichkeit" spielt Sven Marquardt eine zentrale Rolle.

(Foto: itworksmedien)

Dominique Hollenstein, genannt Dome, lebt mit ihren acht Katzen auf einem Hof. Zum Broterwerb, wie sie sagt, macht sie Rosen aus Leder, die sie am liebsten auf Kunstmärkten an reiche Bayern verkauft. "Die bezahlen gut und sind gar nicht so verklemmt, wie man denkt", erzählt sie kichernd.

Porträt einer Subkultur

Für eine Ausstellung fotografiert Marquardt seine älter gewordene Muse zum ersten Mal seit 1992. Die Bilder sind gut, sehen aber nicht nach einem echten Sven Marquardt aus, entscheiden die beiden. "Na, das ist doch klar", sagt Hollenstein. Sie sehe eben ganz anders aus als seine jetzigen Modelle. "Ich habe immer noch keinen Pieks tätowiert, lebe nur mit meinen Katzen und war noch nie in deinen dunklen Höhlen tanzen."

Beide grinsen. Die eigensinnigen Punks der 80er sind immer noch da. Bei Paris ist es ähnlich. Er arbeitet lieber als Schlosser denn als Fotograf für etwas, an das er nicht glaubt.

Früher habe man sich häufig gefragt, ob Ruhm und Geld glücklich machten, fasst Hollenstein es zusammen. Jetzt wüsste sie sicher, glücklich wird nur, wer authentisch bleibt. Irgendwie haben das alle drei geschafft.

Der Regisseurin ist etwas Besonderes gelungen: Die Geschichte des Trios wird zum Porträt einer ganzen Subkultur. Wie wird man älter, wenn die Heimat plötzlich nicht mehr existiert, wie es nach dem Ende der DDR der Fall war? Sven Marquardt hat eine eigene Antwort auf diese Frage gefunden: "Berlin hat uns gelehrt, Schönheit in Zerfall und Vergänglichkeit zu sehen."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema