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Comeback mit Seelen-Striptease Die Rückkehr der Cranberries

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Mike Hogan, Fergal Lawler, Dolores O'Riordan und Noel Hogan - die Cranberries sind wieder vereint.

(Foto: Jess Baumung / Universal Music)

Ihr Hit "Zombie" machte die Cranberries einst über Nacht zu Weltstars. Doch der Ruhm hatte auch Schattenseiten. Sängerin Dolores O'Riordan kam damit nicht zurecht - und viele daraufhin auch nicht mehr mit ihr. Nun will sie es noch einmal wissen - mit den Jungs, dem Album "Roses" und allerlei Erklärungsversuchen.

Es ist 1994. WAAAAS, schon knapp 18 Jahre ist das her?!? Ja, ist es.

Also, noch mal von vorn: Es ist 1994. Irgendwo, auf MTV oder dem wenig zuvor brandneu gegründeten Sender Viva, läuft ein Musikvideo. Es ist vorwiegend schwarz-weiß gehalten, doch farbig heraus sticht eine zierliche Frau, deren Körper komplett mit Blattgold überzogen ist und die uns entgegenschmettert: "In your head, in your head, Zombie, Zombie, Zombie-eh-eh-eh".

Der Song passt in die Zeit wie die Faust aufs Auge. Text und Video thematisieren den damals noch blutigen Nordirland-Konflikt. Die Musik liegt irgendwo zwischen dem gerade noch immer angesagten Grunge-Sound aus den USA und dem Indie-Rock in der Tradition des guten, alten Europa. Und dazu noch dieses durchdringende Organ der Sängerin! Ihr Name: Dolores O'Riordan. Ihre Band: The Cranberries.

Ruhm und Hass

Die Gruppe, die sich 1989 im beschaulichen Limerick im mittleren Westen Irlands gegründet hatte, steht in diesem Moment auf dem absoluten Zenit ihrer Karriere. Nach ihrem bereits ebenfalls sehr erfolgreichen Debütalbum "Everybody Else Is Doing It, So Why Can't We?" stürmt ihr zweites Werk "No Need To Argue", das auch den Hit "Zombie" enthält, beinahe überall die vordersten Charts-Regionen - von Australien über Europa bis zu den USA. Die Cranberries sind Weltstars.

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"Mich hat alles erdrückt", sagt O'Riordan rückblickend auf die Anfänge ihrer Karriere.

(Foto: REUTERS)

In einer Zeit, in der sich mit CDs noch richtig Geld verdienen lässt, verkaufen die Cranberries Alben im zweistelligen Millionenbereich. Bis heute sollen es sogar rund 40 Millionen sein. Dolores O'Riordan sei eine der reichsten Frauen Irlands, wird gemunkelt, wenn nicht sogar die reichste. Lediglich ihre Gesangskollegin Enya könnte ihr da wohl noch den Rang ablaufen.

Doch so mega-erfolgreich wie die Gruppe ist, so umstritten ist sie alsbald in den Medien. Für manch einen wird sie geradezu zum Hassobjekt. Anlass dafür liefert nicht zuletzt O'Riordan selbst. In Interviews reagiert sie zunehmend zickig und fährt Journalisten gerne auch mal ziemlich grundlos an.

Die Schatten der Vergangenheit

Eigentlich ist das ja längst Schnee von gestern. Schließlich sind wir mit der Sängerin am Telefon zu einem Gespräch über das nigelnagelneue Comeback-Album der Cranberries namens "Roses" verabredet. Dementsprechend dreht sich eigentlich nur eine Handvoll der knapp zwanzig vorbereiteten Fragen um das, was früher einmal war. Doch O'Riordan selbst scheint es mehr als nur ein dringendes Bedürfnis zu sein, die Schatten aus der Vergangenheit zu vertreiben. Einmal auf ihr damals gespaltenes Verhältnis zur Presse angesprochen, sprudelt es aus der Sängerin nur so heraus, dass an eine Abarbeitung unseres Fragenkatalogs nicht länger zu denken ist.

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Schon 2009 kam die Band wieder zusammen.

