Hörbücher

Wiederentdeckt in Corona-Zeiten Was "Die Pest" von Camus so zeitlos macht

imago97796637h.jpg

Mit solchen Schnabelmasken behandelten Ärzte vor allem im Mittelalter Pestpatienten.

(Foto: imago images/Christian Ohde)

Die Lektüre von Camus' "Die Pest" schien nie besser zu passen, als in der Corona-Pandemie. Denn der Stoff bietet nicht nur Parallelen zu heute, er spendet auch ein wenig Trost. Aktuell ist der Roman vergriffen. Macht aber nichts, denn es gibt ein wirklich gutes Hörspiel.

In Zeiten, in denen die vertrauten Koordinaten der Welt aus dem Gleichgewicht geraten, erleben oft literarische Klassiker eine Renaissance. 2015 nach dem tödlichen Terroranschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" lasen die Menschen Voltaires Traktat "Über die Toleranz" von 1763, in dem der Philosoph gegen religiösen Fanatismus anschreibt. Als die Trump-Beraterin Kellyanne Conway vor drei Jahren den Begriff der "alternativen Fakten" erfand, fühlten sich viele an "Neusprech" und "Doppeldenk" erinnert und katapultierten George Orwells Dystopie "1984" auf die Bestsellerlisten.

Auch für die Coronakrise ist ein sogenanntes "Buch der Stunde" ausgerufen worden: "Die Pest" von Albert Camus. In seinem 1947 veröffentlichten Roman erzählt der französische Existenzialist davon, wie die Einwohner der nordalgerischen Hafenstadt Oran sich ein Jahr lang gegen die titelgebende Seuche stemmen. Natürlich sind Pest und Corona nicht vergleichbar, ebenso wenig die medizinischen Bedingungen damals (das Buch spielt in den 1940er-Jahren) und heute. Und doch gibt es Parallelen zur derzeitigen Pandemie.

Ratten bringen den "Schwarzen Tod"

In Oran kriechen plötzlich die Ratten aus ihren Löchern, zu Tausenden verenden sie auf den Straßen und vor den Wohnungstüren. Kurz darauf schwellen bei den ersten Menschen die Lymphknoten in Leisten und Achseln auf Apfelsinengröße an, immer mehr sterben an einem heimtückischen Fieber: Die Pest ist zurück. Doch trotz unmissverständlicher Warnungen wollen die örtlichen Behörden die Seuche nicht beim Namen nennen und lehnen Vorsichtsmaßnahmen ab. Als sich die rasante Ausbreitung nicht mehr leugnen lässt, wird für die Kranken Quarantäne angeordnet und schließlich die komplette Stadt abgeriegelt.

Erst die Lage herunterspielen, dann drastische Maßnahmen ergreifen - mit dieser Vorgehensweise haben Regierungen vieler Länder auch in der aktuellen Situation ihre Bürger massiv verunsichert. Es sind solche Anknüpfungspunkte, die den Roman auf eine gewisse Art zeitlos machen. Wer ihn allerdings lesen möchte und ihn nicht zu Hause im Regal stehen hat, muss sich ein wenig in Geduld üben: Das Buch ist vergriffen, der Rowohlt-Verlag druckt momentan die 90. Auflage.

ANZEIGE
Die Pest: Hörspiel (2 CDs)
15,59 €
*Datenschutz

Aber es gibt andere Möglichkeiten, sich mit dem Stoff vertraut zu machen. Zum Beispiel das gleichnamige zweieinhalbstündige Hörspiel, beim Audio Verlag erschienen, das die Zuhörer tief in die Atmosphäre einer verstörten Gesellschaft eintauchen lässt. Man hört die Ratten elendig fiepen, die Sterbenden wimmern, Krankenwagensirenen. Die musikalische Untermalung ist sparsam: Dissonante Akkorde und monoton vibrierende Tonteppiche wechseln sich mit jazzigen Elemente ab. Die gesamte Klangkulisse ist darauf angelegt, die Geschichte von Ort und Zeit zu entkoppeln.

"Es handelt sich um Anstand"

Bei der Zusammenstellung der Sprecher und Sprecherinnen haben die Macher des Hörspiels (Regie: Frank-Erich Hübner) ein gutes Gespür bewiesen: Das Ensemble harmoniert von Anfang bis Ende. Götz Schubert übernimmt den Mammutpart, er ist als Dr. Rieux zu hören und spricht die Hauptperson des Romans eindringlich zwischen Verzweiflung und Abgeklärtheit. Die Figur des Arztes gilt als so etwas wie der Prototyp von Camus' philosophischem Grundgedanken: Der Mensch, der gegen das Absurde und die Sinnlosigkeit der Welt revoltiert. Dr. Rieux macht weiter, einfach immer weiter, er diagnostiziert, hilft Kranken, spendet Sterbenden Trost. "Bei alldem handelt es sich nicht um Heldentum", erklärt er seinen selbstlosen Einsatz. "Es handelt sich um Anstand. Das ist eine Idee, über die man lachen kann, aber die einzige Art, gegen die Pest anzukämpfen, ist der Anstand."

35545371.jpg

Albert Camus bekam 1957 für sein Gesamtwerk den Nobelpreis für Literatur.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wie unterschiedlich Menschen auf Epidemie und Ausnahmezustand reagieren, spiegelt sich in vielen der anderen Figuren: Der Journalist Rambert (Felix Goeser) versucht vergeblich, illegal die Stadt zu verlassen und zu seiner großen Liebe nach Frankreich zu fliehen. Währenddessen predigt ein Pater (Gerd Wameling) den Menschen von seiner Kanzel, dass die Seuche eine "Strafe Gottes" sei.

Die einen helfen, die anderen profitieren

Als die Ärzte kaum noch wissen, wie sie ihre Zeit zwischen der Versorgung Tausender Kranker und der gleichzeitigen Suche nach einem Impfstoff aufteilen sollen, springen ihnen Freiwillige zur Seite, darunter auch der etwas verspulte Grand (großartig: Wolf-Dietrich Sprenger). Eigentlich möchte der Rathausangestellte einen Roman schreiben, tüftelt aber immer noch am ersten und bisher einzigen Satz herum. Nun unterstützt er die Ärzte mit seinem Faible für Listen und führt eine Statistik über die Krankheits- und Todesfälle der gesamten Stadt. Auf keinen Fall zum Helfer in der Not werden will Cottard (Horst Mendroch). Er hofft, dass die Pest so lange wie möglich andauert. Denn dem Schmuggler, der sich kurz vor Ausbruch der Seuche noch umbringen wollte, droht nach dem Ende der Pest die Verhaftung.

Was man nicht vergessen darf, wenn man den Roman liest oder das Hörspiel hört: Camus schrieb "Die Pest" als Allegorie auf die Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges - die Seuche, das waren die Nazis. Aber der Text ist auch losgelöst von diesem Hintergrund ein Sinnbild dafür, was Extremsituationen mit Menschen machen. Und er hat eine Botschaft, nämlich dass man Krisen nur mit Solidarität und emotionaler Zugewandtheit die Stirn bieten kann. Götz Schubert sagt als Dr. Rieux einen Satz, der ein wenig Mut macht: Während einer Seuche lerne man, "dass es einen Menschen mehr zu bewundern, als zu verachten gibt".

Quelle: ntv.de