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Montag, 15. Januar 2018

Die Cranberries-Sängerin ist tot: Dolores O'Riordan, unglücklich im Glück

Von Volker Probst

Es gibt Künstler und Bands, die auf eigentümliche Art polarisieren. Die Cranberries gehören dazu. Oder gehörten, wie man jetzt wohl sagen muss. Frontfrau Dolores O'Riordan ist mit nur 46 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Es ist 1994. Hochphase der MTV-Ära. Während aus den USA die Grunge-Welle die Welt überspült, bricht in Europa ein goldenes Zeitalter des Alternative-Rocks an. Englische Bands wie Radiohead, Blur, Suede oder Pulp hieven den Sound, für den früher noch die Bezeichnung "Independent" gegolten hätte, von der Subkultur in den Mainstream. Und eine Gruppe aus dem benachbarten Irland, bei der - selten genug - mal kein Mann, sondern eine Frau das Zepter schwingt: die Cranberries mit Sängerin Dolores O'Riordan.

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Wer sich damals für aktuelle Musik interessiert, kommt an ihnen nicht vorbei. Und das nicht nur, weil sich ihre dritte Single "Zombie" so eindringlich - oder wie Kritiker sagen mögen markerschütternd - ins Gehör frisst, dass man sie einfach nicht mehr so schnell vergessen kann. Auch das dazugehörige Video, das bei MTV rauf und runter läuft, setzt ein Ausrufezeichen. "What's in your head?", trommelt es einem von der komplett in Blattgold getauchten O'Riordan vor einem Kreuz entgegen, während dazu Kinder mit Spielzeugwaffen zwischen patrouillierenden Soldaten tollen. Denn in "Zombie" geht es um den Nordirlandkonflikt, der Anfang der 90er noch immer tobt.

Verehrt und kritisch beäugt

Rasch werden die Cranberries weltweit gefeiert. Nicht nur "Zombie" erreicht nahezu überall die vordersten Regionen der Charts, sondern auch das Album "No Need To Argue", auf dem sich der Song befindet. Und die Gruppe soll kein One-Hit-Wonder bleiben. Auch ihre beiden folgenden Alben "To The Faithful Departed" und "Bury The Hatchet" sind Kassenknüller, ehe nach der Jahrtausendwende der Erfolg abflacht und sich die Band 2003 vorerst auflöst. Doch zumindest in ihrer irischen Heimat werden die Cranberries auch dann noch wie Nationalheilige verehrt.

So fing alles an: Dolores O'Riordan bei einem Auftritt mit den Cranberries 1992 in San Francisco.
So fing alles an: Dolores O'Riordan bei einem Auftritt mit den Cranberries 1992 in San Francisco.(Foto: imago/MediaPunch)

Andernorts hingegen weicht die anfängliche Euphorie alsbald zunehmend kritischen Tönen. Vor allem die Presse tut sich schwer mit der Band. Das liegt nicht zuletzt an O'Riordan. Sie erweist sich als sperrig und unbequem. In Interviews ist sie bisweilen zickig, stets jedoch keine einfache Gesprächspartnerin. Eher ein Journalisten-Schreck. Die Gruppe muss mit Verrissen leben, die nicht im Einklang zu ihren Erfolgen stehen. Dabei ist O'Riordan selbst ein Opfer ihrer eigenen Dämonen.

Kampf mit den Dämonen

Als n-tv.de 2012 anlässlich des Comeback-Albums "Roses" der Cranberries mit O'Riordan spricht, gleicht das Interview einer Therapie-Sitzung. Die Sängerin schüttet ihr Herz aus - über die Depressionen, die sie angesichts des Erfolgsdrucks nach "Zombie" bekam, über ihre Identitätskrise zwischen ihrem früheren Ich und dem plötzlichen Popstar-Dasein, über ihre Einsamkeit am Zenit des Ruhms, über ihre verlorene Jugend und über Interviews, in denen sie Abertausend Mal das selbe gefragt wurde. Sie spricht über persönliche Dramen wie die Krebstode ihrer Schwiegermutter und ihres Vaters, aber auch über ihre Religiosität als Katholikin und ihre Verantwortung als dreifache Mutter.

2017 war sie mit den Cranberries noch einmal auf Tour - hier bei einem Auftritt im polnischen Breslau.
2017 war sie mit den Cranberries noch einmal auf Tour - hier bei einem Auftritt im polnischen Breslau.(Foto: picture alliance / Maciej Kulczy)

O'Riordan ist zu diesem Zeitpunkt noch immer kein einfacher Mensch. Ihren Dämonen mag sie sich bis dahin schon x-mal gestellt haben, sie mag umgänglicher sein als früher, doch noch immer drängt sich der Eindruck auf, es mit einem Menschen zu tun zu haben, der vor allem eines ist: unglücklich. Dabei hätte die Sängerin allen Grund, glücklich zu sein. Unzählige Möchtergern-Popstars recken sich ihr Leben lang danach, ähnlich erfolgreich wie sie zu werden. O'Riordan, so wird gemunkelt, ist eine der reichsten Frauen Irlands - wenn nicht sogar die reichste.

Scheu, zurückhaltend, ängstlich

Ihren Frieden mit der Band scheint die Sängerin indes gemacht zu haben. 2017 verpassen die Cranberries einigen ihrer größten Hits auf der CD "Something Else" ein neues, orchestrales Gewand und präsentieren das Ergebnis live unter anderem im Berliner Admiralspalast. O'Riordan ist stimmgewaltig wie eh und je - und dennoch eine traurige Gestalt. Während alte und junge Fans ihren Auftritt frenetisch feiern, ist ihr Ausdruck scheu, zurückhaltend, ja, geradezu ängstlich.

Abseits der Bühne spielen sich schließlich bei ihr weitere Dramen ab. 2014 trennt sie sich nach 20 Jahren von ihrem Ehemann Don Burton, dem Vater ihrer Kinder. Im gleichen Jahr macht sie Schlagzeilen, weil sie nach einem Ausraster im Flugzeug in Gewahrsam genommen wird - sie habe eine Stewardess und einen Polizisten attackiert, heißt es. Im späteren Prozess entschuldigt sich ihr Anwalt mit dem Hinweis auf den äußerst schlechten psychischen Zustand seiner Mandantin zum Zeitpunkt des Vorfalls.

Pläne für die Zukunft

Im September 2017 spricht O'Riordan über "Something Else" in der britischen Presse. Und sie spricht über ihre Pläne. Sie sagt, sie wolle gerne ein weiteres Album machen, auf Tour gehen und mit anderen Künstlern arbeiten. Zugleich jedoch offenbart sie erstmals, an einer bipolaren Störung zu leiden. Diagnostiziert worden sei die Krankheit erst zwei Jahre zuvor.

Die Todesursache von Dolores O'Riordan mit gerade einmal 46 Jahren bleibt zunächst unbekannt. Doch eines ist sicher: Ihre Dämonen ist sie nie ganz losgeworden.

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Quelle: n-tv.de