(Foto: Jess Baumung / Universal Music)

Ohne einem groß die Chance zum Einhaken zu geben, spricht O'Riordan knapp zehn Minuten am Stück über ihre erfolgreichste Zeit mit den Cranberries, die ganz offensichtlich zugleich die für sie schlimmste ihres Lebens war. "Mich hat damals einfach alles erdrückt", sagt die Sängerin und beginnt bei der Situation, in der sie 1990 zur Band stieß. "Damals war ich sehr jung und unerfahren. Ich war gerade mal 18. Ich trug noch meine Schuluniform!" Nur knapp drei Jahre später hat die Band mit ihrem Debütalbum bereits einen auch in Übersee erfolgreichen Millionen-Seller am Start - und den Druck, einen adäquaten Nachfolger zu produzieren, am Hacken. Schon da geriet O'Riordan nach eigenem Bekunden in eine Identitätskrise. Auf einmal war sie berühmt, wäre jedoch viel lieber die Person gewesen, die sie zuvor gewesen ist.

Trotzdem habe sie mit der Band zusammen weitergearbeitet. Ohne Pause. Mit Erfolg, könnte man angesichts des Triumphs von "No Need To Argue" sagen. Doch O'Riordans Bilanz fällt anders aus: "Sinnbildlich gesprochen, war die Zeit, in der die Band den Zenit ihres Erfolgs erreicht hatte, die zugleich einsamste Zeit meines Lebens", erklärt sie. "Die Freunde, die mit mir zum College gegangen sind, hatten die Freiheit, jung und verrückt zu sein." Sie aber habe ihre Jugend in irgendwelchen Hotels verbracht, ständig umringt von Leuten, denen es jedoch weniger um sie gegangen sei als darum, ihr das richtige Make-up aufzulegen und die Haare zu machen. Hinzu kamen "zu viele Interviews, bei denen man sich dauernd wiederholen musste". Sie habe sich gefühlt wie unter einem Mikroskop, so die Sängerin. "Alles, was ich tat, wurde überinterpretiert."

"Unglücklich und einsam"

Die Popularität, die für viele ein Traum ist, glich für O'Riordan einem Alptraum. "Da verliert man irgendwann das Gespür für sich selbst", sagt sie. "Irgendwann wird man unglücklich. Und irgendwann wirkt sich das auch auf den Charakter aus." Was aber, so fragt sie rhetorisch, habe das Leben für einen Sinn, wenn man unglücklich ist. "Unglücklich und einsam."

Dass angesichts dieser Lebensumstände viele Rockstars zu Drogen oder ähnlichem griffen, könne sie nur allzu gut verstehen, erklärt die Musikerin. Sie indes sei schließlich zusammengebrochen. Obwohl sie 1994 aufgrund eines Skiunfalls eine größere Operation über sich habe ergehen lassen müssen, sei sie noch mit Krücken wieder auf die Bühne zurückgekehrt. Bald danach ging nichts mehr. "All das, was für das Leben grundlegend ist, hat auf einmal nicht mehr funktioniert. Ich konnte nicht mehr schlafen, nichts essen", beschreibt O'Riordan die Auswirkungen ihres Kollapses. "Ich zitterte die ganze Zeit, war dauernd nervös. Es beunruhigte mich, auf die Straße zu gehen. Ja, sogar, mein Zimmer zu verlassen" - erst recht, da vor ihrer Tür die Paparazzi bereits lauerten.

Wieder "in Freiheit"

Dass das inmitten dieses persönlichen Kampfes 1996 erschienene dritte Cranberries-Album "To The Faithful Departed" vom kommerziellen Erfolg her hinter dem Vorgänger zurückblieb, war, so gesehen, für die Sängerin geradezu ein Segen. Insbesondere jedoch habe sie ihre Schwangerschaft gerettet, berichtet O'Riordan. "Ich war im dritten Monat schwanger, als meine Großmutter gestorben ist. Als ich in der Leichenhalle von ihr Abschied nahm, wartete davor wieder ein Paparazzo. Da wurde mir klar, dass ich in Irland nie die Privatsphäre haben würde, die ich für mich und insbesondere während meiner Schwangerschaft brauchen würde", sagt die Sängerin.

