Unterhaltung
Yasmin Raeis in einer überzeugenden Darbietung.
Yasmin Raeis in einer überzeugenden Darbietung.(Foto: NFP)
Donnerstag, 07. Juni 2018

"Auf der Suche nach Oum Kulthum": Frau sein in Zeiten des Aufruhrs

Von Sabine Oelmann

Für Mitra geht ein Traum in Erfüllung: Sie dreht den Film über ihre Heldin Oum Kulthum. Im Zentrum steht der Preis, den die Ikone für ihren Erfolg in einer konservativ-muslimischen Gesellschaft zahlen musste. Welchen Preis muss sie, Mitra, zahlen?

Für diesen Film muss man sich Zeit nehmen. Zeit, um in die Figuren hineinzuspüren, um sie zu verstehen. Keine Action, keine schnellen Schnitte, keine laute Musik - und dennoch eine ganz große Intensität. Die zu überwiegenden Teilen von den Hauptdarstellerinnen getragen wird.

"Auf der Suche nach Oum Kulthum" ist die Geschichte einer Mutter und Regisseurin, die viel mit sich selbst und ihrem Familienleben - dem nicht existenten - zu tun hat. Die versucht, alles unter einen Hut zu bringen. Dabei wird in diesen Film alles ausgespart, was dem Kinobesucher sonst gnadenlos um die Ohren gehauen wird, der Zuschauer muss sich sein eigenes Bild zusammenpuzzeln. Wir erfahren nichts über die Hintergründe, warum der Sohn seine Mutter nicht sieht, oder umgekehrt, warum die Arbeit die kreative Mitra schier aufzufressen droht. Auch erfährt man nicht, was konkret ihre Sinneswandel auslöst - es geschieht einfach. Vielleicht so, wie im ganz normalen Leben? Die Verwandlung von der Darstellerin der Oum Koulthum (Yasmin Raeis) und auch die Wandlung der Regisseurin plus die Wandlung der Zeiten gehen parallel einher.

Stimme von Generationen

Der Film startet am 7. Juni in den deutschen Kinos.
Der Film startet am 7. Juni in den deutschen Kinos.(Foto: NFP)

Die Bilder sind wunderschön, sie erzählen viel ohne Worte. In "Auf der Suche nach Oum Kulthum" nähert sich Shirin Neshat einer der herausragendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts in der arabischen Welt. Die ägyptische Sängerin Oum Kulthum wird als "Maria Callas des Orients" gefeiert und hat sich in einer männerdominierten Welt behauptet wie keine vor und kaum eine nach ihr. Selbst 40 Jahre nach ihrem Tod wird Oum Kulthum in der muslimischen Welt verehrt und ihre Gesangsstücke millionenfach gehört. Ihre unvergessliche Stimme erlangte zudem eine politische Dimension, die selbst im Westen gehört wurde. Und für Mitra (Neda Rahmanian) geht ein Traum in Erfüllung: sie kann endlich den Film über ihre Heldin drehen. Im Zentrum ihres Films stehen die Opfer und der Preis, den Oum Kulthum für ihren Erfolg in einer konservativ geprägten, muslimischen Gesellschaft zahlen musste. Doch welchen Preis muss sie, Mitra, zahlen? Die Sorge um ihren verschwundenen Sohn und die zunehmende Schwierigkeit, den Mythos Oum Kulthum sowie die Frau und Künstlerin dahinter zu ergründen, führen letztlich zu Mitras emotionalem und künstlerischen Zusammenbruch.

Neda Rahmanian als Mitra
Neda Rahmanian als Mitra(Foto: NFP)

Auch der ewige Konflikt zwischen Mann und Frau am Arbeitsplatz wird nicht ausgepart. Der Konflikt, den die wahre Künstlerin Oum Kulthum hatte - eine Frau zu sein und eine Ikone, ein Nationalheiligtum, eine die allen gehört - auch das ist trefflich dargestellt. Und auch der Konflikt zwischen Wahrheit und Fiktion wird nicht ausgespart - so muss Mitra ihren eigenen künstlerischen Ansprüchen gerecht werden, aber auch denen, die die Fans der Sängerin an die Authentizät der Geschichte noch immer haben. 

Bei dem Thema darf natürlich die wunderbare Filmmusik nicht unerwähnt bleiben - und am Ende steht die Frage: Gibt es tatsächlich immer eine Lösung? Nein. Muss man trotzdem weitermachen? Ja.

Nach "Women without Men" (2009) ist "Auf der Suche nach Oum Kulthum" der zweite Spielfilm der iranisch-amerikanischen Künstlerin Shirin Neshat. Seine Weltpremiere feierte der Film auf dem Filmfestival von Venedig. Im Anschluss präsentierte das Internationale Filmfestival von Toronto den Film in seiner Reihe Contemporary World Cinema.

Der Film startet am 7. Juni in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de