Musik

Der "Pop" eines Tausendsassas Fynn Kliemann hat Feuer unterm Hintern

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Volle Fahrt voraus - ob als Youtuber, Musiker oder Masken-Produzent: Fynn Kliemann.

(Foto: Nikita Teryoshin)

Fynn Kliemann ist den meisten als Heimwerker und Youtuber, aber auch als Musiker bekannt. So erscheint nun sein zweites Album "Pop". Doch die Corona-Krise hat ihm noch eine andere Karriere beschert: Ganz nebenbei wurde er zu einem der größten Schutzmasken-Hersteller in Europa.

Wie bei den meisten Menschen stellte die Corona-Krise auch das Leben von Fynn Kliemann komplett auf den Kopf. Er musste ein Festival absagen, die Kinopremiere seines Doku-Films ins Netz verlegen und sein Kreativzentrum "Kliemannsland" schließen.

Aber Kliemann ist nicht der Typ, der den Kopf in den Sand steckt. Er tritt lieber die Flucht nach vorne an. "Ich muss zugeben, dass solche Situationen mich echt antreiben", sagt er. "Natürlich ist es schrecklich, wenn Leute durch diese Krise existenziell oder gesundheitlich bedroht sind, aber ich merke, dass ich gerade extrem motiviert bin. So was macht mir echt Feuer unterm Hintern." So kommt es, dass Kliemann im Laufe der vergangenen Wochen zu einem der größten Schutzmasken-Hersteller Europas geworden ist.

Youtube, Musik, Masken

Für alle, die Fynn Kliemann noch nicht kennen: Der 29-Jährige hatte schon immer viele Feuer im Eisen. Bekannt wurde er durch seinen Youtube-Kanal mit Heimwerker-Videos, die millionenfach aufgerufen werden. Darüber hinaus ist er Webdesigner und hat seine eigene Werbeagentur. 2016 kaufte er einen alten Bauernhof in einem 250-Seelen-Dorf 100 Kilometer südwestlich von Hamburg, den er zu einem Zentrum für Kreative umbaute. Im "Kliemannsland" finden Flohmärkte und Konzerte statt und es gibt ein Café.

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Das "Kliemannsland" befindet sich rund 100 Kilometer von Hamburg entfernt in Niedersachsen.

(Foto: imago images/Manngold)

Seit zwei Jahren ist Kliemann zudem als Musiker erfolgreich: Sein erstes Album "Nie" verkaufte sich ganz ohne Plattenfirma im Rücken über 100.000 Mal. Und als wäre das alles nicht genug, stellt er nun halt auch noch Corona-Masken aus Polypropylen her.

Wie das passiert ist? "Da kamen mehrere Sachen zusammen", erklärt er am Telefon. Mit seiner Firma Global Tactics stellt Kliemann für Musiker wie Clueso und Milky Chance sowie seinen eigenen Onlineshop seit einiger Zeit faire Klamotten her. "Unser Produzent war kurz davor, schließen zu müssen, weil ihm durch die Corona-Krise so viele Jobs weggebrochen sind. Wenn er zumacht, kann ich keine Klamotten mehr herstellen. Schon aus eigenem Interesse wollte ich also etwas tun, damit er überlebt. Parallel kriegte man mit, dass in China Masken knapp wurden. Ich dachte, die Masken kommen doch von da - wenn die schon keine mehr haben, wie soll es dann bei uns werden? Also haben wir beschlossen, Schutzmasken herzustellen."

"Ich habe andere Werte"

Kliemann ließ Muster entwerfen, Maschinen umbauen und Personal schulen. Los ging es mit 1000 Masken, inzwischen lässt Kliemann in Fabriken in Portugal und Serbien eine Million Stück pro Woche herstellen.

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Quasi nebenbei stieg Kliemann zum Masken-Produzenten auf.

(Foto: Brian Jakubowski)

Die wiederverwendbaren Masken sind einfach und schlicht, es gibt sie in Schwarz, Weiß und Rot. Medizinisch zertifiziert sind sie (noch) nicht. Trotzdem bestellen zahlreiche Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser bei Kliemann. Und auch Privatleute reißen sich um die Masken. Kein Wunder, denn mit 2,20 Euro pro Stück gehören sie zu den günstigsten.

Kliemann verdient damit kein Geld, sondern verkauft sie zum Selbstkostenpreis. "Es gibt Dinge, die müssen sich nicht großartig rentieren", sagt er. "Es geht im Leben nicht nur um Reichtum. Das war mir schon immer extrem egal. Ich habe andere Werte. Uns ging es darum, möglichst vielen Menschen zu helfen, die gerade dringend Hilfe brauchen."