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Der Job als Vollzeit-Mama hat ihr dann doch nicht länger genügt.

(Foto: dapd)

Also flüchtete sie nach Kanada, das Land ihres Ehemanns Don Burton, den sie bereits 1994 geheiratet hatte. Hier brachte sie im November 1997 ihren Sohn zur Welt. Und nun, da sie quasi am anderen Ende der Welt war, sei sie schließlich auch in ihrer Heimat aus dem Fokus gerückt. "Das war fantastisch", sagt O'Riordan, "ich hatte meine Freiheit zurück". Punkt.

Nach diesem ausführlichen Exkurs in die Vergangenheit könnte man direkt mit der Gegenwart weitermachen: O'Riordan ist heute 40 Jahre alt. Sie lebt hauptsächlich in Kanada. Sie hat vier Kinder - drei leibliche sowie einen Stiefsohn aus einer früheren Beziehung ihres Mannes. Doch auch, wenn die ersten Karriere-Jahre in jeder Hinsicht für die Sängerin entscheidend waren, gilt es zunächst noch, die Lücke, die zwischen 1997 und heute liegt, zu schließen.

Vollzeit-Mama statt Rockstar

Mit "Bury The Hatchet" und "Wake Up And Smell The Coffee" veröffentlichen die Cranberries 1999 und 2001 zwei weitere Alben. Beide sind alles andere als Flops und schaffen etwa in Deutschland jeweils den Sprung in die Top Ten. Gleichwohl ist der rasante Höhenflug der Band aus den Anfangstagen vorbei. 2003 arbeitet die Gruppe an ihrer sechsten CD. Doch wieder ist es ein Kind, das O'Riordans Leben umkrempeln soll - diesmal ihre 2001 geborene Tochter. "Ich habe festgestellt, dass es für mich mit zwei kleinen Kindern nicht mehr richtig funktionieren würde, auf Tour zu gehen", erinnert sich die Sängerin. "Also habe ich mich zurückgezogen, bin zu Hause geblieben und wurde eine Vollzeit-Mama."   

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Papst Johannes Paul II. traf die Sängerin persönlich.

(Foto: REUTERS)

Aber auch wenn sie das Leben als "Mommie" in vollen Zügen genossen habe - "nur" Hausfrau zu sein, war ihr dann doch nicht genug. "Ich glaube, kreative Menschen müssen immer etwas tun, um glücklich zu bleiben", erklärt O'Riordan. Und sei es nur, dass sie für ihre Kinder zu stricken begann. Auch zu malen habe sie in der Zeit ohne die Cranberries angefangen, ganz abgesehen davon, dass auch die Musik sie nie losgelassen habe. Zwei Soloalben sind das Ergebnis. Doch, so die Sängerin: "Das war mehr wie ein Hobby."

Möglicherweise wäre es das ja auch geblieben, wäre O'Riordan Anfang 2009 nicht vom Trinity College in Dublin zu einer Ehren-Schirmherrin ernannt worden. Ganz vergessen hat man die berühmte Tochter in ihrer Heimat dann eben doch nicht - und so bat man sie, während der zugehörigen Zeremonie doch gleich auch noch ein paar Lieder zu singen. "Also fragte ich die Jungs, ob sie nicht dazukommen wollten", sagt O'Riordan. Wenig später war die Reunion der Cranberries perfekt. Schon im November 2009 ging die Gruppe erstmals nach mehr als sechs Jahren wieder gemeinsam auf Tour. Und nun, nach mehr als zwei weiteren Jahren, erscheint mit "Roses" auch das Album zum Comeback.

Zurück zu den Wurzeln

"Heute ist das viel einfacher. Meine Kinder sind ja jetzt schon viel größer", erläutert O'Riordan, weshalb ihr die Teilnahme am Rockstar-Zirkus nun wieder leichter fällt als noch vor ein paar Jahren. "Aber ich chatte mit ihnen am Computer oder wir schreiben uns E-Mails." Ganz aus der Mutterrolle raus kann und will die 40-Jährige dann eben doch nicht.

