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Sven Marquardt sieht jetzt klar Vom Pummelpunk zum "Berghain"-Bewacher

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Sven Marquardt hat schon als Türsteher gearbeitet, als er noch keine Tattoos im Gesicht hatte - aber "sie sind schon nützlich, schaffen Distanz".

(Foto: dpa)

Sven Marquardt ist vielen Nachtmenschen als Türsteher des Berliner Clubs "Berghain" bekannt. Aber hauptsächlich ist er Fotograf. Über sein Leben in der DDR und danach und warum Klarheit für ihn der neue Rausch ist, erzählt er in "Die Nacht ist Leben".

Sven Marquardt wird von vielen gefürchtet - von denen, die sich den halben Abend vorbereitet, gestylt und gefreut haben, um dann nach stundenlangem Schlangestehen von ihm vielleicht ein "Nein, du kommst hier nicht rein" zu hören. Oder vielleicht auch nur vor seiner martialischen Ritterrüstung aus Gesichtsmetall und Tattoos. Sein Tagebuch, wie er selbst sagt - denn seine Tätowierungen stehen für eine bestimmte Zeit in seinem Leben, für bestimmte Personen.

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Sven Marquardt bei der Vorstellung von "Die Nacht ist Leben" am 14. August.

(Foto: Andrea Beu)

So erzählt er es in seiner Autobiografie "Die Nacht ist Leben" und so erzählt er es bei der Buchvorstellung Mitte August in Berlin. Zu der erscheint er mit seiner Ghostwriterin Journalistin Judka Strittmatter (wie der Name vermuten lässt: sie ist Erwin Strittmatters Enkelin). Wie er ist auch sie in der DDR groß geworden, ihr hat er sein Leben in die Feder oder eher ins Diktiergerät erzählt. Bei Spaziergängen oder an ihrem heimischen Küchentisch sitzend. Sie siezen sich immer noch, auch nach all den Monaten, und begründen das mit "professioneller Distanz". Eine gegensätzliche Paarung: sie im rosa Wallekleid, bisschen bieder, er: natürlich in Schwarz, schwere Schuhe, viel Schmuck, Totenkopfringe - wie man ihn eben kennt. Wer ihn noch nie getroffen hat, wird überrascht: er ist kein Lautsprecher, eher zurückhaltend.

Buch als Therapie

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Rosen, Dornen, Reichsapfel, Totenköpfe: eine Hand voller Symbole.

(Foto: dpa)

Auf die Frage nach den Gründen für die Autobiografie meint Marquardt an jenem Abend, "die Arbeit an dem Buch war ein bisschen wie Therapie." Denn - und das erzählt er im Buch überraschend offen - auch er hat seine dunklen Stunden und die nicht zu knapp. Er liebt das Melancholische, Düstere, Dunkle, sagt er - nun, das ist nicht wirklich überraschend. Jeder, der einmal seine Fotografien gesehen hat, weiß das. Oft auf Friedhöfen, schwarz-weiß, morbide, die Themen Tod und Abschied ... Die Fotografie, das ist wohl seine eigentliche Liebe, die "Arbeit an der Tür", wie Marquardt es formuliert ("ich sehe mich mehr als Gästebetreuer"), ist mehr so ein Nebenjob.

Den er allerdings schon seit etwa zwei Jahrzehnten hat: Irgendwann in den Neunzigern, als der Osten Berlins noch wild und rau und unschick war, machte sein Bruder "DJ Jauche" in einem ehemaligen Schuhladen in den S-Bahn-Bögen am Hackeschen Markt für kurze Zeit einen Club auf (heute nennt man so was "temporäre Zwischennutzung") und fragte Sven, ob er den Türsteher machen würde. So fing alles an, später kam dann das Ostgut und kurz nach dessen Schließung der Nachfolger Berghain.

Ein kleines Stückchen Berlin

Warum nun dieses Buch? Eine Autobiografie mit 52 - nun gut, da haben schon Jüngere zugeschlagen (etwa Boris Becker mit 36) und Sven Marquardt hat genug Spannendes erlebt in seinem Leben, er kann was erzählen. Und genau das war seine Idee: erzählen, und zwar eine Berlin-Geschichte. Weil er glaubt, dass sein Leben für das Berlin von damals und von heute steht - "jedenfalls ein ganz kleines Stückchen."

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Pummelpunk mit Shamtu-Iro: Sven Marquardt 1985 in der U-Bahn neben einem Volkspolizisten.

(Foto: © Jörg Knöfel)

So mancher in West und auch in Ost wird beim Lesen staunen über das Stückchen Ost-Berlin, das in "Die Nacht ist Leben" aufersteht - was es für verschiedene Parallelwelten in der DDR, in dem Fall in deren Hauptstadt, gab. Schließlich, und so sieht er sich auch selbst, war Marquardt ein Außenseiter und hat ein Außenseiterleben geführt, als Punk in ständiger Auseinandersetzung mit der Mutter und den Staatsorganen, als Schwuler des Nachts in den einschlägigen Bars; fast ohne Geld, aber mit einem großen Freiheitsgefühl. Denn "weil wir in der DDR leben, brauchen wir kaum Geld, denn unsere Wohnungen kosten im Monat nur zwei, drei Zehner und ein Brötchen 5 Pfennig. ... Wir leben 'in Grenzen frei', wie es der Titel einer Berliner Foto-Ausstellung von 2009 mit Bildern aus dieser Zeit auf den Punkt bringt. Wir stehen auf, wann wir wollen, machen die Nächte durch, und wichtig ist, dass Shamtu grün da ist. Ein Haarspray aus dem Westen, das mit der größten Klebekraft. Das Ost-Haarspray taugt nichts, aber ein Punk, der etwas auf sich hält, hat einen festsitzenden Iro", so beschreibt Marquardt sein Leben in den 1980ern.