100.000 Masken hat Kliemann an Flüchtlingscamps in Lesbos und Townships in Südafrika gespendet. Als Held möchte er trotzdem nicht dastehen. "Wir hatten die Kapazität und die Möglichkeit - und wir helfen damit ja auch uns selbst. Es rettet unsere Produzenten und finanziert unsere Leute."

Aus der Not eine Tugend

Doch nicht nur in Hinblick auf die Masken hat Kliemann einen Weg gefunden, das Beste aus der gegenwärtigen Situation zu machen. Die Premiere seines Films "100.000 - Alles, was ich nie wollte", der die Entstehung seines ersten Albums dokumentiert und am 29. Mai im Kino laufen sollte, verlegte Kliemann kurzerhand ins Internet. 107.000 Menschen haben online ein Ticket gekauft. 25 Prozent der Einnahmen gehen an lokale Kinos. Dadurch will Kliemann seinen Beitrag leisten, dass kleine Kinos die Krise überleben.

Auch in Bezug auf das Musikvideo seiner neuen Single "Schmeiß mein Leben auf den Müll" machte er aus der Not eine Tugend: Weil der eigentliche Dreh wegen der Corona-Pandemie platzte, forderte er seine Fans auf, ihm für ein alternatives Musikvideo Bilder von sich zu schicken. Nach zehn Stunden hatte er bereits 50.000 Zusendungen.

Der Song stammt aus Kliemanns neuem Album "Pop", das am 29. Mai erscheint. Denn ja, Musik macht er nebenher auch noch. Sogar ziemlich gute. Von eingängigem Pop über sanfte Balladen bis hin zu Hip-Hop-Beats präsentiert Kliemann sich dieses Mal noch vielseitiger als auf seinem Debüt. Er spielt mit Synthies, Trap-Beats und Gesangs-Effekten. Dazu gibt es clevere Reime, in denen Kliemann all das verarbeitet, was ihn beschäftigt. Es geht um Selbstzweifel, Ängste und Selbstreflexion.

"Das ist mein Leben!"

"Die Hook" zum Beispiel handelt davon, dass jeder, wirklich jeder Song ein Krampf ist. In "Warten" derweil thematisiert Kliemann das Hin- und Hergerissensein zwischen seiner künstlerischen Getriebenheit und seiner Freundin. Und im "Schlaflied" singt er: "Ich will nicht schlafen, ich will reisen". Kliemanns großes Problem - zu viele Ideen und zu wenig Zeit? "Na klar", sagt er. "Das ist mein Leben!"

Wie schon beim Vorgänger gibt es das Album ausschließlich über Kliemanns eigenen Webshop. Es wird nur so oft gepresst, wie es vorbestellt wird. Wer also bis zum 29. Mai kein Exemplar geordert hat, geht leer aus.

"Ich finde den Ansatz einfach gut", sagt Kliemann. "In meinem Kopf ist das die einzige Art und Weise, wie man noch physische Produkte herstellen sollte. Am Schluss bleibt nichts übrig, das man wegschmeißen muss und wir produzieren ressourcenschonend. Meine Sachen sind einerseits immer liebevoll durchdacht und zweitens ein kompletter Gegenentwurf zu dem, was normalerweise so läuft."

Ein Euro für den Nachwuchs

Auch in Bezug auf das Album hat sich Kliemann also wieder etwas Besonderes einfallen lassen: Für jedes verkaufte Album geht ein Euro in einen Fonds für Nachwuchsförderung. Alle Leute, die das Album gekauft haben, können dann online für einen Newcomer abstimmen, der das Geld für die Produktion eines Albums bekommt.

Woher kommt bei Kliemann eigentlich dieser Wunsch, anderen Gutes zu tun? Dem Hobbypsychologen springt natürlich sofort ins Auge, dass seine Eltern Sozialpädagogen waren und zum Teil acht Pflegekinder zu Hause aufgenommen haben. "Das hat eher dazu geführt, dass man am Küchentisch so schnell wie möglich gegessen hat, damit man möglichst viel Wackelpudding abbekommt", lacht Kliemann.

"Alles, was ich mache, hat an sich ganz egoistische Grundzüge. Eine der schönsten Sachen in meinem Leben ist neue Musik. Ich profitiere also davon, wenn ich junge Musiker fördere. Ich gehe auch gerne ins Kino, also muss ich etwas dafür tun, dass es weiter Kinos gibt. Der politische Grundgedanke dahinter ist: Es wird immer rumgemostert, was alles schlecht ist, aber niemand macht etwas. Ich bin inzwischen in der glücklichen Lage, dass ich viele Menschen erreichen und einen Unterschied machen kann. Vielleicht ist das dann ein Vorbild für Leute, die eine noch größere Reichweite haben und noch mehr erreichen können - weil sie sehen, dass es funktionieren kann."

Quelle: ntv.de