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Das Album "Roses" ist ab sofort im Handel.

(Foto: Universal Music)

Musikalisch indes ist "Roses" eine Reise zurück zu den Wurzeln der Band. Produziert hat das Album kein Geringerer als Stephen Street, der auch schon bei den beiden ersten Erfolgsalben der Band an den Reglern saß. Und das hört man. Mancher Gitarrenlauf erinnert gar ein wenig an die Indie-Heroen "The Smiths", die Street zu ihrer Hochphase in den 80er-Jahren ebenfalls unter seinen Fittichen hatte. Der Sound und natürlich vor allem O'Riordans Stimme sind unverwechselbar, gleichwohl kommt einem "Roses" im Vergleich zu den frühen Cranberries-Werken ausgesprochen relaxed vor - mehr Pop, weniger Grunge. "Ja, es ist sehr relaxed", bestätigt die Sängerin. "Ich glaube, wir Menschen finden mit dem Alter mehr Frieden in unseren Herzen. Wir lernen, uns selbst und andere zu akzeptieren, Vorurteile abzubauen, weil jeder Schwächen hat."

Es ist bei Weitem nicht das einzige Mal in dem Gespräch, dass O'Riordan auf eine an sich banale Frage sehr grundsätzlich antwortet. Auch als es etwa darum geht, ob ein Allzeit-Hit wie "Zombie" denn eher ein Fluch oder ein Segen sei, setzt sich die Sängerin lebensanschaulich damit auseinander: "Ich würde immer sagen: Mein Glas ist halbvoll. Ich denke, das ist die beste Art, auf das Leben zu blicken. Und sich selbst zu akzeptieren. Von daher sehe ich es wirklich als Segen."

Gott und die Welt

Möglicherweise beruht O'Riordans Nachdenklichkeit auf ihrer Religiosität. Sie ist Katholikin. Papst Benedikt XVI. nennt sie schon mal liebevoll "Benny", seinen Amtsvorgänger Johannes Paul II. hat sie persönlich getroffen. "Aber ich würde mich nie hinstellen und sagen, dass eine Religion recht hat und die andere nicht", stellt sie klar. Am Ende hätten ja doch alle Religionen die gleiche Philosophie: "In der Welt gibt es gut und böse. Es gibt ein höheres Wesen, eine Spiritualität, einen Gott und eine negative Kraft, die uns dazu bringt, schlechte Dinge zu tun."

Möglicherweise ist es aber auch schlicht nur das irdische Leben selbst, das die Sängerin dazu gebracht hat, sehr fundamental auf die Dinge zu blicken. Nicht nur der Starrummel um ihre Person in jungen Jahren scheint sie massiv geprägt zu haben, sondern auch so mancher privater Schicksalsschlag. Vor einigen Jahren starb ihre Schwiegermutter an Krebs, nun, nur wenige Wochen vor unserem Interview, auch ihr Vater. Der Titelsong des neuen Cranberries-Albums, "Roses", wurde von ihm inspiriert. "Er kämpfte sechseinhalb Jahre gegen den Krebs", erklärt O'Riordan. "Ihm dabei zuzusehen, war sehr traurig."

Doch, so O'Riordan, sich in Traurigkeit zu suhlen sei keine Lösung. "Man muss ja weitermachen. Ich habe Kinder. Wenn ein Mensch stirbt, wird ein Baby geboren. Der Kreis des Lebens schließt sich immer wieder", rückt sie die Geschehnisse wie gewohnt in einen größeren Zusammenhang. Für sie ganz persönlich indes heißt Weitermachen nun erst einmal die Rückkehr ins Rampenlicht mit den Cranberries. Nein, mit der jungen, zierlichen und unerfahrenen Frau aus dem "Zombie"-Video hat Dolores O'Riordan allem Anschein nach nicht mehr allzu viel gemein. Aber das ist womöglich auch besser so.

Die Cranberries geben ihr einziges Deutschland-Konzert 2012 am 25. Juni in Berlin.

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Quelle: n-tv.de

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