Wilde Zeiten

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"Die Nacht ist Leben" ist bei Ullstein erschienen und kostet 14,99 Euro.

(Foto: Ullstein)

Da geht es schillernd zu wie bei der Kostümbildnerin Dome alias Dominique aus Pankow, allein in einer Acht-Zimmer-Wohnung lebend, mit Katzen und Schildkröte, "eine New-Wave-Ausgabe von Marilyn Monroe". Oder abgeranzt und heruntergekommen wie in den Altbauwohnungen in Berlin-Prenzlauer Berg, die sie besetzen. In Nachbarschaft mit der Bohème (auch wenn ihm "der Begriff Bohème und seine Bedeutung damals total fremd waren") - dort lernt er über dessen Schwester Jenny Robert Paris kennen, den Sohn der bekannten Fotografin Helga Paris, mit dem ihn in den nächsten Jahren eine sehr enge Freundschaft verbindet, eine Seelenverwandtschaft. In Helga Paris' großer Künstlerwohnung mit Flügeltüren und Wandgemälden (in der sie bis heute wohnt) treffen sich Künstler, werden Schauen des Modetheaters "Allerleihrauh" veranstaltet. Auch er fängt mit ihrer Unterstützung an zu fotografieren, arbeitet später sogar für die angesehene DDR-Zeitschrift "Sibylle" als Modefotograf und hat einige Ausstellungen.

Eine freie, unbeschwerte Zeit, möchte man meinen, aber die Repressalien durch die Obrigkeit wegen seines punkigen Äußeren (welches ihm schließlich ein "Mitte-Verbot" einbrachte) und vor allem die Ausreisewelle Mitte/Ende der 80er legen schwere Schatten darüber: "Die Prenzlauer-Berg-Szene schrumpft in diesen Jahren immer mehr zusammen. Viele hauen ab, ... unsere Nachbarschaft blutet aus. Und wir werden alle immer dünnhäutiger. Kaum noch ein Gespräch in Wohnzimmern und Kneipen, das sich nicht um die Frage dreht: Gehen oder bleiben?"

Drogen, Sex, Rausch

Aber es geht in "Die Nacht ist Leben" nicht nur um seine Zeit in der DDR, sondern natürlich auch um die nicht minder spannende Zeit, die danach kam. So wie er schon zuvor viel im Nachtleben Ost-Berlins unterwegs war, vor allem in den Schwulen-Etablissements, stürzt er sich nach Mauerfall voll in die Westberliner Clubszene. Drogen, Sex, ein Leben von Rausch zu Rausch ("Ich will nur noch eins: die nächste Party, den nächsten Rausch"), ist viel in der Fetisch- und Lederschwulenszene unterwegs. Nach seinem Job als Schuhverkäufer am Schöneberger Winterfeldtplatz fängt er schließlich "an der Tür" an und da arbeitet er bis heute. Erst viele Jahre im Ostgut (an dessen Stelle nun die Mehrzweckarena O2 World steht), dann schließlich im viel beschriebenen und geradezu sagenumwobenen Club Berghain in einem ehemaligen Heizkraftwerk.

Den gibt es nun schon seit zehn Jahren und nach all der Zeit, all den Nächten in der "Gästebetreuung", schreibt Marquardt, "habe ich gute Antennen dafür, wer stört und wer Ärger macht und welche Gäste eine gute Mischung für die Nacht ergeben". Und er amüsiert sich über die App "How to get into Berghain", die TechCrunch 2013 entworfen hatte und die einem durch die Clubtür und an Sven Marquardt vorbei helfen sollte. Wie man das schafft, das verrät er im Buch natürlich auch nicht - wer danach sucht, wird enttäuscht. Aber man kann mit ihm beim Lesen auf eine Zeitreise gehen und einen Blick auf (Ost-)Berlin werfen, wie man es vielleicht nicht kannte oder kennt.

Vor allem natürlich auf das Nachtleben - das Marquardt selbst inzwischen, wie er versichert, ohne Drogen, ohne Zigaretten und mit nur noch wenig Alkohol genießt. Immerhin ist er 52 und hat irgendwie auch schon alles erlebt, und das nicht zu knapp. Vor dem Dienst noch ein gesundes Knäckebrot, einen ordentlichen Spritzer Patschuli (zum Schrecken der Berliner Taxifahrer) und im Club dann Banane und Schokoriegel. Denn er hat für sich erkannt: "Klarheit ist der neue Rausch".

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Quelle: n-tv.de